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[AAR] God is a Girl

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    • Sie war völlig Wahnsinnig! Dieser eine Gedanke beherrschte Kyon schon seit sie das Gesindeviertel im Norden der Stadt betreten hatten. Haruhi wollte zu einem Ort von dem sie in den Aufzeichnungen ihres Onkels gelesen hatte. Einer kleinen, schäbigen und von außen eigentlich ganz und gar unauffälligen Taverne. Aber jeder wusste, dass man sich von dort fernhielt! Selbst er, und dabei stammte er nicht einmal aus Guerilla. An diesem Ort trafen sich die ´freiberuflichen` Auftragsmörder der Republiken. Oder mit anderen Worten, alle die gerne Leute umbrachten, aber entweder nicht talentiert oder geistig gesund genug waren um der Gilde beizutreten. Niemand wäre je auf die Idee gekommen diese Männer als Leibwächter anzuheuern. Die Taverne besaß nicht einmal einen Namen. Lag vermutlich daran, dass alle paar Monate der Besitzer wechselte, weil der vorherige Wirt von den Gästen ausversehen abgestochen worden war.

      Um mal eins ganz kurz klarzustellen, ich bin kein Feigling. Aratarn, der beste Schwertkämpfer der ganzen Republiken hatte mich ausgebildet, aber das war einfach nur Selbstmord! Ich war ein Leibwächter in Ausbildung und dieser Abschaum da drin, verdiente seinen Lebensunterhalt damit Wachen wie mich ganz nebenbei umzubringen ohne überhaupt hinzusehen. Es war als würde man ein Kaninchen in eine Wolfshöhle werfen...also äh, damit meine ich natürlich nicht dass ich ein Kaninchen bin. Ich würde mich eher als einen...Wolf sehen. Ja genau, einen Wolf, in einer Höhle randvoll mit anderen, größeren und gemeineren Wölfen, die aus irgendeinem Grund Wolfsfleisch liebten. Oder so etwas in der Art.

      Jedenfalls ging Haruhi zielstrebig auf diesen grauen, alten Schuppen zu. Bevor er seine Sorge darüber zum Ausdruck bringen konnte, war Lady Asahina plötzlich ganz nah neben Kyon und legte ihm sanft ihre zierliche Hand auf die Schulter. Sie senkte die Stimme und sprach leise genug damit die anderen sie nicht hören konnten.
      „Kyon.“ flüsterte sie
      „Ja, meine Herrin?“ Gott roch sie gut, nach dem kräftigen Tee aus Ceicla und dem frischen Nordwind von einer Blumenwiese irgendwo in den Eisenbergen an einem kristallklaren See, umgeben von schneebedeckten Gipfeln um die mächtige Adler kreisten...gut vielleicht bildete Kyon sich das auch einfach nur ein.
      „Was auch immer gleich dort drin passiert, ich möchte dass du nicht eingreifst.“
      „Ähm, was? Sie will wirklich dort rein? Die bringen Euch und Haruhi um, Lady Asahina!“
      Haruhi drehte sich kurz um, als sie seinen empörten Aufschrei hörte und betrachtete die Beiden mit einem seltsamen Blick, vor allem Asahinas Hand auf seiner Schulter. Bildete er sich das nur ein, oder sah sie tatsächlich ein wenig verärgert aus?
      „Nicht so laut.“ flüsterte Asahina weiter und lächelte Haruhi unsicher zu, bis die Silberblatt das Interesse an ihnen verlor „Versprich mir, dass du nicht einschreitest, egal was passiert. Bitte, es ist wichtig.“
      „Warum? Ich bin hier um Euch zu beschützen, warum sollte ich zulassen dass Euch etwas zustößt?“
      „Weil Haruhi noch diesen Monat von den Schwertern der königlichen Soldaten in Stücke gehackt werden wird wenn das hier fehlschlägt.“
      Dieser ernste, besorgte Unterton in ihrer Stimme passte einfach nicht zu ihr. Was war denn jetzt schon wieder los? Fassungslos betrachtete er sie, hatte selbst sie jetzt schon Geheimnisse vor ihm? Es war ihm egal was in Yukis oder Koizumis Köpfen vor sich ging und welche seltsamen Pläne sie im Geheimen verfolgten, aber seine Lady Asahina? Anscheinend wusste jeder was hier vor sich ging, jeder außer ihm natürlich und vermutlich auch Haruhi, die war wahrscheinlich sogar noch ahnungsloser über die Dinge die um sie herum geschahen. Zum Glück hatte er keine Zeit mehr sich weiter Gedanken über Asahinas seltsames Verhalten zu machen, denn Haruhi nutzte es schamlos aus dass er in Gedanken versunken war und führte sie in der Zwischenzeit fröhlich in den sicheren Untergang.
      Als Kyon endlich wieder wahrnahm was um ihn herum passierte, befanden sie sich bereits mitten in einem dunklen, muffigen Schankraum. An den abgenutzten und oft notdürftig reparierten Tischen hockten locker um die 50 Männer und sahen sie überrascht an. Eine ganze Gruppe von jungen Adligen traf man hier selten, meistens schickte der Adel Diener um über Aufträge zu verhandeln. In Kyon stiegen erste Anzeichen von Panik auf, als er sah dass jeder der Anwesenden bewaffnet war. Endgültig am verzweifeln war er, als sich die Tür hinter ihnen schloss, und sich möglichst unauffällig, einige dieser Verbrecher davorstellten. Unbeirrt machte Haruhi sich auf den Weg zu dem staubigen, hölzernen Tresen. Direkt neben einem Mann mit grauen Haaren und faltigem Gesicht blieb sie stehen.
      „Mach mal Platz, ich möchte da sitzen.“ sagte sie einfach nur.
      Der Mann erhob sich schwerfällig und sah sie mit einem spöttischen Grinsen an „Was willst du denn? Sieh zu dass du Land gewinnst, oder...“ weiter kam er nicht. Haruhi rammte ihm wortlos die Faust in den Magen. Als er sich vor Schmerz und vor allem vor Überraschung nur ein klein wenig krümmte, schoss ihr rechter Fuß sofort vor und krachte gegen seinen Kopf. Wie es ihr gelang ihr Bein so weit hochzukriegen sollte mir immer ein Rätsel bleiben, auch wie sie es schaffte das ganze so vollkommen locker und leicht aussehen zu lassen. Jede ihrer Bewegungen war fließend und schnell gewesen, sie hatte keine Sekunde gezögert. Der Mann knallte auf den steinernen Boden und schlug hart mit dem Kopf auf. Kyon konnte selbst vom Eingang aus noch das leise Knacken hören. Er musste ohnmächtig sein, zumindest bewegte er sich nicht mehr, wenn man mal von einem gelegentlichen Zucken absah. Ohne den Mann noch eines Blickes zu würdigen, ließ sie sich nieder und winkte den Wirt zu sich heran.
      „Ein Bier.“ sagte sie strahlend, ohne sich im Geringsten um die Blicke der Anwesenden, welche zwischen ihr und dem Verletzten hin und her schwankten, zu scheren. Misstrauisch ließ der Wirt das Glas auf den Tresen krachen, hoffentlich zahlte sie bevor die sie umbrachten. Haruhi schnappte sich das große Bierglas, nahm einen tiefen Schluck und verzog angewidert das Gesicht „Bäh! Das schmeckt ja widerlich, was ist das? Abwasser? So was würde man an der Tafel meiner Mutter niemals auftischen, sie würde den Braumeister hängen lassen.“ langsam drehte sie den Kopf und sah sich in dem dreckigen Schankraum um „Wer ist der Anführer von euch Abschaum? Ich habe keine Lust mit jedem einzeln zu reden.“
      Der Mann neben Haruhi wandte sich zur ihr um. Kyon schluckte, das was dort neben ihr saß war sicher kein Mensch, es war eher ein riesiger Berg aus Fleisch, aus dem zwei winzige Schweinsäuglein hervorblitzten. Auf seinem Kopf sprossen ein paar blonde Haare, auch wenn die wenigen Härchen auf dem fleischigen, breiten Kopf hoffnungslos verloren wirkten. Er musste locker drei Köpfe größer sein als Haruhi, ach was rede ich da, eher vier. Er trug eine kurze Fellhose und eine ärmellose Weste, neben seinem Stuhl lehnte eine gewaltige Keule. Abschätzend betrachtete er das Mädchen von oben herab, wer war diese Verrückte?
      „Ah gut, das dachte mir schon irgendwie.“ lächelnd prostete sie ihm zu.
      „Ach? Und warum?“ seine Stimme klang wie das Brüllen eines Bären, obwohl Kyon sich sicher war dass jeder Bär vor ihm davonlaufen würde um sich verängstigt in irgendeiner Höhle zu verkriechen.
      „Ganz einfach, du hast diesen Ausdruck freundlicher Bösartigkeit und ehrlicher Hinterhältigkeit in den Augen, gemischt mit einem gesunden Maß an Brutalität. Das gefällt mir.“
      „Dasselbe wollte ich gerade über dich sagen.“
      sein Blick wanderte zu dem Mann der, noch immer zuckend, am Boden lag „Du hast den armen Davos ganz schön übel zugerichtet.“
      „Oh, ja kann sein.“
      erwiderte Haruhi schulterzuckend „Wird er es überleben?“
      „Hab schon schlimmeres gesehen. Wenn man ihn sofort zu einem Medikus bringt, der seinen Schädel versorgt, könnte er vielleicht durchkommen.“
      „Vielleicht.“
      sie starrte ungerührt in die kleinen, dunklen Augen des gewaltigen Mannes. Niemand machte Anstalten dem Verletzten zu helfen. Als sich, sehr viel später, endlich jemand erbarmte war es bereits zu spät für den Armen. „Wie heißt du?“
      „Bulldoz. Und wer bist du, meine Hübsche? Ich weiß gerne die Namen meiner Opfer.“
      „Haruhi, Haruhi Silberblatt. Meine Mutter ist die Matriarchin von Vanidarien, Göttin des Nordens, Tochter des Weißen Baums und Gottkönigin von Varos.“

      Sofort machte sich Aufregung unter den Männern an den Tischen breit. Viele zogen lange Dolche, einige sogar Schwerter und sprangen begeistert auf.
      „Ruhig! Unser Geld läuft schon nicht weg!“ hielt Bulldoz sie zurück, bevor er sich wieder Haruhi zuwandte „Wusstest du dass der Vizekönig, ganz inoffiziell natürlich, ein nettes Kopfgeld auf dich ausgesetzt hat, Kleine?“
      „Nein, aber damit habe ich gerechnet. Wie hoch ist es?“
      fragte sie unbeeindruckt nach.
      „5000 Goldstücke. Selbst wenn ich es mit meinen Männern teile, bleibt noch immer ein kleines Vermögen für mich übrig.“ er sah irgendwie nicht so aus als würde er besonders viel mit seinen Männern teilen, Kyon fragte sich ob die wohl je mehr als ein paar Münzen von dem Kopfgeld sehen würden.
      „So wenig?“ Haruhi klang ernsthaft beleidigt, dabei konnte man mit dem Geld eine kleine Armee ausrüsten „Koizumi! Erinnere mich daran dem Vizekönig zu schreiben. 5000! Was für eine Frechheit. Alleine das wäre schon ein Kriegsgrund.“
      „Glaubst du wirklich, dass du noch Gelegenheit hast dich zu beschweren?“
      fragte Bulldoz neugierig nach.
      „Nun falls nicht, möchte ich dich bitten ihn von meiner Unzufriedenheit in Kenntnis zu setzen sobald du meinen Kopf ablieferst.“ erwiderte Haruhi schulterzuckend.
      Ihr Auftreten verwirrte Bulldoz, sie zeigte keinerlei Angst vor ihm oder seinen Männern. Langsam ließ er seinen Blick über ihren Körper schweifen, sie war hübsch. Was für eine Verschwendung, wirklich schade dass er sie töten musste „Wir könnten uns uns vielleicht etwas besser kennenlernen bevor ich dir die Kehle durchschneiden muss.“
      „Mhm, wenn wir die Sache mit dem Umbringen weglassen, gehe ich vielleicht sogar darauf ein.“
      Ich bin mir bis heute noch immer ziemlich sicher, dass sie das nicht ernstgemeint hat, hoffe ich jedenfalls.
      „Ein großzügiges Angebot, aber am Ende des Tages zählt leider nur das Gefühl von Goldmünzen in meinen Händen, die ich mit ehrlicher Halsabschneiderei verdient habe. Außerdem,“ jetzt fing er an zu Grinsen „kann ich mir vorher auch einfach nehmen was ich will, oder etwa nicht?“
      „Ja, das könntest du und vielleicht würde es dir sogar gelingen. Aber, bisher ist niemand über mich hergefallen oder hat mich umgebracht. Also können wir uns noch ein wenig unterhalten.“
      als der große Mann nickte, winkte sie strahlend den Wirt heran „Zwei von dem Schnaps aus Belunda und zwar nichts vom dem Billigen, obwohl du hier vermutlich nur billiges Zeug hast.“
      Als der Wirt unsicher zu Bulldoz sah, erklärte dieser sich bereit die Rechnung zu bezahlen, er war schließlich höflich. Außerdem würde das Mädchen nicht mehr zahlen können wenn sie erst einmal tot war. Sofort als Haruhi das kleine Glas in Händen hielt kippte sie den Inhalt in einem Zug runter. Kyon wurde schlecht als er das sah. Was tat sie da? Haruhi war doch nüchtern schon schlimm genug. Kurz sah er sich nach den Anderen um. Yuki starrte ausdruckslos ins Nichts, Koizumi tat so als würde ihn das alles nichts angehen und Asahina versuchte möglichst nicht aufzufallen. Aber keiner zeigte auch nur eine Spur von Panik, dabei wäre Panik mehr als angebracht gewesen!
      „Was führt dich eigentlich hierher? Also, außer Todessehnsucht.“ dröhnte die Stimme des Mörders durch den Schankraum.
      „Ich bin auf der Suche nach tapferen, ehrenhaften Männern für meine Leibwache.“ antwortete Haruhi ernst.
      „Was? Und da kommst du hierher?“ er stieß ein kurzes, bellendes Lachen aus „Vielleicht bist du doch nicht so klug wie ich zuerst dachte.“
      „Ich hatte gehofft hier jemanden zu finden der den König genauso sehr hasst wie ich.“
      „Und warum sollten wir den König hassen?“
      fragte er belustigt nach.
      „Die Grander sind Usurpatoren. Vor über 100 Jahren haben auch die Republiken an der Seite der rechtmäßigen Könige gekämpft. Es ist eure Pflicht für die Auguster zu...“
      „Die Auguster sind tot! Alle. Warum sollten wir für ihre verfaulten Leichen kämpfen?“
      warf einer der Männer irgendwo im Raum ein.
      „Wären die Auguster so tolle Herrscher gewesen, hätte wohl kaum das halbe Reich gegen sie rebelliert oder?“ meinte ein Anderer.
      „Dann hasst ihr vielleicht die Arroganz der Königlichen, sie...“ fuhr Haruhi unbeirrt fort.
      „Arrogant? Die haben uns nie irgendwas getan.“ murmelte jemand.
      „Ich hab Verwandte in Alexandrieska, die sind nettere Menschen als die meisten Republikaner.“ meldete sich der Nächste, sie gingen Haruhi damit langsam auf den Geist.
      „Gut, was ist mit den königlichen Steuern, die sind doch sicher viel zu hoch.“ versuchte sie es mit einem anderen Argument.
      „Sehen wir aus als würden wir Steuern zahlen?“ rief wieder einer der Störenfriede dazwischen.
      „Die Abgaben sind nur hoch wenn Vanidarien mal wieder rebelliert und der König mehr Soldaten braucht um den Aufstand von euch Hinterwäldlern niederzuschlagen!“ meckerte ein Weiterer.
      „Diese Schreihälse hätte ich nicht gerne in meiner neuen Leibwache. Sie fangen an mir auf die Nerven zu gehen.“ seufzte Haruhi.
      „Seh ich genauso.“ zornig drehte Bulldoz sich zu seinen Männern um, die sofort verstummten. „Haltet endlich die Schnauze und kümmert euch um euren Scheiß! Ich unterhalte mich hier. Wenn die Zeit zum töten gekommen ist, sage ich euch hirnlosen Idioten schon früh genug Bescheid.“
      „Danke, das ist schon viel besser.“
      „Keine Ursache. Du sagtest, du brauchst Leibwächter? Meine Männer und ich sind nicht billig, außerdem müsstest du uns vorher noch das Kopfgeld auszahlen.“
      er rieb sich nachdenklich übers schwabbelige Doppelkinn.
      „Natürlich, ich bin bereit jeden Preis zu bezahlen den du verlangst.“
      „Ach? Und wo hast du so viel Gold versteckt?“

      Leichtfüßig sprang Haruhi von ihrem Stuhl auf, wirbelte umher und kam neben Lady Asahina zum Stillstand. Sofort packte sie die rothaarige Mimir an den Schultern, zog sie vor sich und präsentierte sie strahlend ihren neuen ´Freunden`. Asahina schrumpfte unter den musternden Blicken der Männer zusammen und fühlte sich sichtlich unwohl.
      „Ganz niedlich, bringt sicher einen guten Preis wenn man sie an eins der Bordelle verkauft. Aber ehrlich gesagt ist das nicht mal genug für das Kopfgeld.“ murmelte der Mörder unbeeindruckt.
      „Du denkst viel zu plump. Das hier, ist eine echte Mimir. Asahina, Tochter von Aratarn und Miranda. Die ist ihr Gewicht in Gold Wert, ach was sag ich da, dein Gewicht in Diamanten!“
      „Eine Mimir?“
      Bulldoz musterte das rothaarige Mädchen noch einmal, diesmal mit deutlich mehr Interesse. Er war auf seinen Reisen durch die Republiken oft in Benjii gewesen, sie sah wirklich aus wie eine Mimir. Nur ihre Augen passten nicht ganz, sie waren von einem seltsamen Rotbraun. Lag vermutlich daran, dass ihr Vater ein Silberblatt war. Davon hatte er gehört, diese seltsame Verbindung sorgte damals in Benjii eine Weile für Unruhe. Damals war die Rebellion der Silberblätter gerade in vollem Gange gewesen und man fürchtete in den Krieg hineingezogen zu werden. Den Saum ihres Kleides verzierten Pinguine, die Wappentiere der Mimir und der ernst dreinblickende Typ hinter ihr, der aussah als würde er vor Wut über Haruhis Worte gleich platzen, trug das Wappen der Trellik, der Leibwächter der Mimir. „Ja.“ sprach er zögerlich „Ja, das Lösegeld einer Mimir würde ausreichen.“
      „Also, kommen wir ins Geschäft?“
      fragte Haruhi lächelnd.
      Bulldoz brauchte eigentlich gar nicht erst lange zu überlegen wie seine Antwort lauten würde. Dieses Mädchen hatte ohne Zweifel Mut und es würde ihm vielleicht sogar ein klein wenig leid tun, wenn er sie umbrachte. Kurz dachte er daran zum Schein vorerst auf ihr Angebot einzugehen. Es könnte sicher interessant werden, noch ein wenig in ihrer Nähe zu sein, bevor er ihren Kopf und die Mimir an sich nahm. Er hatte kein Problem damit seine Geschäftspartner zu verraten, das tat er immer wenn es Gewinn versprach. Aber das wäre in diesem Fall unklug. Seine Beute befand sich hier, direkt vor seiner Nase. Später konnte ihm jemand anders zuvorkommen und das ganze schöne Gold wäre verloren. Nein, es war am besten die Sache schnell hinter sich zu bringen. Die anderen Drei könnte er mit einer sehr sehr hohen Lösegeldforderung nach Benjii schicken. Miranda würde ihre Familie notfalls sogar ruinieren um ihre Tochter gesund zurückzubekommen. Nichts galt den Mimir mehr als ihre Familie, nicht einmal ihr Reichtum. Er hatte nicht vergessen was Haruhi mit einem seiner Männer angestellt hatte, sie konnte sich offensichtlich recht gut wehren. Doch gegen so viele Gegner würde sie keine Chance haben, egal wie schnell sie sich bewegte.
      Gerade wollte Bulldoz den Mund öffnen und seinen Männern den Befehl zum Angriff geben, doch er konnte es nicht. Verwirrt versuchte er es noch einmal, aber nichts an seinem Körper gehorchte dem Mörder mehr. Für alle anderen musste es so aussehen, als würde er noch immer über seine Antwort nachdenken, während er unbeweglich dasaß. Er konnte selbst seine Augen nicht bewegen und dann spürte er es. In seinem Kopf passierte etwas, etwas Unerklärliches. Seine Erinnerungen, Gedanken, ja sein ganzes Bewusstsein waren in Aufruhr, sie verschoben sich, sie...er wusste nicht was mit ihnen passierte, wusste nicht was in seinem Kopf geschah und das ließ Panik in ihm aufsteigen. Zum erstenmal in seinem Leben machte ihm etwas Angst. Was um alles in der Welt ging hier vor sich? Es war, als würde eine unsichtbare Macht alles an ihm verändern was ihn je ausgemacht hatte, alles was er war. Haruhi starrte ihn aus ihren großen, braunen Augen ungeduldig an, er versank darin, sie schienen zu versuchen ihn zu verschlingen und dann...
      Und dann, existierte plötzlich nur noch Nichts. Nur für den Bruchteil einer Sekunde.
      Bulldoz blinzelte verwirrt und hielt sich die Hand vor Augen, er konnte sich bewegen. Natürlich konnte er sich bewegen, dachte er ärgerlich. Warum sollte er sich auch nicht bewegen können? Langsam sah er sich in dem Schankraum um, sie warteten ungeduldig auf seine Antwort. Dachte er wirklich schon so lange nach? Seltsam. Dabei brauchte er doch gar nicht lange zu überlegen wie seine Antwort lauten würde. Er würde dieses seltsame, aber irgendwie auch interessante, Mädchen als Leibwächter begleiten, zusammen mit einem Dutzend seiner besten Männer. Die Bezahlung war sicher nicht schlecht, sie hatte eine Mimir als Freundin und die zahlten immer gut. Wenn er sie später verriet könnte er theoretisch sogar noch viel mehr Geld rausholen, das wäre sicher nicht besonders schwer, aber nein, er war niemand der seine Geschäftspartner verriet, das tat er niemals.



      Sie standen im Gesindeviertel mitten auf der Straße und Kyon hatte sich noch nie so sehr gefreut die Sonne wiederzusehen. Der Mörder hatte auf das Kopfgeld verzichtet, aber der Preis für seine Männer war trotzdem noch immer mehr als stattlich. Haruhi war, ganz beschwingt von ihrem Erfolg, bereits vorausgestürmt und belästigte gerade irgendeinen armen Straßenhändler der nichts als Schrott verkaufte. Mikuru hatte sie mitgeschleift und Yuki folgte ihnen langsam. Nur Koizumi stand noch immer neben ihm.
      „Was ist da drin passiert?“ fragte Kyon, als er es endlich schaffte seine Stimme wiederzufinden „Und viel wichtiger, warum leben wir noch?“
      „Weißt du, Kyon, jeder von uns könnte genau das Gleiche versuchen wie Haruhi eben. Wir könnten das gleiche sagen, uns genauso bewegen, genauso reden. Und trotzdem würden wir am Ende mit aufgeschlitzter Kehle in irgendeiner Gasse enden.“
      „Und wieso hat es dann bei ihr funktioniert?“
      „Ich dachte das hätte ich dir bereits in Benjii gesagt.“
      Koizumis Augen bohrten sich förmlich in ihn. Noch ehe Kyon etwas erwidern konnte, stand Haruhi plötzlich vor ihm und starrte ihn an.
      „Haben die Mimir Geld in der Stadt?“
      „Mhm? Ja, es gibt hier einen Handelskontor der Mimir, aber...“
      diese Frage gefiel ihm nicht, was wollte sie denn jetzt schon wieder?
      „Gut. Dort hockt bestimmt irgendein Mimir, der wird dich oder Mikuru sicher erkennen. Sag einfach du brauchst Geld um mehr Männer anzuheuern. Berichte dass wir auf dem Weg hierher angegriffen wurden, lass einen Brief an Aratarn nach Benjii schicken. Tu was immer nötig ist, aber besorg lieber das Geld, ansonsten werden die neuen Leibwächter sicher sauer.“
      „Warum sollten die Mimir deine neuen Wachen bezahlen?“
      antwortete er bissig.
      „Nicht meine, die von Mikuru.“
      „Und warum sollte Mik...Lady Asahina in Gefahr sein?“
      „Ganz einfach, wenn die königlichen Soldaten versuchen mich zu ermorden, werde ich direkt hinter Mikuru stehen. War das deutlich genug?“




      Spoiler anzeigen
      Oh Wunder! Vanidar ist aus seinem Exil ohne Internet zurückgekehrt und beglückt uns mit einem neuen Kapitel!

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    • Kapitel 10: Die Diener der dunklen Götter


      Ja, genau das waren Haruhis Worte, sie ist bei weitem nicht so nett wie es manchmal den Anschein hat, wie ich bereits mehrmals erwähnt habe. Also mussten wir dank Haruhis wahnwitziger Idee sich einfach mal ein paar fiese Mörder zu mieten zu einem Handelskontor der Mimirs in Gurilia stapfen. Der Weg dorthin, zum anderen Ende der Stadt, sollte sich jedoch als weit leichter erweisen als tatsächlich das Geld zu bekommen. Denn nur weil Lady Asahina die Tochter der 2. Erbin von Haus Mimir war hieß das noch lange nicht dass sie einfach so Geld abholen konnte. Denn die Mimirs gingen äußerst sparsam und vorsichtig... ach, wem will ich hier was vormachen? Die Mimirs werfen für ihre Familie mit Geld nur so um sich. Das größte Problem war es überhaupt in das Kontor zu kommen, denn Dutzende von Händlern hatten sich dort bereits aufgebaut und versuchten einen Termin zu bekommen. Zudem war es schon recht spät, mit anderen Worten gab es kaum Hoffnung in das Kontor zu kommen. In diesem Moment fiel mein Blick auf Yuki, diese stellte sich ein wenig Abseits auf und bewegte ihren Mund, wieder ertönten irgendwelche seltsamen Wörter. Haruhi schien von der ganzen Sache gar nichts mitzukriegen und versuchte den Anfang der Schlange zu sehen in dem sie immer wieder auf der Stelle hüpfte, sie war wirklich ungeduldig. Nachdem Yuki ihren Arm wieder senkte hatten es sich die ganzen Händler jedoch anders überlegt, sie alle drehten auf der Stelle um und gingen nach Hause, ein weiterer Zwischenfall der mich an meiner geistigen Gesundheit zweifeln ließ. Haruhi ignorierte das ganze natürlich gekonnt und nahm es einfach als einen glücklichen Zufall hin. Somit konnten wir also unbehelligt in das Handelskontor gelangen und mit dem dortigen Vertreter von Haus Mimir sprechen. Ich will euch die unendlich langweilige Prozedur, welche notwendig war um an Geld zu kommen, ersparen und überspringe es daher einfach elegant. Stattdessen schauen wir uns lieber an was derzeit mit einem leicht psychisch instabilen Mädchen geschah, oder noch besser. Lasst uns zuerst an einen ganz anderen Ort gehen, und mit ganz anderen Ort meine ich eine Gegend die öfters als 'Republik der Toten' bezeichnet wird, auch bekannt als Linistien. Dort fand zu ungefähr der selben Zeit in der wir in einem Kontor hockten ein sehr merkwürdiges Treffen statt.

      2105. Jahr der Sonne, Ruinen der Stadt Linistien, Republik der Toten:

      Es gab ein grelles Leuchten inmitten dessen was einst die Kirche der Stadt gewesen war. Dort schwebte ein waberndes, purpurnes Oval einen knappen halben Meter über dem Erdboden. Es schwebte dort schon seit mehreren Jahren, genaugenommen seit der Katastrophe von Linistien welche die Stadt entvölkert hatte. Aus Gründen die sich Menschen wohl nie im Leben erklären konnten blieb es bis zum heutigen Tage unentdeckt. Eigentlich war der Grund ziemlich simpel, die Erschaffer des Portals hatten es geschafft die Suchtrupps welche nach Überlebenden Ausschau halten sollten von der Kirche wegzulocken, eine einfache Lüge von wegen eine Seuche habe dort ihren Ursprung gehabt hatte gereicht damit sich niemand dem Ort näherte. Zusammen mit dem Leuchten erschien auch eine Gestalt vor dem Portal, es handelte sich um eine äußerlich sehr junge Frau, gekleidet in eine pinke Robe welche nicht allzu viel von ihrem Körper bedeckte. Ihre Haare waren grün gefärbt und in ihrer rechten Hand hielt sie einen kurzen Dolch. Sie blickte nach links und rechts, dort standen jeweils drei Männer und drei Frauen, vor jedem von ihnen lag eine Leiche, hinter ihnen waren zwei weitere Menschen angekettet. Dies waren also die armen Trottel die sie beschworen hatten. Der Name der jungen Frau war Shion, ein uralter Name, beinahe so alt wie Shion selbst. Denn trotz ihres Aussehens war sie weit älter als ein gewöhnlicher Mensch je sein würde. Der Chaosgott Slaanesh hatte ihr ewige Jugend im Tausch für ihre Dienste gegeben, ein Handel den die eitle Shion nur allzu gern angenommen hatte. Wann immer sie nicht gebraucht wurde lebte sie im Warp, oder so nah an seiner Grenze wie es Möglich war. Der Anblick des Warp war eine der schönsten Sachen die es für Shion gab, und die Kultisten hatten sie herausgerissen. Natürlich war es geplant, aber enttäuscht und verärgert war sie dennoch. Die Gestalten gingen vor ihr auf die Knie und beteten sie an, zurecht. Immerhin war sie ein Herold des Slaanesh, sie stand weit über diesen niederen Kreaturen die vor ihr knieten. Dies waren also die Kultisten welche Tephus hier auftreiben konnte, sie würde ein ernstes Wörtchen mit dem Herold des Nurgle sprechen müssen, denn sie bezweifelte ernsthaft dass die paar Gefangenen und Kultisten ausreichen würden für dass was sie geplant hatte. Sie gab den knienden Menschen ein Zeichen, daraufhin machten diese sich sofort daran die verbliebenen Gefangenen umzubringen. Ein paar schnelle Schnitte und die Kehlen waren durchtrennt, dann trat Shion persönlich zu jedem Kultist und rammte ihren Dolch in die Herzen dieser Männer und Frauen. Sie alle gaben ihr Leben freiwillig auf dass ihr Opfer Weg für etwas viel größeres bringen werde. Sofort machte sich Shion daran Worte in einer alten, bösartigen Sprache zu singen, immer und immer wieder.



      Nach einiger Zeit geschah etwas, das Portal flackerte erneut auf und erlosch dann beinahe vollständig, die Macht dieses Portals schien beinahe verbraucht zu sein. Dafür stand ihre Herrin nun vor ihr, eine Dämonin des Slaanesh, die Verkörperung des Todes und der Lust. Die weiße Haut der Dämonin waberte noch leicht auf Grund des erst kürzlich erfolgten Übertritts in die reale Welt, lange Arme mit noch längeren Klauen waren vor der Brust verschränkt und das attraktive, zugleich bösartige Gesicht der Dämonin blickte auf ihre Dienerin herab während sie langsam ihre Flügel ausbreitete. Sie trug eng anliegende, schwarze Kleidung welche aus einer Art Leder zu sein schien. Abgesehen davon hatte sie nichts weiter bei sich. Schließlich begann sie zu sprechen.
      „Gute Arbeit, Shion. Ich nehme an wir kommen rechtzeitig zu unserem Treffen?“ Shion, welche in der Zwischenzeit auf die Knie gefallen war blickte zu ihrer Herrin empor und antwortete
      „Alles läuft nach Plan, Herrin. Wir waren die letzten welche gerufen worden, daher wird es die anderen nicht stören wenn wir ein wenig später kommen, zumal sie uns brauchen werden. Die Opfer die Tephus gefunden hat waren allerdings eher miserabel und schlecht geeignet um ein solch mächtiges Wesen wie euch zu beschwören, Herrin.“
      „Oh? Tephus macht selten Fehler, habe ich zumindest gehört. Er hat sich bisher als äußerst fähig erwiesen in dieser Welt unentdeckt zu bleiben.“
      „Können wir uns sicher sein dass er wirklich unentdeckt war?“
      „Das könnt ihr in der Tat.“ ertönte eine hustende Stimme hinter Shion und der faulige Gestank von Verwesung drang in ihre Nase. Sie erhob sich und drehte sich um. Dort standen zwei Personen. Die eine war ein Mann in abgerissenen Sachen, mit Ausschlag auf seinem Gesicht und Haut die sich von seinem Körper pellte. Dies war Tephus, Herold des Nurgle. Neben ihm stand ein Mann mit einem großen Lächeln im Gesicht und einer Robe welche seinen Körper komplett verhüllte, dies musste ein Diener des Zunichtemachers sein, zumindest schien er nicht von Khorne zu kommen. „Außerdem waren die Kultisten wohl mehr als gut genug. Dav'os hier hatte sich mit regelrechtem Eifer freiwillig gemeldet für eure Herrin zu sterben.“ Shion wollte schon zu einer Antwort ansetzen wurde jedoch vom Mann neben Tephus unterbrochen.
      „Wie auch immer, ihr seid alle hier, dass ist es was zählt. Ich denke es ist an der Zeit unsere neuen Verbündeten zu sagen wie es momentan aussieht, meinst du nicht auch, Tephus?“
      „Natürlich, entschuldigt mich. Gut, es sieht momentan nicht gut aus. Unser Feind hat bereits viele Diener auf diese Welt gebracht, er hat hunderte niederer Dämonen beschworen, Gerüchten zufolge ist es ihm sogar gelungen einige Kreischer zu entsenden, dazu wissen wir jedoch noch nichts näheres. Es ist trotzdem noch alles in der vorbereitenden Phase, für die Ausführung des Plans muss er noch zwei Jahre warten, erst dann ist es soweit. Wir haben also noch genug Zeit um ihn aufzuhalten. Bisher haben wir schon Schritte eingeleitet, wir haben eine Dienerin in der Nähe des Ziels welche bereit zum zuschlagen ist. Außerdem habe ich persönlich dafür gesorgt dass die Menschen auf die Dämonen welche bereits hier wandeln aufmerksam werden, ich rechne damit dass sich in Kürze erste Erfolge abzeichnen werden. Wir würden gerne wissen was der Dunkle Prinz zu tun gedenkt, und wie ihr seinen Plan ausführen wollte.“ Shion sah zu ihrer Herrin empor, diese nickte nur kurz. Daraufhin wandte Shion sich wieder Tephus zu und begann zu erzählen.


      Ich könnte euch natürlich die Spannung nehmen und verraten was da erzählt wurde, aber das wäre doch langweilig, oder? Ganz meine Meinung! Ihr werdet schon früh genug erfahren worum es geht, momentan sieht es allerdings so aus als wenn in den Republiken und Belunda mehr Dämonen als Menschen leben. So, lasst uns nun also zu Asakura übergehen, dem leicht instabilen Mädchen das versucht hatte mich umzubringen, denn sie ist noch lange nicht raus aus dieser Geschichte.

      2105. Jahr der Sonne, irgendwo in den Gassen von Gurilia:

      Die Stimmen waren in Aufruhr, redeten vollkommen durcheinander. Sie diskutierten miteinander, stritten, sie waren sich nicht einig. So was war bisher noch nie vorgekommen und Asakura hatte keine Ahnung wie sie damit fertig werden sollte. Die Stimmen beratschlagten was als nächstes zu tun war, jetzt wo noch andere auf dieser Welt waren. Doch wer? Hatte die junge Magierin die Wahrheit gesagt? Waren wirklich der Erzfeind und der Dunkle Prinz auf dieser Welt vertreten? Und wenn sie es waren, wem diente die Magierin selbst? Khorne fiel aus, Malal hatte kein Interesse mit anderen zusammenzuarbeiten, Zuvassin war den anderen Göttern zu suspekt als dass sie zusammenarbeiten würden, die Ratte war nicht mächtig genug, Hashut hatte nur Zwerge unter seiner Kontrolle. Und Necoho, nun er würde mit einer Einmischung zugeben dass es Chaosgötter gibt, was seinem ganzen Wesen widersprach. Also wer? Vielleicht doch Khorne? Nein, das geht nicht die Dienerin war doch eine Magierin gewesen und der Blutgott... so ging es nun schon seit Stunden, immer hin und her, jede Möglichkeit wurde zehnmal durchgegangen, immer wieder der Vorschlag gemacht in den Süden zu reisen um sich mit den anderen zu beratschlagen, das hieße jedoch den Auftrag aufzugeben den man erhalten hatte, ein Ding der Unmöglichkeit. Asakura machten die Stimmen zu schaffen, trieben sie langsam in den Wahnsinn, nun ja, noch tiefer in den Wahnsinn als sie ohnehin schon war. Hinzu kamen die Menschen welche vor ihr auf der Straße standen, die ganze Zeit schon plapperten sie über die unwichtigsten Dinge. Schließlich reichte es Asakura, sie zog ihr Messer und stürmte auf die Straße hinaus.
      „Seid still!“ schrie sie während sie immer und immer wieder auf die Männer einstach die sich vor der Taverne versammelt hatten und nichtsahnend die Wut einer verrückten Mörderin auf sich gezogen hatten. Der Aufschrei schien sogar funktioniert zu haben, nicht nur waren die Männer still, sogar die Stimmen waren wieder auf sie aufmerksam geworden. Sofort begannen sie beruhigend auf Asakura einzureden, versuchten sie zu besänftigen. Erschöpft und leicht lächelnd zog sich Asakura von den Leichen zurück die sie auf der Straße hinterlassen hatte, ihre treue Begleiterin, die vanidarische Katze, hüpfte zu ihr herüber und stieß gegen ihre Hand, was weiter dazu führte dass sie sich beruhigte. Schließlich fassten die Stimmen einen Entschluss, sie sagten Asakura sie solle ihren Auftrag weiterhin ausführen, auf Haruhi aufpassen und jegliche Bedrohung aus dem Weg räumen. Und eine potenzielle Bedrohung gab es bereits, es handelte sich hierbei um eine vermummte Gestalt welche öfters nahe Haruhi zu sehen war. Ein Mörder des Königs? Ein Mörder der Gilde? Wer weiß, jedenfalls wäre es weit sicherer ihn aus dem Weg zu räumen. Asakura wischte das Blut von ihrem Messer und machte sich auf den Weg die Gruppe um Haruhi wieder aufzuspüren.


      Während all dies geschah saßen ich und Lady Asahina im Gespräch mit dem Vertreter des Handelskontors fest und versuchten eine beträchtliche Menge des Geldes der Mimir abzuheben. Schließlich gab der Angestellte nach und stellte uns so einiges an Gold zur Verfügung. Zwei Stunden später saßen ich, Lady Asahina, Haruhi und der Rest der Gruppe in unserem Gasthaus beim Abendessen. Dort berieten wir wie es weitergehen sollte, denn Haruhi hatte es doch tatsächlich geschafft uns innerhalb von nur einem Tag durch die interessantesten und gefährlichsten Gebiete von Gurilia zu hetzen. Also musste nun beschlossen werden wohin uns unsere Reise wohl als nächstes führen würde.

      „Ich will Nurc sehen! Und die Eisenberge! Und die Monster die dort leben! Das wird bestimmt super interessant! Meint ihr nicht auch?“ Haruhi war vollkommen außer sich aus Vorfreude darüber diese 'interessanten' endlich sehen zu können. Von Monstern in den Eisenbergen wusste Kyon zwar noch nichts, aber irgendwo wird Haruhi es schon aufgeschnappt haben. Lady Asahina meldete sich zu Wort
      „Ähm, also ich würde vorschlagen dass wir zuerst nach Juliues reisen, immerhin liegt es direkt auf dem Weg und...“
      „Ach, das ist doch unwichtig! Die Stadt ist bestimmt so langweilig wie Gurilia und Benjii! Nurc wird viel spannender sein! Außerdem müssen wir ja irgendwann zurück um nach Linistien zu kommen, da können wir auch gleich in Juliues vorbeischauen!“ Bevor Asahina etwas einwerfen konnte stimmte Kyon, sehr zu seinem Missfallen, Haruhi zu
      „Haruhi hat recht, Lady Asahina. Wenn wir zuerst ganz in den Westen reisen und Juliues umgehen können wir dort auf dem Rückweg vorbeischauen, außerdem werden wir dort dann dem Fest der Unabhängigkeit beiwohnen können, dass dürfte selbst Haruhi interessieren.“ Obwohl sie alles in ihrer Möglichkeit tat um uninteressiert auszusehen konnte Kyon dennoch erkennen dass er Haruhis Neugier geweckt hatte
      „Was soll dass für ein komisches Fest sein?“
      „Es ist ein großes Fest dass jedes Jahr um diese Zeit in Juliues stattfindet um den Tag zu feiern an dem Juliues unabhängig und ein Teil der Republiken geworden ist. Es sammeln sich hunderte Gaukler, Feuerspucker, Seiltänzer und Händler in Juliues um beim Fest ihre Waren und ihr Talent zu zeigen, es sind immer die Besten der Besten anwesend wenn das Fest beginnt. Ich glaube Lady Miranda hatte mal erwähnt dass sie mit Lady Aleyandra aus Vanidarien da war, eure Tante wenn ich mich nicht irre.“ Plötzlich strahlte Haruhi förmlich. Während sie anfing zu sprechen fiel Kyons Blick auf Mampfi der gerade versuchte den Tisch hinauf zu klettern. Haruhis Worte lenkten ihn jedoch wieder ab.
      „Daran kann ich mich noch erinnern! Wird Cora da sein? Ich habe gehört dass sie eine der besten Feuerspuckerinnen der Republiken sein soll! Und werden auch Messerwerfer da sein?“
      „Meine Mutter wird auf jeden Fall da sein!“ sagte Tsuruya gut gelaunt und sorgte dafür zum ersten Mal dafür dass Haruhi sie ansah.
      „Deine Mutter war doch Cora, oder?“
      „Jupp, genau das ist sie! Sie ist jedes Jahr auf dem Fest und zeigt was sie so kann. Vom morgigen Tag an haben wir noch vier Wochen bis das Fest beginnt, wir können uns also im Westen noch Zeit lassen, vor allem bei den heißen Quellen in den Eisenbergen werden wir wohl eine Weile bleiben können!“
      „Gut, dann ist es entschieden! Wir reisen zuerst nach Westen und machen uns danach auf dem Weg um dem Fest beizuwohnen! Irgendwelche Einwände?“ Natürlich hatte niemand Einwände, Koizumi, Lady Asahina und Tsuruya sagten nur kurz 'Nein', Yuki begnügte sich damit den Kopf zu schütteln und in ihrem Buch weiterzu... wo hatte sie das Buch her? Das hatte sie vorhin doch noch nicht gehabt, oder doch? Egal, Kyon wandte sich wieder an Haruhi und stellte die Frage deren Antwort er eigentlich schon kannte
      „Angenommen ich hätte etwas dagegen, was würde dann passieren.“
      „Ich würde dich mit meinen super tollen Überredungskünsten davon überzeugen dass alles in Ordnung ist und du würdest mitkommen! Was dachtest du denn?“ Ja, was dachte Kyon eigentlich? Natürlich würde Haruhi ihren Plan weiter verfolgen und alle Wiederworte ignorieren. Kyon ließ seinen Blick über den Tisch schweifen, alle schienen recht müde zu sein nach diesem anstrengenden Tag, alle außer zwei. Zum einen war da Haruhi die immer noch breit grinsend auf ihrem Stuhl saß und sich wahrscheinlich schon die tollen Abenteuer ausmalte die noch kommen würden. Zum anderen war da Mampfi, der hatte inzwischen sein Ziel erreicht und saß auf dem Tisch während er Salat, Tomaten und diverse Früchte die vom Abendessen übrig geblieben waren in sich hinein schaufelte. Schließlich packte Haruhi den Bären und nahm ihn auf den Arm, zusammen mit ihrem Haustier begab sie sich mit einem fröhlichen 'Gute Nacht! Schlaft gut, und seid Morgen pünktlich wach!' auf ihr Zimmer. Kurze Zeit später ging auch Tsuruya zu Bett, doch bevor Koizumi und Lady Asahina ebenfalls gingen hielt Kyon sie auf. Mit einem Blick auf Yuki, welche nur kurz nickte, begann er den Beiden von seinem treffen mit der verrückten Mörderin zu erzählen.


      Ich will es euch Lesern ersparen die Ereignisse noch einmal durchgehen zu müssen. Während ich also damit beschäftigt war von der verrückten Asakura und meiner Rettung zu berichten springen wir für euch weiter nach Süden wo Sir Abbendis, Dathrohan und Morgraine sich mit Lord Fordring trafen, dem Besitzer von Burg Stratholme und der umliegenden Ländereien und Dörfer.

      2105. Jahr der Sonne, Herzogtum Belunda, Burg Stratholme

      Morgraine und seine Begleiter ritten an der Spitze der riesigen Menschengruppe zusammen mit Sir Wrynn durch die Tore von Burg Stratholme. Auf den Mauern standen dutzende Soldaten in den rötlichen Rüstungen der Wache von Stratholme und hielten nach potenziellen Bedrohungen Ausschau, scheinbar schien die Burg selber noch nicht angegriffen worden zu sein, doch man konnte sich nie zu sicher sein. Morgraine wandte sich an Sir Wrynn
      „Über wie viele Männer verfügt Lord Fordring? Und wie viel Ausrüstung hat er?“
      „Mein Herr hat 100 Ritter unter seinem Kommando, dazu kommt noch die Wache der Burg, knapp 1.000 Soldaten. Ausrüstung haben wir mehr als genug, unsere Schmieden haben seit dem ersten Angriff der Banditen unentwegt gearbeitet da wir zuerst von einem Angriff der Republiken ausgingen. Brauchen eure Männer Ausrüstung?“
      „Die Söldner nicht, die Bauern müssen jedoch ausgerüstet werden. Wir konnten zwar einigen von ihnen Waffen geben aber der Rest ist noch mit Mistgabeln oder ähnlichem bewaffnet, Rüstungen haben sie überhaupt nicht.“
      „Ich werde sehen was ich tun kann, wenn es mir möglich ist werde ich zumindest jedem von ihnen einen vernünftigen Speer beschaffen.“
      „Ich danke euch, Sir Wrynn. Eine bitte hätte ich noch. Wenn es innerhalb der Kapazität eurer Schmieden liegt würde ich euch darum bitten einige Rüstungen anfertigen zu lassen.“
      „Wie viele?“
      „Elf...“ er ließ seinen Blick zur Priesterin schweifen und besann sich dann anders „Elf nach dem selben Muster wie unsere Plattenrüstungen, mit einigen Abweichungen. Sie sollen scharlachrote Schulterplatten haben, Verzierungen in der selben Farbe, die Brust selber soll silbern sein. Auf der Brustplatte soll ein rotes 'L' prangen, wie auf diesem Banner da.“ meinte Morgraine und deutete auf die improvisierte Flagge welche die Bauern mit sich geschleppt hatten. „Außerdem noch eine zwölfte Rüstung in den selben Farben, aber nach ihren Anweisungen geschmiedet.“ meinte er während er zu Christine nickte. „Glaubt ihr dass eure Schmiede dies hinbekommen?“ Wrynn überlegte kurz und nickte dann.
      „Unsere Schmiede dürften dass durchaus hinbekommen, immerhin sind sie mit dem Anfertigen von Ritterrüstungen vertraut. Warum soll sie eine spezielle Rüstung kriegen?“ fragte er und sah zu Christine herüber.
      „Das erkläre ich euch sobald wir vor Lord Fordring stehen, es ist eine lange Geschichte und ich will sie nicht mehrmals erzählen müssen.“
      „Ich verstehe, kann ich sonst noch etwas für euch tun?“
      „Ja, könntet ihr für mich einen Kriegshammer schmieden lassen? Ich werde die Anweisungen geben wie er auszusehen hat, zusammen mit der Rüstung. Im übrigen danke ich euch dafür dass ihr bei den Rüstungen an mich gedacht habt, Sir Morgraine.“ sagte Christine und nickte dankend in seine Richtung.
      „Einen Kriegshammer? Nun, das dürfte schon ein wenig schwieriger werden, aber wenn ihr meint dass es notwendig ist, ich werde euch nachher zur Schmiede führen lassen. Varimathras!“ rief Wrynn und einer seiner Ritter kam zu ihm hinüber geritten.
      „Was gibt es, Sir?“
      „Sie und die restlichen Ritter haben die Verantwortung die Söldner und Dörfler von Lordaeron... die Mitglieder des Kreuzzuges hier so gut es geht unterzubringen, ich vertraue darauf dass ihr es schafft. Ich werde währenddessen ihre Anführer zu Lord Fordring bringen.“



      Zwanzig Minuten später schritten Abbendis, Morgraine, Dathrohan und die Priesterin durch die großen Hallen der Burg. Lord Fordring war durch seine Teilnahme am Feldzug gegen Ceicla äußerst reich geworden und hatte einiges an Gold in den Ausbaue seines ganz persönlichen Thronsaals gesteckt, ja man konnte es wahrlich als einen Thronsaal bezeichnen. Das Dach war weit über ihren Köpfen und riesige Statuen von alten Helden Belundas zierten den Weg zu einer Art Thron den Lord Fordring sich hatte aufstellen lassen, scheinbar war er ein wenig eingebildet, dachte Abbendis sich. Von den Dachbalken hingen die Banner des Lords, ein goldener Streitkolben auf rotem Hintergrund. Da fiel es Abbendis wieder ein, Lord Fordring war vor einiger Zeit zu einer kleinen Religion konvertiert die in seinen Ländern aufkeimte, 'Die Bruderschaft des Lichts'. Sie glaubten an das Licht als ein göttliches Wesen welches in der Lage war das Böse aus der Welt zu verbannen. Ihre Gedanken gingen zurück zum Kampf gegen die Dämonen und der Schild welcher aus einer Art Licht zu bestehen schien der Dathrohan geschützt hatte. Konnte es sein dass dieser Gott, dieser Sigmar, von dem die Priesterin redete wirklich existierte und diese Bruderschaft, wenn auch auf Umwege und ohne es zu wissen, ihn anbetete? Könnte die Priesterin selbst eine Heilige sein die von ihm gesandt wurde um Almodozasra von den Dämonen zu befreien? Sie würde mit der Priesterin darüber reden müssen, nachher. Jetzt traten sie vor den Thron auf dem Lord Fordring saß und auf sie herab sah. Er hatte einen langen, braunen Bart und kurze, braune Haare. Sein Gesicht war bereits von einigen Falten durchzogen und er trug eine silberne Plattenrüstung mit einem roten Viereck auf der Brustplatte welches vom goldenen Streitkolben der Bruderschaft geziert wurde.
      „Ich heiße euch willkommen, Sir Morgraine. Wrynn hat bereits einen Boten vorausgeschickt um mich davon zu unterrichten was ihr zu sagen habt. Ich selbst bin erst kurz vor dem Boten wieder hier eingetroffen, also lasst mich euch eine Frage stellen. Ihr redet von Dämonen, wie sehen diese Bestien aus von denen ihr behauptet dass sie die Länder durchstreifen?“ Die Direktheit des Lords traf Morgraine unerwartet, das konnte Abbendis erkennen. Nach kurzem zögern antwortete er schließlich
      „Es sind grausame Kreaturen, Köpfe mit gigantischen Mäulern, vielen Augen und mehreren Armen. Sie können eine Art Feuer speien und mit ihren Zähnen selbst Rüstungen durchbeißen. Ich kann verstehen wenn ihr es nicht glauben wollt, aber...“
      „Oh, ich glaube euch, Morgraine. Die Priester der Bruderschaft des Lichts haben mich schon seit den ersten Gerüchten davor gewarnt dass die Dämonen durchaus real sein könnten. Heute bin ich persönlich mit einigen Leibwächtern ausgeritten um die Gerüchte zu untersuchen, wir trafen tatsächlich auf eine solche Kreatur wie ihr sie beschrieben habt. Wer ist eigentlich diese Frau dort?“ fragte Fordring und sah zu Christine herüber, erst jetzt bemerkte Abbendis dass der Thron von zwei Männern in roten Roben flankiert wurde welche den goldenen Streitkolben auf der Brust hatten. Morgraine erklärte den Anwesenden was es mit Christine auf sich hatte, dass sie mehr über die Dämonen wusste als irgendjemand anderes und dass sie eine Art Magie wirken konnte. Nach seinen Worten begannen die Priester auf den Lord einzuflüstern, dieser nickte und sagte schließlich „Gut, gut. Ich verstehe, ihr habt also jemanden mit euch der von der Kraft des Lichtes durchdrungen ist. Und ihr könnt gegen diese Dämonen kämpfen? Gut, gut. Ich habe gehört dass ihr euch 'Der Scharlachrote Kreuzzug' nennt. Ich schlage euch ein Bündnis vor, die Verbrüderung der Bruderschaft des Lichtes mit eurem Kreuzzug welche gegen die Horden der Dämonen kämpfen wird. Ich bin sicher der Tag war anstrengend für euch, Sir Wrynn wird euch zu Zimmern führen die ihr nutzen könnt, Sir Dathrohan und Sir Morgraine werden sich eines teilen müssen fürchte ich, wir haben nicht mit Gästen gerechnet und daher sind nicht viele Zimmer bereit Gäste aufzunehmen. Lady Christine und Sir Abbendis werden sich ebenfalls eines teilen müssen, ich hoffe das geht für alle in Ordnung? Gut, ruht euch aus. Morgen Nachmittag werden wir dann genaueres besprechen. Ihr dürft gehen“ Noch immer viel zu verwirrt auf Grund der Tatsache dass alles so gut ging drehte die Gruppe um und folgte Sir Wrynn während er sie zu ihren Zimmern führte. Und zum ersten mal seit sie die Ritter traf begann Christine zu glauben dass sie etwas riechen konnte, der unangenehme, ihr jedoch bekannte Geruch des Warp. Jedoch nur einen kleinen Moment, dann war es verflogen. Und sie erklärte es sich damit dass vielleicht noch Spuren des Warp an Lord Fordring hingen nachdem er erst heute einem Dämon begegnet war, wieder beruhigt begab sie sich zusammen mit Abbendis auf ihr Zimmer und dachte zum ersten mal seit ihrer Ankunft in dieser merkwürdigen Welt dass es vielleicht doch eine Chance gab gegen die Dämonen zu bestehen.


      Hätte die Priesterin damals nur ihrem Geruchssinn vertraut hätte uns so einiges erspart bleiben können. Leider tat sie es nicht und es geschah was nun einmal geschehen musste. Was das ist? Das werdet ihr noch früh genug herausfinden, hetzt mich gefälligst nicht! Währenddessen war ich endlich damit fertig von meinem Beinahe-Tod zu erzählen und wartete auf die Reaktionen von Koizumi und Lady Asahina, und was soll ich sagen? Ich wurde nicht enttäuscht. Koizumi lächelte wie immer und meinte nur dass er davon bereits erfahren hatte als er vorhin mit Yuki geredet hatte Lady Asahina war ernsthaft besorgt und, ich glaube nicht dass ich es mir eingebildet habe, war den Tränen recht nahe. Gut vielleicht habe ich es mir auch eingebildet, aber sie war zumindest besorgt! Das ist schon einmal etwas! Allerdings schien sie nicht gerade verwundert zu sein dass Yuki Magie benutzen konnte. Scheinbar hatte sogar sie Geheimnisse vor mir. Als ich sie fragte was los war und woher sie wusste was passieren würde wenn Haruhi keine zusätzlichen Leibwächter angeheuert hätte sagte sie nur es sei 'Klassifiziert' und dass sie es mir 'unter keinen Umständen' verraten dürfte. Ich beschloss zu diesem Zeitpunkt einfach aufzugeben und mir keine Gedanken mehr zu machen, daher ging ich zu Bett und fürchtete mich davor was Haruhi wohl für den nächsten Tag vorgesehen hatte.

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    • 11. Eine Göttin hat in diesem Kapitel keinen Text, Gott sei dank



      2105. J.d.S, Republik Guerilla, westlich der Stadt Guerilla

      Keine zwei Tage hatten sie in der Hauptstadt der vereinten Republiken verbracht. Für andere war die prächtige Stadt das Zentrum des Fortschritts und ein wahres Juwel im nördlichen Teil des Reiches. Für Haruhi dagegen war die Stadt einfach nur todlangweilig, es gab keine Dämonen, Monster, Hexen oder verrückte Mörderinnen...nun ja eigentlich doch, aber sie bekam davon nicht besonders viel mit. Kyon würde von sich gerne dasselbe behaupten. Sie lagerten jetzt in einem kleinen Wald einen Tag westlich von Guerilla, Haruhis Abneigung gegen Gasthäuser oder generell ein Dach über dem Kopf, zwang sie weiterhin draußen zu übernachten. Um Kyon herum saßen Koizumi, Asahina und Yuki. Haruhi dagegen hockte mitten zwischen den Mördern von diesem Bulldoz und unterhielt sich angeregt mit ihnen. Die Mörder schienen Haruhi zu mögen. Warum auch nicht? Sie sah gut aus und wenn sie wirklich wollte war sie nicht weniger brutal oder gefährlich als diese Typen. Inzwischen hatten sie Haruhi schon ungefähr ein Dutzend Wurfmesser, versteckte Klingen und Giftfläschchen geschenkt, alles Dinge die Kyon niemals niemals niemals in Haruhis Händen sehen wollte wenn er ehrlich war. Sie verstaute das Zeug allerdings immer sofort in ihrem Gepäck. Zum erstenmal fiel Kyon auf dass sie als einzige in der Gruppe nicht bewaffnet war. Sogar Lady Asahina trug einen Dolch am Gürtel, sie konnte zwar kein bisschen damit umgehen, aber er war ein Geschenk ihres Vaters gewesen. Haruhi müsste doch wenigstens ein Messer oder etwas in der Richtung haben, vor allem da sie auf dieser Reise den ganzen Tag von Leuten umgeben war die sie töten wollten.
      „Warum trägt Haruhi eigentlich keine Waffe? Ich habe gehört die Matriarchinnen von Vanidarien ziehen oft auch selber in die Schlacht, müsste sie dann nicht mit einem Schwert umgehen können?“ fragte er Koizumi nachdenklich.
      „Kann sie auch. Um ehrlich zu sein ist sie deutlich besser als ich, vermutlich kann sie sogar die meisten Ritter Vanidariens besiegen.“
      „W-was?“ das war nun wirklich schwer zu glauben. Gut, sie hatte diesen Verbrecher in der Taverne irgendwie erledigt, aber das war sicher nicht mehr als Glück gewesen.
      „Der Kampfstil der Matriarchinnen von Varos liegt Haruhi im Blut. Es ist eine seltsame Kampfweise, sehr unterschiedlich von uns Silberblättern. Die meisten Vanidaren kämpfen lieber eingehüllt in schwere Rüstungen und auf dem Rücken eines Pferdes. Sie dagegen setzt auf Schnelligkeit, aber vor allem natürlich auf Hinterhältigkeit.“
      „Schön für sie, aber auch ohne Waffe hilft sich schnell zu bewegen nicht unbedingt viel.“
      „Ach, sie benutzt einfach die Waffen ihrer Gegner. Das ist ihrer Meinung nach viel leichter als selber welche mit sich herumzutragen.“
      Ja, das klang wirklich nach Haruhi, dachte Kyon. Dabei kam ihm noch eine Frage in den Sinn, eine die ihn schon seit Beginn der Reise beschäftigte. „Warum lasst Ihr euch Haruhis Verhalten eigentlich die ganze Zeit über gefallen, Lady Asahina? Ein Wort von Euch und wir verschwinden zurück nach Benjii.“
      „Ich...ich weiß nicht.“ antwortete Asahina und sah unsicher zu Haruhi hinüber „Wenn ich sie ansehe fühlt es sich so...seltsam an. Es ist als würde man direkt in die Sonne blicken, dort ist etwas das ihr Verhalten einfach überstrahlt...es ist schwer zu erklären.“
      „Weiße Königin.“ ließ die bis eben noch stumme Yuki leise von sich hören.
      „Was?“ fragte Kyon nach, er hatte ganz vergessen dass sie auch noch da war.
      „Ich habe schon einmal davon gehört“ warf Koizumi ein „Es ist eine uralte Legende. In der Zeit als unser Volk noch auf dem Festland lebte, soll es weit im Norden eine mächtige Hexe gegeben haben. Angeblich lebte sie mit ihren Dienern in einem Wald aus silbernen Bäumen. Es heißt sie lebte viele Hundert Jahre lang und aus ihren vielen Nachkommen wurde nach ihrem Tod der Clan der Silberblätter. Es heißt auch ihr verdanken die Silberblätter die weißen Haare und roten Augen, sie soll mit ihren magischen Kräften sehr gerne an ihrer Nachkommenschaft experimentiert haben.“
      „Farbe der Augen ist nur ein Nebeneffekt. Augen können Warpstrahlung sehen. Je reiner das Rot ihrer Augen noch ist, desto mehr werden sie davon beeinflusst. In ihren Augen sehen die Matriarchinnen aus wie Göttinnen. Daher kommen Anbetung und Besessenheit gegenüber den Matriarchinnen.“ wow, so viel hatte Yuki schon seit zwei Tagen nicht mehr gesprochen.
      „Naja das erklärt zumindest einiges, bisher dachte ich die Silberblätter wären einfach nur verrückt.“ murmelte Kyon, anderseits wenn er dieses alberne Gerede über Magie glaubte war er vermutlich auch schon verrückt, vielleicht hatte er sich Yukis Worte auch nur eingebildet, vielleicht sogar ihre Existenz, ja genau Magie existierte nicht, was für ein bekloppter Schwachsinn.



      Zwei rote Punkte leuchteten in der Dunkelheit, zwischen den Büschen und Bäumen hervor, manchmal konnten diese verfluchten Augen wirklich unpraktisch sein, dachte Roger entnervt. Er hatte das Lager lange genug beobachtet, die Gruppe legte sich schlafen und nur noch ein paar Wachposten blieben wach. Er selbst hätte seine Wache auch gerne fortgesetzt, aber das wäre dumm gewesen. Sicher, er könnte die ganze Nacht ohne Schlaf bleiben und über Haruhi wachen, vielleicht auch noch die nächste und so weiter und falls es irgendwann zu einem Kampf käme, würde er vor lauter Müdigkeit nicht mal sein Schwert heben können. Es war im Grunde so schon unpraktisch genug, aber die breite, große Klinge passte zur brachialen Kampfweise der vanidarischen Ritter.




      Roger konnte allerdings auch auf andere Art und Weise kämpfen wenn es nötig war, in den Sümpfen Neideas hatte er nur selten ein gepanzertes Schlachtross gehabt um in den Kampf zu reiten. Mit einem letzten Seufzer wandte Roger sich von dem Lager ab, er selbst hatte seine wenigen Sachen ein ganzes Stück entfernt irgendwo hingeworfen und würde dort ein paar Stunden schlafen. Er traute sich nicht näher am Lager zu übernachten, aus Angst dass sie ihn entdecken würden. Während er sich durch den lichten Wald bewegte, bezweifelte Roger dass er überhaupt auch nur eine einzige Minute Schlaf finden könnte. Schon jetzt drehte er sich immer wieder unruhig in Richtung Lager um und lief mehr als einmal fast gegen einen Baum. Vermutlich würde er die ganze Nacht wach liegen und sich um Haruhis Sicherheit sorgen. Am besten er ging wieder zurück und verschob das mit dem Schlafen noch um ein oder zwei Nächte. Er versuchte sich damit zu beruhigen dass Haruhis Leibwache den Königlichen nicht mehr hoffnungslos unterlegen war. Allerdings bestanden die neuen Wachen ausschließlich aus Republikanern, was ihn dann irgendwie doch nicht beruhigen konnte. Seit Guerilla wusste er, die Menschen in den Republiken sind verrückt.
      Als er sich in Guerilla mal kurz auf die Suche nach etwas zu Essen machte, war er vor einer Taverne aus ein seltsames Mädchen aufmerksam geworden. Sie hatte immer wieder panische Blicke um sich geworfen und mit sich selbst irgendwelchen Unsinn geredet. Unter ihrem Kapuzenumhang sah man nicht viel von ihr, nur ein paar dunkelblaue Haare fielen ihr ins Gesicht. Einige Männer, dem Aussehen nach einfache Arbeiter, die gerade die Taverne betreten wollten, hielten verwundert an. Einer von ihnen näherte sich dem verwirrten Mädchen und versuchte beruhigend auf sie einzureden. Roger hatte es von einer Gasse aus beobachtet, die Freunde riefen dem Mann zu er solle wieder zurückkommen, damit weiterkonnten. Sein Name war Davo S. gewesen oder so, Roger hatte nicht genau zugehört. Plötzlich hatte das Mädchen ohne Vorwarnung einen Dolch gezückt und den Mann unter wütenden Schrein abgestochen. In einer wirklich beeindruckenden Geschwindigkeit war sie dann auf die restlichen Männer losgegangen. Sie hatten versucht sich zu verteidigen und eigentlich hätte sie gewinnen müssen! Selbst wenn sie einen Dolch hatte, letztendlich war es nur ein junges Mädchen gewesen. Aber irgendwie gelang e ihnen nicht diese Verrückte unter Kontrolle zu bringen. Ein oder zwei flohen um die Stadtwache zu holen, als die Wachen ankamen hatte die Irre sich längst aus dem Staub gemacht. Roger wusste seitdem mit ziemlicher Sicherheit eins, die Frauen außerhalb von Vanidarien hatten eindeutig einen Knall. Konnten sie denn nicht einfach so wundervoll und nett sein wie Haruhi?
      Gerade als er vor lauter Sorge wirklich zurückgehen wollte, hörte er neben einem Baum ein leises Miauen. Dort schlich eine Katze um ein Vogelnest herum, dass sie vermutlich aus dem Baum geholt hatte. Es war eine vanidarische Katze, er hatte in seiner Heimat mehr als genug von den Viechern gesehen, von daher hielt sich seine Bewunderung über die seltsame Katze sehr in Grenzen.
      „Verzieh dich!“ Roger hob einen kleinen Stein auf und warf ihn auf die Katze. Der Stein traf das Tier am Kopf und es sprang erschrocken zurück. Es hatte ihr nicht wirklich wehgetan, aber normalerweise bewunderten die Menschen eigentlich ihr außergewöhnliches Fell oder ihre Augen, aber noch nie hatte jemand etwas nach ihr geworfen! Was war los mit dem weißhaarigen Idioten? Wütend fauchte sie Roger an. Er machte einen Schritt auf sie zu und die Katze machte sich dann doch lieber davon. Roger hockte sich hin und hob das große Nest auf. Zwischen zerbrochenen Eiern und kleinen Zweigen hockte ein kleines, gelbes Küken und zwitscherte aufgeregt vor sich hin. Was es wohl war? Das Küken konnte in seinen Augen alles mögliche sein, er hatte keine große Ahnung von Vögeln und erst recht nicht von der Tierwelt außerhalb Vanidariens. Noch immer fiepte es aufgeregt vor sich hin und ruckte panisch hin und her. Es hatte auch jetzt noch schreckliche Angst.
      Ohne genau zu wissen warum warf Roger sich hektisch nach rechts, rollte sich ab und sprang sofort wieder auf. Dort wo er eben noch gehockt hatte, ragte jetzt ein Wurfmesser aus dem weichen Waldboden. Seine Hand flog an den Schwertgriff auf seinem Rücken, zog das schwere Schwert und hielt es schützend vor sich. Zwischen den Bäumen schnellte dieses verrückte Mädchen hervor dass er in Guerilla gesehen hatte. Wollte sie ihn umbringen weil er ein Zeuge ihrer Tat war? Oder war sie eine Mörderin der Gilde, geschickt um Haruhi umzubringen? Was immer es war, ihm blieb keine Zeit mehr um darüber nachzudenken. Das Mädchen hielt einen langen, gekrümmten Dolch vor sich und rannte weiter auf ihn zu. Roger versuchte ihr den Kopf mit einem einzigen, sauberen Schlag abzutrennen. Doch sie tauchte blitzschnell unter seinem Schwert weg, unterlief seine Verteidigung und war plötzlich direkt vor ihm. Er warf sich zur Seite und der Dolch schrammte nur harmlos über das Kettenhemd unter seiner Kleidung, dann war sie auch schon vorbei gerauscht. Er hatte kaum genug Zeit um sich umzudrehen, als sie auch schon wieder vorstürmte. Die Mörderin stach nach seinem Gesicht um ihm die Klinge ins Auge zu rammen. Rogers Kopf ruckte nach rechts und er ließ sich gleichzeitig zurück fallen. Der Dolch fügte ihm einen langen Schnitt an der linken Wange zu. Ohne sich um das Blut in seinem Gesicht zu kümmern, versuchte Roger erneut sie mit seinem Schwert zu treffen, aber eher hätte er versuchen können den Wind selbst zu töten. Sie wirbelte einfach um ihn herum. Immer schneller ließ er sein Schwert kreisen und ging jetzt selber zum Angriff über, aber schon nach einigen Schlägen merkte er wie sinnlos das war. Sie versuchte jetzt gar nicht mehr ihn anzugreifen, sondern wollte ihm scheinbar zeigen wie einfach sie seinen Schlägen ausweichen konnte. Eine ganze Weile ging das so weiter, bis Roger sich endlich zu einer, für ihn, schweren Entscheidung durchringen konnte. Noch ein letztes mal schwang er die schwere Waffe um die Mörderin auf Abstand zu halten, dann warf er das Schwert einfach davon und zog seinen eigenen Dolch.
      Roger stach nach ihr und versuchte gleichzeitig mit seinen schweren Stiefeln nach ihren Beinen zu treten. Er erwartete dass sie versuchte auszuweichen, wie sie es bisher die ganze Zeit schon getan hatte. Tatsächlich taumelte sie zurück um seinem Tritt zu entgegen, als der Dolch niedersauste packte sie aber einfach Rogers Handgelenk und hielt ihn auf. Überrascht von dem festen Griff des Mädchens, versuchte er den Dolch weiter nach unten zu drücken, oder sich wenigstens aus ihrem Griff zu befreien, kam aber nicht besonders weit. Sie war stärker als er! Wie konnte dass sein? Er hatte noch nie einen Menschen getroffen, der ihn so spielend leicht aufhalten konnte, was war sie? Zorn stieg in Roger auf und er wollte ihr seine linke Faust in das nervtötend lächelnde Gesicht rammen. Doch sie war schneller. Ihr Schlag traf ihn hart auf der Brust und er taumelte nach hinten, während ihm die Luft wegblieb. Er hatte es genau gehört, da war mindestens eine Rippe angebrochen. Sie beobachtete ihn interessiert, als er ihr sein Messer entgegenstreckte, dafür würde sie büßen.
      „Na los, versuch das noch mal du verdammte Hexe! Abschaum wie du wird Haruhi niemals etwas antun!“ Er hätte die kleine Pause lieber dazu nutzen sollen zu Atem zu kommen, anstatt sinnlos herumzubrüllen. Anderseits schienen seine Worte das Mädchen irgendwie zu verwirren, denn sie stürmte nicht sofort wieder auf ihn zu.
      „Du willst Haruhi beschützen?“ ihre Stimme jagte Roger einen Schauer über den Rücken, sie klang ganz anders als er es sich vorgestellt hatte. Irgendwie auf eine fast schon nervige Art und Weise freundlich, überfreundlich um genauer zu sein.
      „An mir kommst du nicht vorbei, als könnte mich so etwas wie du jemals besiegen! Lass uns weitermachen, ich habe gerade erst angefangen!“
      Doch das Mädchen machte sich gar nicht erst die Mühe ihm zu antworten. Stattdessen schien es fast als würde sie an ihm vorbeistarren und ihn gar nicht mehr wahrnehmen. Fast als lauschte sie einer unsichtbaren Stimme die nur sie hören konnte. Ihr Gesicht verzog sich plötzlich und sie wirkte zum erstenmal missmutig, anscheinend hatte sie etwas gehört was ihr nicht besonders gefiel. So schnell und leise wie sie aufgetaucht war verschwand die Mörderin auch wieder zwischen den Bäumen.
      Roger hatte ehrlich gesagt nicht die geringste Lust sich an ihre Verfolgung zu machen. Schwer atmend ließ er sich neben dem Küken am Rand ihres kleinen Schlachtfeldes zu Boden fallen. Er würde es niemals zugeben, aber dieser Kampf wäre für ihn nicht gut ausgegangen. Bisher hatte er sich für nahezu unbesiegbar gehalten, aber dieses Mädchen...war sie überhaupt ein Mensch? Wie konnte sie so stark sein? Mit einem richtigen Schwert hätte jeder ihrer Schläge ihm vermutlich den Arm brechen können. Das Küken zwitscherte begeistert und versuchte neben ihm auf und ab zu hüpfen. Wenigstens einem schien der Kampf gefallen zu haben.
      „Du hast recht, die hatte nie eine Chance gegen mich, vermutlich ist sie deswegen abgehauen.“ sagte Roger zuversichtlich und schloss seine Hand sanft um den kleinen Vogel, um ihn sich auf den Kopf zu setzen, wo das Küken es sich sofort zwischen seinen weißen Haaren bequem machte. Sollte diese Irre ruhig noch einmal versuchen sich an Haruhi heranzuschleichen, um sie feige zu meucheln. Das nächste mal würde er die Mörderin nicht nur verjagen, sondern töten. Denn er war unbesiegbar, er war der himmlische Beschützer einer Göttin, er war der Beste, er war Preußen. „Wie wärs mit einem Namen für dich? Ich dachte da an so etwas wie, Gilbird.“



      2105. J.d.S, Herzogtum Vanidarien, Vanidos



      Dieser verfluchte Tephus! Er hatte sich geweigert ihr den Aufenthaltsort ihrer Zielperson zu nennen. Auch wenn sich ihre Meister aus der Not heraus gegen Tzeentch verbünden mussten, trauen würden sie sich niemals. Alles was die Lady wusste, war dass das Mädchen sich nicht mehr in Vanidos aufhielt. Trotzdem trugen ihre schwarzen Schwingen sie gerade direkt auf die grauen Mauern der Zitadelle von Vanidos zu. Die Dämonin musste wissen wo das Mädchen war und zwar schnell. Ohne langsamer zu werden hielt die Dienerin Slaaneshs auf die Mauer zu und glitt durch den Stein hindurch, als würde er für sie gar nicht existieren. Sie fand sich in einem dunklen und erstaunlich karg eingerichtetem Raum wieder. Sie war schon einmal hier gewesen. Zweimal hatte sie diese Welt schon besucht, lange bevor Shion endlich genug Macht ansammeln konnte um sie zu beschwören. Damals war die Lady hier nicht viel mehr gewesen als ein Geist, eine gestaltlose Kreatur die nur dazu in der Lage war den Sterblichen irgendwelche Versprechungen einzuflüstern. Aber jetzt hatte sie ihren Körper ebenfalls in diese Welt geholt. Sie konnte endlich selber den Willen des dunklen Prinzen erfüllen und hier würde sie anfangen, im Zimmer der Matriarchin von Vanidarien. Ihre Flügel verformten sich und bildeten eine schwarze, zähflüssige Masse die mit ihrer Kleidung verschmolz, bis sie sich in nichts mehr von dem Leder unterschied. Langsam näherte sie sich dem Bett im Zentrum des fast leeren Raumes, hier war anscheinend nicht einmal die Herrscherin besonders reich.
      Das Bett war leer. Wütend zischend drehte die Dämonin sich um als sich die Tür öffnete. Sie rechnete mit einer Falle, einem Angriff der vanidarischen Ritter, nicht dass sie vor Sterblichen Angst haben müsste. Aber stattdessen trat nur eine Frau in einem dunklen Kleid aus Seide und mit langen, schwarzen Haaren ein. Sie war Anfang Dreißig, auch wenn sie deutlich jünger aussah, die Matriarchinnen von Vanidarien alterten äußerlich nur recht langsam, aber lebten trotzdem meistens nicht besonders lange. Sie hatten es nicht so mit dem, in Würde altern, meistens starben sie vorher. Weiße Narben zeichneten sich auf ihren Armen ab und zeigten dass Tegara sich während ihrer Rebellion auch gerne selbst in die Schlacht geworfen hatte.
      „Ich wusste du würdest wiederkommen.“ sagte die Matriarchin, ihr Lächeln zeigte nicht die geringste Spur von Angst beim Anblick der Dämonin. Sie musste zugeben dass die Matriarchin für eine Sterbliche außergewöhnlich schön war. Nicht umsonst hatte sie damals den Herzog von Vanidarien zur Rebellion gegen seinen König gebracht. Es hieß nach einer einzigen Nacht mit ihr trug ihn seine Leidenschaft bis in das Herz des Königreichs und das obwohl er nicht mehr als 900 Männer hatte. Aber sie war leider nicht zu ihrem eigenen Vergnügen hier, es gab im Moment wichtigeres.
      „Wo ist sie?“ fragte die Dämonin kurz angebunden.
      „Nicht mehr hier und das ist wohl auch gut so.“
      „Erinnerst du dich nicht mehr an unser erstes Treffen, Tegara? Vor fast zehn Jahren, nach deinem dritten und letzten Aufstand, führte man dich und deine Tochter nach der Niederlage in den Thronsaal des eroberten Vanidos und als du sahst wie der König dich und die kleine Haruhi musterte wusstest du es, nicht wahr?“
      „...“ Tegara schwieg nur, sie hatte niemals vorgehabt ihren Teil der Abmachung einzuhalten, ganz egal was die Dämonin sagte.
      „Damals konntest du es in seinen Augen sehen, richtig? Du konntest sehen wie es in seinem Kopf arbeitete, wie er seine Möglichkeiten abschätzte Vanidarien, und vor allem dich, jemals unter Kontrolle zu halten und wie er letztendlich zu dem einzig logischen Ergebnis kam: die Matriarchinnen endgültig loszuwerden. Er würde einige seiner Männer aus den nördlichen Kronlanden zu eurer Bewachung abstellen. Männer die ihre Heimat und ihre Familien an deine Ritter und dein Wüten verloren. Sie hätten euch beide leiden lassen, lange, sehr lange. Konstantin würde sich nicht selbst die Hände schmutzig machen, das wusstest du. Er erweckt zu gerne den Anschein besonders ehrenhaft zu sein. Der General der Vanidos plünderte wurde seines Postens enthoben und als Belunda ohne Grund Ceicla niederbrannte, wollte er deren Herzog dafür sogar vor Gericht stellen, obwohl der König im Geheimen selbst den Befehl gab. Vermutlich hätte er eure Mörder hinterher sogar hinrichten lassen, ein schwacher Trost.“
      „Und dann standest du neben mir.“ flüsterte die Matriarchin.
      „Gut, du erinnerst dich also doch noch.“ die Dämonin hatte sich damals in Tegaras Kopf gezeigt und ihr offenbart welches Schicksal sie und ihre Tochter ohne Hilfe erwarten würde. „Mein Meister ist in den Geist des Königs eingedrungen und hat ihn davon abgebracht euch zu töten. Ohne ihn wäre die Linie der Matriarchinnen an diesem Tag zu Ende gewesen.“
      „Ja, danke, war wirklich nett von ihm und jetzt verschwinde endlich.“ grenzenlose Überheblichkeit schwang in der Stimme der Matriarchin mit.
      „Ein einfaches Dankeschön wird nicht ausreichen. Deine Tochter ist dem dunklen Prinzen versprochen. Ich sollte sie schon vor zwei Jahren mitnehmen!“ wenn die schwarze Lady an ihren Besuch vor zwei Jahren dachte stieg noch immer Zorn in ihr auf. Ohne feste Gestalt war sie damals nicht der Lage gewesen Haruhi mit Gewalt aus Vanidos zu bringen und musste unverrichteter Dinge wieder abziehen.
      „Ich weiß, aber das konntest du nicht, denn du bist nichts weiter als ein machtloser Geist. Also spar dir deine leeren Drohungen, das hat schon damals nicht funktioniert.“
      Eine der Krallenhände der Dämonin schnellte vor und schloss sich um den Hals der überraschten Matriarchin. Hatte Tegara wirklich geglaubt es würde so einfach werden? Die Dämonin hob die Matriarchin ohne Schwierigkeiten hoch und rammte sie dann mit dem Rücken gegen die Wand. Während Tegara an die Wand gedrückt wurde, versuchte sie verzweifelt sich aus dem Griff zu befreien. Ihre Hände kratzten über das schwarze Leder am Arm der Dämonin, doch sie konnte nicht einmal der Kleidung dieses Wesens einen Kratzer zufügen.
      „Fühlt sich das an wie ein Geist? Wo ist deine Tochter? Ich habe keine Zeit mich mit einer Möchtegerngöttin auseinanderzusetzen.“
      „Verrecke Dämon. Der Geist des weißen Baumes wird dich und deinesgleichen wieder vom Antlitz dieser Welt tilgen.“ spie Tegara aus.
      „Große Worte, für jemanden der mich vor zehn Jahren um sein Leben anbettelte.“
      „Ich habe nie um mein Leben gebeten, nur um das meiner Tochter. Mach was immer du willst Dämon, es ist mir egal.“ Ja, das war es. So viel konnte sie ohne Probleme erkennen. Die Matriarchin wusste dass sie keine Chance gegen einen Dämon hatte, sie fügte sich in ihr Schicksal. Aber niemals würde sie vor ihrem Tod verraten wo sich Haruhi befand. Zwar hatte Tegara die Reise ihrer Tochter anfangs für eine schlechte Idee gehalten, aber wenigstens war sie dadurch aus Vanidos fort. Vielleicht gelang es ihr dieser Dämonin zu entkommen, sie war schlau.
      Die andere Hand der Dämonin legte sich plötzlich erstaunlich sanft rechts an Tegaras Kopf. Die schwarze Lady lächelte und näherte sich der verwirrten Tegara weiter, bis ihre Gesichter einander fast berührten. Der Geruch der Dämonin war seltsam, abstoßend aber zugleich auch betörend und sinnlich. Das Mondlicht fiel durch die Fenster hinein und Tegara konnte zumindest halbwegs erkennen was gerade passierte, auch wenn sie es gar nicht sehen wollte. Die Kleidung der Dämonin begann sich zu bewegen. Erst dachte Tegara sie bildete sich das nur ein, nur eine Sinnestäuschung die ihr ihr Verstand vorgaukelte. Wie erstarrt beobachtete sie wie das Leder zerfloss und zu einer schwarzen, zähflüssigen Masse wurde die sich langsam in Bewegung setzte. Die Dunkelheit wanderte die Dämonin hoch und sammelte sich auf ihrem Arm, unförmig und wabernd. Dadurch gab es den Blick frei, auf den makellosen weißen Körper der Dämonenprinzessin, welcher im blassen Mondlicht noch unheimlicher wirkte. Aber das bekam Tegara gar nicht mehr mit, sie starrte die schwarze Masse auf dem Arm an, und dann starrte die Dunkelheit plötzlich zurück. Zwei große, grausame Augen erschienen in der Finsternis und betrachteten die Matriarchin gierig.
      „Falls du nichts dagegen hast, wird mein kleiner Freund hier jetzt ein wenig Spaß mit dir haben.“ flüsterte die Dämonin ihr ins Ohr, am liebsten hätte sie der Matriarchin den Aufenthaltsort von Haruhi selber entrissen, als Dienern Slaaneshs war sie sehr gut darin Schmerzen zuzufügen, aber das hier ging deutlich schneller. Tegara wollte etwas sagen, doch dann bohrte sich auch schon eine der roten Krallen in ihre Schläfe. Sofort kam wieder Bewegung in die Dunkelheit und die Masse schob sich die Hand der Dämonin entlang auf den Kopf der Matriarchin zu. Noch bevor Tegara einen Schmerzenslaut über die Lippen bringen konnte, drang die Dunkelheit in ihren Kopf ein. Das Wesen breitete sich in der Matriarchin aus, füllte jeden noch so kleinen Winkel ihres Geistes. Die Dämonin betrachtete vergnügt wie sämtliche Gegenwehr der Matriarchin sofort erstarb, nur hin und wieder durchlief ein kurzes Zucken ihren Körper.
      Nach einer Weile wurde die Dämonin unruhig, ihr Diener sollte eigentlich schon längst fertig sein. Selten brauchte er länger als ein paar Minuten um jemanden zu brechen. Eine halbe Stunde dauerte es, bis der triumphale Freudenschrei des Wesens aus reiner Finsternis erklang, es war fertig. Vermutlich hätte es auch schneller gegen den Geist Tegaras gewinnen können, aber es war ein unvergleichliches Vergnügen für dieses Wesen den menschlichen Geist zu brechen. Ein dünner Blutfaden rann Tegara aus der Nase, anfangs noch rot, dann schwarz wie das Wesen der Dämonin. Ein letztes mal öffnete sich ihr Mund zu einem stummen Schrei, bevor sie endgültig unter dem Druck der Chaosmagie brach, erschlaffte und in sich zusammenbrach. An die Wand gelehnt starrte sie aus leeren, toten Augen vor sich hin, Blut rann aus ihren Ohren und der Wunde an der Schläfe, während die zähflüssige, dunkle Masse aus ihrem Kopf herausfloss um sich wieder den Arm der Dämonin hinaufzuschlängeln. Es breitete sich auf ihrem Körper aus und umschloss sie wieder, bis es aussah wie einfaches, enganliegendes, schwarzes Leder. Die großen, bösen Augen schlossen sich und nichts deutete mehr darauf hin dass ihre `Kleidung´ in Wahrheit ausgesprochen lebendig sein konnte. Die Dämonin strich sanft über das Leder an ihrem Arm, sie war sehr zufrieden mit ihrem Diener. Jetzt wusste sie wenigstens in welchem Teil des Reiches sich Haruhi aufhielt.
    • Alle Menschen träumen, doch nicht auf die gleiche Weise.
      Jene, die bei Nacht in den dunklen Tiefen ihres Geistes träumen,
      wachen bei Tage auf und stellen fest, dass alles nur eine Illusion war,
      doch die, welche am Tag träumen, sind gefährliche Menschen.
      Ihre Träume sind Träume der Hoffnung, der Verbesserung, der Veränderung.
      Aus ihnen entstammten die verfluchten Anhänger des Chaos.



      Christine von Rauken schlug die Augen auf und sah sich in dem kleinen Zimmer um das man ihr in der Burg zugewiesen hatte. Seit ein paar Tagen saß sie jetzt schon hier in Stratholme rum und hatte erstaunlich wenig zu tun. Davon irgendwelchen Bauern kämpfen beizubringen hielt sie recht wenig, dafür waren die Ritter deutlich besser geeignet. Was die Mitglieder dieser Bruderschaft des Lichts anging, war sie sich noch immer nicht sicher ob sie in der Lage wären die Gebete und Segen Sigmars zu erlernen. Um ehrlich zu sein wirkten sie bisher nicht besonders beeindruckend, fast wie eine billige, schlechtere Version der Sigmarkirche. Um herauszufinden ob die Bruderschaft etwas taugte, war Christine gerade dabei aus ihrem Kopf heraus eine Abschrift des `Deus Sigmar´ zu schreiben, mit bisher eher mittelmäßigem Erfolg. Sie kannte die Gebete zwar auswendig aber schreiben konnte sie noch nie besonders schnell, vielleicht sollte sie den Fürsten der Burg um einen Schreiber bitten. Gestern hatte sie sich mit dem besten Schmied von Stratholme getroffen um über ihre Ausrüstung zu sprechen.



      Besonders anspruchsvoll war sie in Hinsicht auf ihre Rüstung sowieso nicht gewesen, sie würde eh eine weiß-rote Robe darüber tragen, also musste die Rüstung nicht besonders prachtvoll sein. Eine einfache Brustplatte, kurze Armschienen und, das einzig seltsame daran, ein hoher Stahlkragen. Den ungepanzerten Rest ihres Körpers würde sie mit Gebeten an Sigmar bedecken und sich auf seine schützende Hand und ihren Glauben verlassen. Alles in allem waren die Rüstungen der Sigmarschwestern nicht ganz so wuchtig, wie die der meisten männlichen Priester. Letztendlich war aber auch der Kampfstil der Schwestern nun mal auf brachiale Gewalt und Wucht ausgelegt, kein Wunder wenn man mit riesigen Hämmern kämpfte. Daran dem Schmied ihre Vorstellungen von einem vernünftigen Kriegshammer zu beschreiben, war es dagegen fast schon gescheitert. Für den störrischen Mann waren Hämmer in erster Linie Werkzeuge und nur im absoluten Notfall als Waffen zu gebrauchen. Trotzdem würde er ihr einen anfertigen. Nachdem sie die Form beschrieben hatte, war sie zu den Runen gekommen, was den Schmied nur noch mehr verwirrt hatte. Er kannte keine einzige dieser seltsamen Runen, die Christine noch etwas mehr Schutz vor der Magie des Chaos geben würden. Direkt auf dem Hammerkopf würde sich ein Totenschädel befinden, das Symbol des Imperators. Normalerweise krönte ihn ein Lorbeerkranz, aber sie traute dem Schmied nicht zu so filigran und sauber zu arbeiten dass der Kranz am Ende auch wirklich gut aussah. Ihr alter Hammer wurde von einem Zwerg geschmiedet, egal wie sehr der Schmied sich anstrengte, ihre neue Waffe würde niemals an den zwergischen Runenhammer heranreichen.
      Aber es hatte keinen Sinn sich über ihre derzeitigen Verbündeten zu beschweren, sie waren alles was sie hatte um diese Welt vor dem Chaos zu retten. Die Ritter und der Fürst wollten erst einmal hierbleiben und sich auf einen Kampf vorbereiten. Aber wie bereitete man sich auf etwas vor das man nicht kannte? Sie wusste rein gar nichts über das Chaos in dieser Welt, sie brauchte mehr Informationen und die bekäme sie sicher nicht durch rumsitzen.
      Außerdem hatte sie mal wieder nur Müll geträumt. Diese Dämonin erinnerte sie an die Dienerinnen Slaaneshs, den Chaosgott der Verführung und Lust. Das seltsame Wesen aus Dunkelheit kannte sie allerdings überhaupt nicht. Aber zumindest diese Art von Magie war ihr vertraut, es musste dieser Frau unvergleichliche Schmerzen durch das Foltern ihres Geistes zugefügt haben. Chaoshexer bedienten sich gerne einer ähnlichen Macht, sie leiteten die giftigsten Winde der Magie in den Kopf eines Menschen und folterten ihn damit, aber dieses Wesen beherrschte den Zauber um ein vielfaches besser als jeder Hexer. Sie vertrieb die Gedanken an diesen Traum und versuchte wieder einzuschlafen, es waren noch einige Stunden bis Sonnenaufgang.
      Kaum hatte sie die Augen wieder geschlossen, als sie neben sich eine Stimme hörte „Hey! Hey aufwachen! Hey ich rede mit dir!“ es war eine fröhliche, freundliche Stimme. Christine schlug, mal wieder, die Augen auf und sah in ein strahlendes Gesicht, dass sich anscheinend sichtlich freute sie zu sehen. Ein junges Mädchen, vielleicht zehn oder elf Jahre alt, hockte neben ihr und stupste die Priesterin immer wieder mit dem Zeigefinger an der Schulter an. Sie hatte lange, schwarze Haare und trug ein einfaches weiß-orange kariertes Kleid das ihr fast bis zu den Fußknöcheln reichte. Verwirrt setzte Christine sich auf, wo um alles in der Welt war sie? Anstatt in ihrem Bett, saß sie auf einer kleinen, schneebedeckten Lichtung. Die Bäume drumherum aber trugen noch immer ihre Blätter und der Waldboden war frei von Schnee, generell sah er eher ausgetrocknet aus, wie man es in diesem heißen Sommer erwarten würde. Über den Baumwipfeln ragten die Gipfel eines Gebirges auf. Christine hatte es schon einmal gesehen, es befand sich in der Nähe des Dorfes Lordaeron wo sie in diese Welt gekommen war. Damit war sie also wieder am Rande der Einöde von Belunda. War das ein Traum? Der Schnee unter ihr fühlte sich mehr als nur echt an, er war sogar schon eine Spur zu kalt. Das Mädchen hatte neugierig beobachtet wie Christine sich umsah und stand auf. Sie trug keine Schuhe und ignorierte den Schnee einfach.
      „Oh gut du bist wach. Nun ja, so wach wie man sein kann wenn man tief und fest schläft“ schränkte das Mädchen sofort ein.
      Christine wollte etwas erwidern, aber dann brach sie ab. Etwas an dem Mädchen war seltsam. Die Priesterin brauchte eine Weile um es zu erkennen, sie war eine Zauberin! Eigentlich hätte sie sich gefreut hier in dieser fremden Welt auf eine Magiebegabte zu treffen, aber etwas stimmte nicht mit ihr. Die Winde der Magie umwehten dieses Mädchen, aber in ihrer Nähe waren sie seltsam. Sie bediente sich nicht nur der Kraft der acht Winde, da war noch etwas anderes, etwas das Christine nur allzu vertraut war. Sie umgab die Macht eines Chaosgottes, der Geruch nach dem Blut Hunderter Opfer, so wie bei einem Chaoshexer.
      „Du bist eine Hexe!“ rief sie.
      „Hexe?“ fragte das Mädchen verwirrt, während sie an sich heruntersah „Hexe? Sehe ich aus wie eine Hexe?“
      Die Priesterin erhob sich mit finsterer Miene und machte bedrohlich ein paar Schritte auf sie zu „Ich weiß nicht wie du in Wirklichkeit aussiehst, aber ich kann sehen was du bist, eine Chaoshexe. Du bist eine Dienerin Tzeentchs, ich kann sehen wie die Winde der Magie um dich herum verändert sind, durchdrungen von seiner Kraft.“
      „Und wie willst du mich in einem Traum töten?“ fragte das Mädchen mit ehrlichem Interesse in der Stimme. Christine schien sie kein bisschen zu beunruhigen, noch immer blickte sie fröhlich und unbekümmert drein.
      „Hörst du etwa meine Gedanken?“ fragte die Priesterin schockiert.
      „Nicht absichtlich.“ sagte sie entschuldigend „Aber wir sind nun mal in deinem Traum und damit auch in deinem Kopf, da ist es schwer nicht hinzuhören.“
      Naja irgendwie hatte sie ja recht. Konnte man jemanden im Traum töten? Christine konnte sich nicht vorstellen wie, ansonsten hätte die Hexe ihr ja bereits etwas angetan. Es würde ihr schon nicht schaden sich ein wenig die Lügen der Hexe anzuhören, vielleicht war ja sogar ein Funken Wahrheit dabei. „Und warum liegt in meinem Traum überall Schnee? Ich mag keinen Schnee.“ sie wäre vor einigen Jahren einmal fast unter einer Lawine begraben worden, dieses weiße Zeug konnte ihr gestohlen bleiben.
      „Aber ich!“ Das Mädchen drehte sich um die eigene Achse und flog mit ihren nackten Füßen geradezu über den Schnee, die Kälte schien ihr nicht das Geringste auszumachen. Sie wirbelte lachend den Schnee auf, bevor sie über ihre eigenen Füße stolperte und mit dem Gesicht voran im weichen Schnee landete. Während sie wieder aufstand und sich lächelnd den Schnee und die Eiskristalle von der Kleidung und aus den Haaren klopfte, wurde Christine nur noch verwirrter. So sahen in dieser Welt Chaoshexer aus? Das war wohl ein schlechter Scherz!
      „Wie ist dein Name?“ fragte sie, um ihre Verwirrung zu überspielen.
      „Rin.“
      „Wie komme ich zu dem Vergnügen, dass du in meinem Traum herumschleichst?“
      „Ich war nur neugierig. Du kommst aus derselben Welt wie mein Lord Tzeentch. Ich hatte gehofft mehr darüber zu erfahren.“
      „Das erklärt noch immer nicht wie du mich gefunden hast.“ murrte Christine, hatte sie sich so auffällig verhalten dass selbst ein kleines Mädchen sie finden konnte?
      „Das war nicht besonders schwer. Wenn mein Lord mich nicht gerade braucht, lasse ich meinen Geist gerne von den Chaoswinden über diese Welt tragen. Sie sind noch recht schwach hier, aber breiten sich von Tag zu Tag weiter aus. Alles was nicht in diese Welt gehört sticht dabei sofort hervor, solche Dinge sind wie...wie Leuchtfeuer. Lange Zeit konnte ich nur die Diener meines Meisters und seiner Brüder ausmachen. Ich war sehr verwirrt als plötzlich ein weiteres Feuer aus einer anderen Welt erschien, eines das vollkommen verschieden ist von dem des Chaos.“ sie zuckte kurz mit den Schultern „Falls du es genau wissen willst, ich bin schon seit ein paar Tagen in deinen Träumen unterwegs. Wer war dieser große Mann mit dem Stahlkragen und den leuchtenden Augen? Er sah wirklich beeindruckend aus.“
      „Das geht dich nichts an.“ antwortete Christine bissig. Bei dem Gedanken daran, dass diese Hexe einfach so in ihren Gedanken und Träumen herumstochern konnte, wurde ihr ganz schlecht.
      „Es ist wirklich seltsam, dass du durch Zufall auf einen der Risse gestoßen bist.“ sagte Rin plötzlich.
      „Risse?“
      „Naja das Wort Risse beschreibt es nicht besonders gut. Es sind eher Stellen an denen diese Welt zu verblassen beginnt. Die Grenze zwischen Realität und dem Warp beginnt zu verschwimmen und sich aufzulösen. Die dunkelsten Gedanken der Menschen werden dort wahr. Durch so einen Riss bist du hierher gelangt. Viele Tausend Welten sind mit dem Warp verbunden, doch noch unendlich viel mehr sind es nicht, oder waren es einmal. Eigentlich ist diese Welt an sich nicht besonders wichtig, aber sie war bis vor kurzem noch für lange Zeit vom Warp getrennt. Zum erstenmal seit Tausenden Jahren ist eine neue Verbindung zum Warp aufgetreten und das hat selbst die Götter überrascht. Sie selbst sind nicht in der Lage neue Verbindungen zu erschaffen. Mein Lord hat es als Erster gemerkt. Ein halbes Jahrzehnt später schickte dann auch der dunkle Prinz seinen Geist durch die Risse im Warp und begann sich Anhänger in dieser Welt zu suchen.“
      „Slaanesh? Slaanesh ist auch hier?“ der Prinz der Schmerzen und Verführung hatte ihr gerade noch gefehlt, Tzeentch alleine war schon schlimm genug aber wenn seine Brüder ebenfalls hier waren...
      „Ja, und seit ein paar Jahren auch Nurgle, der Herr des Zerfalls, genau wie ein ein oder zwei der schwächeren Brüder meines Lords.“
      „Was ist mit Khorne?“
      „Nein, der Hund des Krieges ist so beschäftigt damit die bekannten Welten mit Tod und Zerstörung zu überziehen dass er blind für alles andere geworden ist.“
      „Und wozu braucht Tzeentch dich? Wenn das wirklich deine wahre Gestalt ist, gibt es doch bestimmt...nunja geeigneter und bessere Kandidaten für die Ausbildung zum Chaoshexer.“
      „Nein, gibt es nicht.“ und zum ersten mal klang sie leicht eingeschnappt „In dieser Welt leben nicht viele Menschen die die Winde nutzen können. Die Götter sind nicht in der Lage selbst in diese Welt zu kommen, noch ist die Magie hier nicht stark genug für ihre Existenz. Jeder von ihnen verfügt über einen magiebegabten Diener, eine Art Medium, durch dass sie Verbindung mit ihren Anhängern aufnehmen können. Wir...wir...“ das Mädchen zögerte kurz „durch uns führen sie die Rituale aus, die ihnen auch in dieser Welt Macht verleihen. Ich habe sie alle mithilfe der Winde bereits gesehen. Nurgle dient ein Mann namens Tephus, ihn umgibt ständig der Gestank von verwestem und verfaulten Fleisch. Slaaneshs Dienerin ist eine junge, eingebildete Frau mit grünen Haaren, sie heißt Shion. Es gibt noch andere, von unwichtigeren Brüdern meines Meisters, doch ihre Rolle ist nicht besonders groß. Mein Lord nutzte die Kraft der Rituale um Hunderte seiner schwächeren Dämonen herüberzuholen. Sie sollten eigentlich ohne Probleme reichen um diese primitive Welt zu unterwerfen. Slaanesh dagegen hat in den letzten Jahren die gesamte Macht der Rituale gesammelt, um eine seiner mächtigsten Dienerinnen zu schicken. Eine seiner eigenen Töchter, eine Dämonenprinzessin aus den Gärten des Chaos, die schwarze Lady. Sie kontrolliert die Dunkelheit selbst, ihre Anwesenheit zwingt auch meinen Lord dazu bald...drastischere Schritte einzuleiten. Du hast die Lady bereits gesehen, kurz bevor ich aufgetaucht bin.“
      „Das war nur ein Traum.“ erwiderte Christine unsicher.
      „So wie das hier und trotzdem ist unser Gespräch real, genauso wie der Traum davor. Ich habe es dir gezeigt.“
      „Was ist mit der schwarzhaarigen Frau? Wird sie es überleben?“
      Rin schwieg eine Weile, bevor sie erstaunlich unbekümmert antwortete „Ihre Ritter werden sie morgen früh finden und sich um sie kümmern. Ihrem Körper geht es recht gut. Sie wird noch atmen, vielleicht kriegen sie sie nach einer Weile sogar dazu etwas zu essen und zu trinken. Vielleicht schaffen sie es sogar, dass sie ein paar Worte nachsprechen kann, fast wie die exotischen Vögel im Westen deiner Welt. Aber letztendlich wird ihr Volk sich nur noch um eine leere Hülle kümmern. Ihre Seele wurde vom Warp verschlungen, nein, verschlungen ist das falsche Wort, eher vollständig ausradiert. Es ist nichts mehr übrig von dieser Frau.“
      „Wer war sie?“ Christine war sich nicht sicher dass sie selbst so frei von Angst gewesen wäre, wenn sie dieser schwarzen Lady gegenübertreten müsste. Aber vielleicht hatte diese Frau auch einfach nur nicht gewusst was für ein Wesen sie dort bedrohte.
      „Ist das denn noch wichtig? Wer immer sie war, jetzt ist sie tot. Die geballte Magie der Dämonin hat ihren Geist zerschmettert.“
      „Warum?“
      „Warum was?“ wiederholte Rin verwirrt.
      „Warum hast du mir gezeigt was die schwarze Lady tat? Warum erzählst du mir das alles überhaupt?“ Christines Stimme troff vor Misstrauen. Wenn man mit Tzeentch zu tun hatte, konnte man keinem seiner Sinne trauen, dieses Mädchen konnte genauso gut ein Dämon sein, der versuchte sie zu verwirren oder sogar in eine Falle zu locken.
      „Ich wollte dass du sie siehst, sie ist eine Gegnerin der du nicht gewachsen bist und das weißt du genau. Horrors, Kreischer, Flammendämonen damit wirst du fertig. Aber ein wahrer Dämon aus den Tiefen des Warp? Sie verspeist dich zum Frühstück und noch mächtigere Wesen werden ihr bald folgen, hier gibt es für dich keinen Sieg zu erringen.“
      „Ich weiß noch immer nicht was dich das angeht. Sollte es deinem Meister nicht gefallen wenn ich tot bin?“ erwiderte Christine trotzig, auch wenn sie wusste dass das Mädchen recht hatte.
      „Er weiß noch gar nichts von dir. Ihm ist bisher nur aufgefallen dass du nicht mehr in deiner Welt existierst, er denkt du bist einfach nur tot.“
      „Tzeentch kann mich unmöglich übersehen haben.“
      „Schwer zu glauben, ich weiß. Aber egal in welchem seiner Tausend Pläne, du kommst nie darin vor. Deine Ankunft in dieser Welt war selbst für ihn nicht vorhersehbar.“
      „Gut, für mich auch nicht.“ damit schwieg sie und dachte über das Gehörte nach.
      „Ich kann dir einen Weg zurück in deine Welt zeigen.“ offenbarte Rin nach einer Weile und riss sie aus dieser nachdenklichen Stimmung.
      „Und wie?“ fragte die Priesterin misstrauisch.
      „Nicht alle Risse werden von meinem Meister oder seinen Brüdern bewacht, es gibt ein paar die zu klein für ihre Pläne sind und um die sie sich nicht weiter kümmern. Es wäre leicht für dich durch einen dieser Risse in deine Heimat zurückzukehren. In das Imperium von Sigmar Heldenhammer, in die Welt in der es Zwerge, Orks, Elfen und Trolle gibt, die Welt in der du geboren wurdest.“
      „Damit ich Tzeentchs Plänen nicht mehr im Weg stehe?“
      „Damit du am Leben bleibst. Ich habe seit deiner Ankunft hier viel Zeit in deinen Gedanken verbracht. Man braucht dich in deiner eigenen Welt!“ und das meinte Rin ernst, sie hatte sich die letzten Tage in den Erinnerungen der Priesterin fast schon verloren. Bisher hatte sie nie den Wunsch verspürt in die Gedanken der Menschen einzutauchen. Aber die Erinnerungen der Priesterin hatten sie von den grausamen Ritualen abgelenkt, wenn Tzeentch oder einer seiner Diener mal wieder die Kontrolle über ihren Körper übernahm und sie zusehen musste wie ihre eigenen Hände das Messer führten. Aber wie sollte sie Christine das verständlich machen?
      „Ich verteidige meine Heimat von hier aus.“ antwortete die Priestern zögerlich. Was immer das Chaos hier suchte, es war ihnen wichtig, zumindest daran bestand kein Zweifel. Wenn diese Welt fiel wäre das auch für ihre eigene schlecht. Ihren Kampf musste sie hier austragen, diese Welt war ihr Schlachtfeld im ewigen Ringen mit den Mächten des Chaos.
      „Wie du meinst.“ sagte Rin, nachdem was sie in den Erinnerungen gesehen hatte, erwartete sie auch nichts anderes, aber einen Versuch war es wert gewesen.
      „Aber wenn du mir wirklich einen Gefallen tun willst, dann beantworte mir nur noch eine Frage. Was hat die schwarze Lady gesucht? Wonach suchen die Diener Tzeentchs und die seiner Brüder?“
      „Ich...“ Rins Lächeln verblasste und sie starrte betreten in den Schnee, dann sprach mit fester Stimme weiter „Komm an diesen Ort, dann gebe ich dir die Antwort darauf. Ich...ich möchte dass du dabei bist, ich kenne sonst keine anderen Menschen.“
      „Wobei soll ich dabei sein? Und wo sind wir hier?“
      „Ach du findest den Weg schon. Also dann, wir sehen uns.“ damit drehte Rin sich um und wollte von der Lichtung verschwinden.
      „Warte!“ rief die Priesterin. Rin blieb sofort stehen und wackelte mit ausgebreiteten Armen auf einem Bein herum und versuchte das Gleichgewicht zu halten, um nicht schon wieder im Schnee zu landen. Es gelang ihr diesmal sogar halbwegs. „Wenn ich an diesen Ort komme, muss ich dann gegen dich kämpfen, kleine Hexe?“ fragte sie unsicher. Sie hatte schon Chaoshexer getötet, aber ganz sicher keine Kinder, falls das wirklich Rins wahre Gestalt war.
      „Nein, nein ich denke nicht.“
      Bevor Christine noch eine weitere Frage stellen konnte, wachte sie in dem dunklen Zimmer auf Burg Stratholme auf und zwar diesmal wirklich. In den nächsten Tagen sollte sie sich im Schlaf noch oft mit Rin unterhalten, solange bis sie aus irgendeinem Grund doch zu dieser Lichtung aufbrach. Sie wusste nicht genau warum, jede Faser in ihrem Körper schrie ihr zu „Hey du Idiot, das ist eine Falle!“ aber sie ging trotzdem.


      Spoiler anzeigen
      So, mit einiger Verspätung ist Vanis neues Kapitel nun auch hier lesbar^^
    • Kapitel 12: Dezimierung des Feindes


      Wie ihr sicherlich gemerkt habt gab es in den letzten Kapiteln vergleichsweise wenig von Haruhi, Lady Asahina und mir zu hören. Tja, ich habe eine freudige Nachricht für euch! Es wird noch eine Weile so weitergehen, denn seien wir ehrlich, ihr wollt doch gar nicht jede Minute der unendlich langweiligen Reise nach Nurc miterleben. Glaubt mir, dass wollt ihr wirklich nicht. Also werde ich die ganze Sache sehr galant lösen, ich werde einfach so lange nichts zu unserer Reise sagen bis sich etwas interessantes abspielt. So, gut dass wir das geklärt haben. Lasst uns nun auch mit der Geschichte fortfahren, und zwar bei einer Schlacht welche so unbekannt ist dass nur wenige Geschichtsbücher über sie berichtet haben. Es handelt sich um die Schlacht von Fort Herdweiler, ein altes, verlassenes Fort im Norden Synkriens, nahe an der Grenze zur Republik Juliues und der Stadt Teremaire. Dieses Fort war seit einem kleinen Grenzkonflikt zwischen den Republiken und Synkrien offiziell ohne Besatzung, offiziell. In Wahrheit sah es so aus dass eine große Söldnertruppe unter dem Befehl des ehemaligen synkrischen Hauptmanns Talwynn dort ihr Lager aufgeschlagen hatte. Bezahlt wurden sie vom Herzog persönlich und ihre Aufgabe war es die Grenze zu den Republiken zu überwachen. Was allerdings nicht einmal der Herzog von Synkrien wusste war dass der Hauptmann einen neuen Herren hatte, ein hoher Adliger am Hofe des Fürstentums Deadlien welcher nur unter dem Namen 'Levon' bekannt war. Und dieser neue Herr hatte dafür gesorgt dass der Hauptmann als Gegenleistung für seinen Dienst von den Göttern belohnt wurde, Hauptmann Talwynn besaß ein Schwert welches scheinbar mit Leichtigkeit jede Rüstung durchdringen konnte, zusätzlich zu seinen erhöhten Reflexen und übermenschlicher Stärke. Und eben jenes Fort dessen Besatzung nun, wissentlich oder nicht, Diener des Tzeentch waren, wurde zum ersten Ziel des Herold des Dunklen Prinzen auf dieser neuen Welt. Seht ihr? Ich kann auch vernünftig schreiben, vielleicht sollte ich mich mal an ein Geschichtsbuch setzen und... egal. Also, seht selbst was sich bei Fort Herdweiler abspielte.

      2105. Jahr der Sonne, Herzogtum Synkrien, Fort Herdweiler

      Shion stand auf einem Hügel und überblickte die Ebene vor den Toren des heruntergekommenen Forts welches hinter einem provisorischen Graben lag. Sie konnte die Macht des Warp spüren, das Fort lag direkt auf einem Portal in das Reich des Chaos, ohne Zweifel der Grund weshalb die Agenten des Herren des Wandels zu versessen darauf waren es zu halten. Die Gedanken der Magierin schweiften ab, zurück zu einer Zeit welche Jahrhunderte zurücklag. Damals hatte sie Tzeentch gedient, nicht dem Dunklen Prinzen. Der Gott des Wandels hatte ihr viel über die Magie beigebracht, sie gar Magie der dunklen Elfen von Naggaroth gelehrt. Ewige Jugend konnte er ihr jedoch nicht schenken. Daher hatte sie sich von Tzeentch abgewandt und Slaanesh ihre ewige Treue geschworen als er ihr eben jenes Angebot machte, ewige Jugend im Tausch für ihre Dienste. Shion fragte sich ob Tzeentch noch immer wütend auf sie war, sie vielleicht sogar auf Grund ihres Verrats jagen ließ. Oder vielleicht hatte er ihren Verrat vorhergesehen? Ihn gar selbst geplant? Das bezweifelte Shion, sie war sich äußerst sicher dass es ihr und dem Prinzen gelungen war den Gott des Wandels mit ihrer Aktion zu überraschen. Wie auch immer Tzeentch auf ihren Verrat reagiert hatte, ihr nächster Schlag würde ihn noch härter treffen. Sie würde in Kürze den Grundstein für sein Versagen in Almodozasra legen, gemeinsam mit den Kräften Nurgles und des Zunichtemachers würden sie die Horden der Dämonen des Tzeentch aus dieser Welt jagen. Und danach die Truppen der beiden anderen Götter mitsamt diesem verfluchten Tephus vernichten. Dieser meinte er müsse nach einem seiner 'Brüder' sehen und könne ihr daher nicht beim Fort helfen, faule Ausreden wenn man Shion fragte. Aber sein Ende würde schon früh genug kommen, nicht umsonst hatte Shion absichtlich die gesamte Energie des größten Portals in dieser Welt verbraucht, sie und ihre Herrin würden auch gut ohne Hilfe von Dämonen des Nurgle auskommen, ganz davon abgesehen dass es ihren späteren Verrat so viel leichter machen würde. Der Tod machte ihr keine Angst, sie hatte im Warp einen Ausschnitt ihrer Zukunft gesehen, damals als sie noch Tzeentch diente. Sie würde ihren Tod durch das Schwert einer Kriegerin des Sigmar finden, wohlgemerkt durch ein Schwert. Somit fielen die Priesterinnen des Sigmar aus, sie benutzten Kriegshämmer und hatten andere Rüstungen als die Frau in ihrer Vision. Und ansonsten, nun es gab ihres Wissens nach keine richtigen Kriegerinnen des Sigmar. Natürlich gab es weibliche Soldaten im Imperium, aber diese waren keine Auserwählten des Sigmar. Also lag ihr Tod noch in ferner Zukunft, und auf einer ganz anderen Welt.

      In diesem Moment trat einer ihrer Diener an sie heran, Da Voss, Anführer des Kults der Grenzenlosen Freuden, einer der wenigen Kulte die ihr Herr in den letzten Jahren in dieser Welt errichten konnte. Er fiel neben ihr auf die Knie ebenso wie sieben weitere Mitglieder des Kultes welche sie hierhin begleitet hatten.
      „Herrin, die Männer sind bereit für den Kampf! Wir haben herausgefunden dass nicht mehr als 300 Feinde in diesem Fort sitzen können, angeführt von einem Champion... nein, eher einem aufstrebenden Champion des Tzeentch. Talwynn ist sein Name und er hat bereits einige Gaben von seinem Gott erhalten. Es war äußerst weise von euch zuerst hier...“ sie unterbrach ihn mit einem Tritt gegen den Kopf, der kurze Schmerzensschrei des Mannes ließ sie lächeln und sie spürte bereits wie die Macht in ihr wuchs.
      „Du quasselst zu viel, Idiot! Ich weiß selber was weise ist und was nicht. Und jetzt halt deinen Mund. Du da! Ja, du mit dem seltsamen Hut! Geh und sag den Truppen sie sollen angreifen.“
      „Seid ihr euch sicher, Herrin? Ich meine, wir sind in der Unterzahl und die Leute da drinnen haben...“ er kam nicht weiter. Mit nur vier Schritten war Shion heran, zerrte den Mann auf die Beine und rammte ihm den Dolch in den Oberschenkel, der Kultist heulte auf.
      „Jetzt geh und sag den Truppen sie sollen angreifen, oder soll ich dir vielleicht doch lieber das Herz herausschneiden?“ Der Mann wimmerte noch immer, humpelte allerdings den Hügel hinunter um den Truppen das Signal zu geben. 'Truppen' war ein recht großzügiger Begriff für die Ansammlung von Menschen die Shion im Laufe der Viertagesreise hierher aufgetrieben hatte. Genaugenommen war es jeder Mensch, ob Mann oder Frau, den sie mit einem einfachen, kleinen Zauber betören konnte ihr zu folgen, die meisten von ihnen hatten nur irgendwelche Mistgabeln oder Dolche als Bewaffnung, bei manchen reichte sogar ihr Aussehen um sie davon zu überzeugen ihr zu folgen. Alles in allem waren es vielleicht 150 Männer und Frauen, nicht viel besser als die wenigen Kultisten die ihr zur Verfügung standen, aber diese wollte sie noch nicht verschwenden. Abgesehen davon würde sie diese Männer und Frauen schon bald gegen weitaus mächtigere Verbündete eingetauscht haben. Der Mob, ein besserer Begriff wollte Shion bei weitem nicht für die Ansammlung von Menschen einfallen, stürmte über die Ebene hinweg auf die Mauern des Forts zu. Die Garnison von diesem hatte die Feinde schon von weitem gesehen und sie als geringe Bedrohung eingestuft. Der Hauptmann persönlich führte 100 seiner Männer aus den Toren des Forts auf die Ebene um ein Massaker unter den anstürmenden Truppen anzurichten. Mit anderen Worten, alles lief nach Plan. Shion sah zu ihren Kultisten hinüber. Eigentlich hatte sie geplant Da Voss für diese nächste Aufgabe auszuwählen, allerdings war er der Anführer des Kults. Nein, sie würde jemand anderen nehmen. Sie deutete auf einen Mann welche direkt neben ihr kniete. Voss sah zu ihm hinüber und fragte
      „Was ist mit ihm, Herrin?“
      „Er hat die große Ehre uns den Sieg zu bringen. Tötet ihn, langsam. Wenn er nicht leidet werde ich dafür sorgen dass ihr es tut. An die Arbeit, und zwar sofort!“ Der Kultist, dem langsam dämmerte was ihn erwartete riss die Augen auf und versuchte etwas zu sagen, jedoch hatten ihn schon drei andere Männer gepackt und Voss machte sich bereits daran ihm die Finger abzuschneiden, sorgte nach jedem Schnitt jedoch dafür dass die Wunde zumindest ein wenig verbunden wurde damit der Mann nicht zu schnell verblutete.

      Shion schloss die Augen und genoss die Schmerzensschreie des Mannes hinter ihr und der Menschen auf der Ebene welche gerade jetzt auf die Söldner des Talwynn trafen. Fröhlich vor sich hinsummend öffnete sie ihre Augen und ging zu den beiden verbliebenen Kultisten welche sich nicht an der Folter ihres Kollegen beteiligten, einem von ihnen Schnitt sie die Kehle durch, dem zweiten stieß sie ihren Dolch ins Auge, weit genug um es zu zerstören, nicht weit genug um ihn direkt zu töten. Auch dieser Kultist begann nun zuschreien während Shion ihn liegen ließ und wieder auf die Ebene hinabblickte. Entgegen ihrer Erwartungen hielten sich die Menschen in ihren Diensten besser als sie sich jemals hätte wünschen können. Tatsächlich war es ihnen gelungen ganze 20 der Söldner niederzumachen die ihnen entgegengetreten waren, und das hatte sie nicht mehr als 60 Leute gekostet, wirklich erstaunlich. Dem Hauptmann des Feindes schien der selbe Gedanke zu kommen, denn er rief etwas und wenig später öffneten sich die Tore des Forts und weitere Krieger strömten heraus um sich am Kampf zu beteiligen. Bei der Aufstellung ihrer Truppen hatte Shion dafür gesorgt dass die Männer und Frauen die sie nicht mit Zaubern belegt hatte in den vordersten Reihen standen, somit warne zu diesem Zeitpunkt nur verzauberte Männer und Frauen übrig die nie im Leben wegrennen würden wenn Shion es ihnen nicht befahl. Noch mehr Blutvergießen auf der Ebene, und es war nur der Anfang. Das Gift in den Shion ihren Dolch getränkt hatte schien bei dem Kultisten dessen Auge sie zerstört hatte anzufangen zu wirken. Er schrie noch lauter und versuchte sich verzweifelt in der Wunde zu kratzen womit er die Schmerzen nur verschlimmerte. Schließlich gelang es dem Mann sich aufzurappeln und seinen Dolch zu ziehen. Mit vom Wahnsinn verzerrten Gesicht stieß er die Waffe immer und immer wieder in seinen Bauch, bis er schließlich tot zu Boden fiel. Währenddessen war von dem gefolterten Kultisten nicht mehr viel übrig und er war mehr tot als lebendig. Shion gab Voss ein Zeichen ihn umzubringen und mit dem nächsten zu beginnen. Als der erste Schrei einer Frau hinter ihr ertönte und auf der Ebene die letzten ihrer Diener niedergemacht wurden war es so weit. Zum ersten Mal an diesem Tage entfesselte Shion einen ihrer mächtigsten Zauber, weit stärker als er normalerweise wäre dank des ganzen Leids und den Schmerzen welche in ihrer unmittelbaren Nähe verursacht wurden.

      Talwynn lachte während er sein Schwert schwang und die Reihen des Feindes lichtete. Das war schon zu einfach, was hatte diese armen Trottel wohl dazu gebracht zum Fort zu reisen? Vielleicht die Dämonen seines Meisters? Waren diese Männer und Frauen auf der Flucht und dachten dies sei nur ein verlassenes Fort? Nein, dazu hatte das ganze viel zu sehr wie ein geplanter Angriff ausgesehen. Was auch immer der Grund war, es spielte keine Rolle mehr. Der Großteil der Feinde war tot und Talwynn hatte eine beträchtliche Anzahl von ihnen persönlich erschlagen, seinem Schwert konnte niemand gegenübertreten und leben. Er packte den Arm eines Mannes der mit einem Dolch nach ihm hieb und brach ihn mit einer ruckartigen Bewegung. Der Mann schrie auf, verstummte jedoch als Talwynn ihm sein Schwert in den Hals stieß. Er zog seine Waffe aus der Wunde und enthauptete gleich zwei weitere Gegner mit einem Schwung, eine Frau ging mit einer Mistgabel auf ihn los. Er wich einfach aus und trennte der Frau beide Hände ab, dann stieß er seine Waffe durch ihren Rücken direkt in das Herz. Er war der ultimative Krieger, der beste und stärkste Kämpfer den Almodozasra jemals gesehen hatte! Niemand konnte ihn aufhalten, er war unsterblich! Und er... irgendetwas stimmte nicht. Sein Körper bewegte sich nicht wie von ihm geplant. An Statt auf die jämmerlichen Überreste des Feindes loszugehen drehte er sich um und marschierte auf seine eigenen Reihen zu. Warum tat er das? Er versuchte seinen Körper aufzuhalten, er versuchte sich umzudrehen und wurde mit stechenden Schmerzen im gesamten Körper dafür belohnt. Er versuchte erneut sich umzudrehen, mit dem selben Ergebnis. Seine Krieger sahen ihn fragend an als er mit panischem Gesichtsausdruck auf sie zuging. Er hob seinen Schwertarm. Als er versuchte ihn wieder zu senken fühlte es sich an als würde er innerlich verbrennen. Schließlich gab er auf, er folgte den Befehlen die ihm sein Körper gab. Sein Schwert sauste nieder und spaltete den Schädel eines seiner eigenen Männer. Verwirrung setzt bei ihnen ein. Grausames Geheul ertönt aus dem Fort, und hinter ihm. Er will sich umdrehen, sehen was dort los ist. Doch er kann es nicht, was auch immer seinen Körper kontrolliert will nicht dass er sich umdreht. Er sieht nur die Augen seiner Männer, voller Panik während sie an ihm vorbei starren. Dann sieht Talwynn es auf der Mauer von Fort Herdweiler. Es ist eine abscheuliche Kreatur mit mindestens fünf Armen, verrenkten Gliedern und einer rosa Färbung. Sie hatte einen seiner Männer gepackt und zerriss ihn in der Luft bevor sie die beiden Hälften in den improvisierten Graben warf. Noch mehr dieser Kreaturen stürmten an ihm vorbei, von dort wo noch wenige Augenblicke zuvor die Männer und Frauen waren welche diesen wahnsinnigen Angriff geführt hatten. Fürst Levon hatte ihn gewarnt dass Feinde versuchen könnten das Fort zu übernehmen. Er hatte aber nicht gesagt dass diese Feinde keine Menschen waren, sondern Monster welche direkt aus einem Alptraum der übelsten Sorte zu kommen schienen. Wieder streckte Talwynn einen seiner Männer nieder. Er wollte sich selbst in sein Schwert stürzen, doch die Schmerzen waren zu intensiv, er konnte es einfach nicht. Also sah er dabei zu wie er seine Männer abschlachtete, einen nach dem anderen. Das letzte was die Söldner von Hauptmann Talwynn jemals sahen war entweder das furchterregende Gesicht der rosafarbenen Monster welche urplötzlich aus dem nichts auftauchten oder das weinende, von Schmerz und Trauer erfüllte Gesicht ihres Hauptmannes während er sich einen Weg durch die Reihen seiner Männer metzelte.

      Zusammen mit Voss und dem letzten lebenden Mitglied seines Kultes schritt Shion auf die Ebene hinab wo sich die Leichen ihrer Diener und der Söldner türmten. Inmitten der erschlagenen Menschen standen vier Chaosbruten, Abscheulichkeiten welche sie mit Hilfe des Warp aus einigen ihrer Diener und einigen Söldnern geformt hatte. Und dann war da noch Talwynn, der Hauptmann über dessen Körper sie mit Hilfe von einem Schmerz und Illusionszauber die Kontrolle erlangt hatte. Der Mann war vollkommen gebrochen, er war gezwungen seine eigenen Männer, seine Freunde zu töten und mit anzusehen wie sie von den Bruten massakriert wurden. Von ihm gab es nichts mehr zu holen. Ein Zeichen genügte und die Bruten zerfetzten den Hauptmann der Söldner an Ort und Stelle. Von den ursprünglichen 28 Bruten hatten sich nur 13 gehalten. Zwei waren erstaunlicher Weise von den Söldnern erschlagen wurden, der Rest hatte die Transformation nicht so gut überstanden und wurde in den Warp gesogen oder ist kurz nach der Umwandlung explodiert. So etwas kann schon einmal vorkommen, selbst den besten Hexern unterlaufen hin und wieder Fehler. Je näher sie dem Fort kam desto mehr konnte sie von dessen Energie spüren. Sie stellte fest dass das Portal eher schwach war, dank dem großen Maße an Schmerz, Leid und Entsetzen welches auf der Ebene entfesselt wurde könnte man allerdings einige Dämonen beschwören, immerhin besser als nichts.. Außerdem wurde hiermit ein größerer Schlag gegen Tzeentch geführt als dieser es wohl erwartet hätte.Falls er bisher nichts von der Anwesenheit seiner Brüder und ihrer Diener auf dieser Welt wusste, dann tat er es jetzt. Allerdings war dies auch Teil des Plans. Solange er sich auf Slaanesh und seine Diener konzentrierte würden die Machenschaften von Tephus und Nurgle unentdeckt bleiben. Shion und die Dämonen des Slaanesh waren die Ablenkung welche viele Truppen des Tzeentch und seiner Marionetten auf sich ziehen würde. Tephus und seine Verbündeten würden der unerwartete Dolch aus der Dunkelheit sein, der direkt in das Herz des Herren des Wandels zielte. Sie blickte zu Voss hinüber. Eigentlich hatte sie geplant ihn noch auf dieser Ebene zu opfern um vielleicht die ein oder andere Dämonette mehr herauszulocken. Allerdings würde es nicht schaden wenn der Kult weiterhin einen treuen Anführer hatte. Andererseits, es gab so viel potenziellen Ersatz und ein einfacher Zauber würde reichen um den gesamten Kult an sie zu binden. Sie drehte sich zum Anführer des Kultes und ging auf ihn zu. Als sie direkt vor ihm stand strich sie über seine rechte Wange und blickte ihm in die Augen. Sie beugte sich vor und flüsterte dem verwirrten Kultisten ins Ohr.
      „Du hast gute Arbeit geleistet, Voss. Dein Kult hat sich als äußerst nützlich erwiesen. Komm mit mir, ich werde nun das Ritual beginnen um unsere Verbündeten aus dem Warp zu holen, danach wirst du eine ganz besondere Belohnung erhalten.“ Sie wandte sich von ihm ab und machte sich auf den Weg in das Fort, der betörte Kultist trottete ihr mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund hinterher. Währenddessen machten sich die Chaosbruten daran die Leichen vom Hügel und den Ebenen zu holen und in der Mitte des Forts aufzuschichten. Der Prozess dauerte ganze vier Stunden, hätten Menschen die Arbeit erledigt hätte es wohl noch länger gedauert aber die Bruten waren unermüdlich und äußerst effizient wenn ein starker Wille sie leitete. Als der Sonnenuntergang begann waren die Leichen von knapp 350 Menschen in der Mitte des Forts in einem Kreis mit nur einer Öffnung platziert. Die ganze Zeit über starrte Voss Shion an und wechselte ungeduldig von einem Fuß zum anderen, er konnte seine Belohnung kaum erwarten.Als die Vorbereitungen abgeschlossen waren rief Shion ihn zu sich und bat ihn sich neben sie zu stellen. Dann begann sie ihren Gesang. Wie noch vor wenigen Tagen in Linistien waren diese Worte mehr Namen und uralte Beschwörungsformeln als ein richtiges Lied, jedoch waren diese Namen und Formeln viel schwächer, jünger, als die uralten Formeln und der Name welche nötig waren um die Lady aus dem Warp zu holen.



      Nachdem der Gesang schon mehrere Minuten andauerte zeigte sich langsam aber sicher eine Art Portal in der Mitte des Kreises von Leichen, ganz ähnlich dem Portal welches in Linistien existierte. Schließlich brach Shion ihren Gesang ab und ging auf ihren Diener zu. Sie stand direkt vor ihm und packte ihn an den Schultern.
      „Nun, bist du bereit für deine Belohnung?“ flüsterte sie in verheißungsvollem Tonfall. Der Anführer der Kultisten bekam einen glasigen Blick und nickte nur. Shion lächelte und bedeutete ihm sich auf den Boden zu legen, ohne nachzudenken kam er ihrem Wunsch nach. Sie kniete sich neben ihn und sah wie sich freudige Erwartung in seinem Gesicht zeigte. Sie lächelte wieder... dann nahm sie ihren Dolch und stieß ihn in das Knie des Kultisten, sofort verschwand der glasige Ausdruck auf dem Gesicht des Mannes und er schrie auf vor Schmerzen. Ein weiterer Stich ging durch die andere Kniescheibe des Kultisten. Ein letztes mal stach Shion zu und bohrte ihren Ritualdolch in den Bauch von Voss. Mit einem Gesicht in dem sich Schmerz und Verständnislosigkeit spiegelte sah er zu Shion empor die langsam zurückwich. Ein wenig Blut lief aus seinem Mund als er versuchte eine Frage zu stellen
      „W-warum? Ich... ich...hatte...“
      „Du hast mir wirklich gut gedient, Voss. Und dies ist deine Belohnung. Sei froh! Dein Opfer hat dafür gesorgt dass sich die Kraft dieses Portals vergrößerte! Dank dir kann ein ganzer Jagdtrupp übertreten. Ist das nicht großartig?“ Voss wollte antworten, aber sein Blick fiel auf das Portal. Und was er dort sah ließ ihn verstummen. Natürlich hatten ihn auch die Chaosbruten erschreckt aber diese waren Bestien unter der Kontrolle seiner Herrin, sie waren ungefährlich für ihn solange er sie nicht enttäuschte. Scheinbar konnte man davon nicht mehr ausgehen und daher bereitet ihm der Anblick dessen was nun aus dem Portal kroch die größtmöglichen Schrecken die ein Mensch wohl empfinden kann. Es war ein ganzes Dutzend Dämonen, weibliche Dämonen wie sie aussahen, mit Hörnern und langen Krallen mit einer Haut in einem pinken Farbton. Doch sie waren nicht alleine, sie alle ritten auf Kreaturen die sich nicht beschreiben ließen. Am ehesten ließen sie sich mit fleischfarbenen, entstellten und mutierten Seepferdchen vergleichen. Diese Kreaturen hatten eine lange Schnauze, oder einen Rüssel, und schlängelten sich auf schlangenartigen Körpern über den Boden. Ihnen folgte eine weitere Kreatur, ein Monster welches Aussah wie eine Mischung aus eben jenen mutierten Seepferdchen, Menschen, Reptilien und Skorpionen. Hinter dieser Kreatur schloss sich das Portal, doch Voss hatte andere Dinge gesehen, Dinge die weit schrecklicher waren als all das was bisher durch das Portal gelaufen war. Das Monster mit dem riesigen Skorpionenschwanz stand direkt über ihm. Als es seine Scheren ausstreckte um ihn in zwei zu teilen und in das rüsselartige Maul zu werfen schrie Voss nicht einmal, der Tod erschien ihm wie eine Erlösung, verglichen mit dem was seiner Welt noch bevorstand.

      Shion war zufrieden. Die Opfer und das Portal hatten mehr getaugt als sie erwartet hätte. Sie sah zu während sich die Bruten und Dämonen an den Überresten der Menschen labten und lächelte. Alles lief bisher nach Plan, weit besser als nach Plan. Shion schloss die Augen und versuchte mit ihrem Geist mit ihrer Herrin in Kontakt zu treten. Es war ein komplizierter Prozess und äußerst schwierig zu meistern, allerdings war Shion zuversichtlich dass sie es schaffen würde. Sie konzentrierte sich und löste ihren Geist von ihrem Körper, dann flog sie über die Welt, auf der Suche nach ihrer Herrin.


      Eine äußerst grausige Geschichte, nicht wahr? Da es offiziell nie eine Garnison in Herdweiler gab dauerte es eine ganze Weile bis jemand herausfand was dort geschehen war, oder besser gesagt bis jemand die ganzen Leichen fand. Erst als der Scharlachrote Kreuzzug Herdweiler von den Streitkräften... Moment. Ich eile der Geschichte zu weit voraus. Andererseits, was bleibt mir anderes übrig? Haruhi, ich und die anderen sind noch immer auf Reise, ungefähr auf halbem Wege nach Nurc, ohne dass etwas nennenswertes passiert wäre. Die verrückte Mörderin schlich noch immer um unser Lager ohne jemanden umzubringen, ebenso wie der verrückte Vanidare der sich manchmal Roger und manchmal Preußen nennt. Und der Kreuzzug? Nun, der Kreuzzug steckte mitten in der Vorbereitungsphase für seinen... nun ja, Kreuzzug halt. Schmiede stellten Rüstungen und Waffen für alle her die es brauchten, die Ritter und Söldner trainierten die Bauern und Rekruten von Lord Fordring und die Priesterin war verschwunden, was einigen ernsthaft Sorgen bereitete. Wie gesagt, viel zu erzählen gibt es momentan nicht. Wenn ihr wollt könnt ihr gerne von Mampfis kleinem Abenteuer lesen, denn er hatte im Gegensatz zu uns anderen ein spannendes Abenteuer erlebt, zumindest spannend für einen kleinen, republikanischen Bergbären. Nein? Gut, vielleicht ein anderes mal.

      Es könnte noch interessant sein zu erwähnen dass es zu diesem Zeitpunkt zu größeren Krisen innerhalb des Königreiches kam. Die meisten der Fürsten und Herzöge planten Intrigen gegeneinander, provozierten wo sie konnten und rüsteten zum Krieg. Es schien als sein das gesamte Reich in Wahnsinn verfallen. Jeder schien darauf aus dem anderen an den Kragen zu gehen. Den Grund dafür sollten wir allerdings erst weit später erfahren. Da mir sonst nichts mehr einfällt werde ich euch einfach eine abendliche Unterhaltung am Lagerfeuer unserer Reisegruppe zeigen, viel Spaß dabei.

      2105. Jahr der Sonne, Republik Juliues

      Sie hatten die Grenze zur Republik der Händler vor einigen Tagen passiert, jetzt war es nicht mehr allzu lange bis sie Nurc, die Stadt der Mörder erreichen würden. Haruhi saß wie üblich bei den Mördern die sie als Leibwächter angeheuert hatte und Lady Asahina redete mit ihrer Freundin, Lady Tsuruya. Somit blieb Kyon nur die Möglichkeit sich mit Yuki und Koizumi auseinanderzusetzen, welch freudige Entscheidung! Sie verbrachten den Abend damit eine Runde Königsmord zu spielen und, in Kyons Fall, missmutig dreinzuschauen. Yuki saß still neben ihnen und streichelte Mampfis Kopf, dieser saß auf ihrem Schoß und knabberte an einer Möhre. Ausnahmsweise war er nicht bei Haruhi, scheinbar mochte er ihre Bande von Halsabschneidern überhaupt nicht und hielt sich soweit von ihnen weg wie möglich. Haruhi war den ganzen Abend schon ziemlich ruhig gewesen, als wenn...
      „Hey! Kyooooooooon!“ Wenn man vom Teufel spricht...
      „Was gibt es?“ Haruhi kam zu ihnen hinüber und hob Mampfi von Yukis Schoß, woraufhin der Bär vor Überraschung seine Möhre fallen ließ, und setzte ihn auf ihren nachdem sie sich neben Kyon niedergelassen hatte.
      „Was weißt du über den Krieg der Attentätergilde?“
      „Ich weiß dass was mir Lady Asahinas Onkel erzählt hat, und der ist mit dem Oberhaupt von Haus Linda zusammen. Das Oberhaupt dass du übrigens verärgert hast als wir in...“
      „Super! Kannst du mir davon erzählen? Die Typen dahinten meinen sie wissen nichts da sie zu dem Zeitpunkt des Krieges entweder nicht mehr oder noch nicht in der Gilde waren. Ich finde die ganze Sache super interessant, konnte aber leider nirgendwo Näheres dazu finden. Das muss doch ein ziemlicher Aufruhr gewesen sein, oder? Hatte es große Auswirkungen auf die Republiken? Kyon? Hörst du mir überhaupt zu?“ Kyon schreckte aus seinen Gedanken auf. Während Haruhi sprach war er damit beschäftigt gewesen Mampfi zu beobachten der seine kurzen Ärmchen streckte und sich soweit wie möglich aus Haruhis Umklammerung beugte um seine Mahlzeit wieder aufzuheben. Schließlich beugte er sich ein wenig zu weit vor und fiel aus Haruhis Armen. Er rappelte sich wieder auf und watschelte glücklich zu seiner Möhre. Bevor er sie jedoch erreichte packte Haruhi ihn am Kragen und nahm ihn wieder in ihre Arme, woraufhin der Bär ein schmollendes Gesicht zog, falls diese Bären dies überhaupt konnten.
      „Ja, ja. Ich habe dir schon zugehört. So besonders spektakulär war das ganze eigentlich nicht, der Großteil der Bevölkerung bekam gar nichts davon mit. Es waren sogar nur sieben der Adelshäuser die davon erfahren durften.“
      „Ja, ja. Aber was ist denn nun passiert? Mach doch nicht alles so spannend!“ Während Haruhi sprach bemerkte sie die Anstrengungen ihres Haustieres. Irgendwie hatte es der Bär geschafft sich einen Stock zu besorgen und versuchte mit ihm seine Möhre heranzuziehen. Daraus wurde jedoch nichts, denn ein Rabe landete direkt neben Mampfis Abendessen, nahm die angefangene Möhre in den Schnabel und flog davon. Der Bär öffnete sein Maul um ein paar wütende Geräusche auszustoßen, daraus wurde jedoch nichts da Haruhi ihm ihn diesem Moment ein großes Stück Brot ins offene Maul schob, woraufhin Mampfi begann darauf rumzukauen.

      „Ist ja schon gut! Also, Sally von Nurc wollte die Herrschaft über die Gilde haben und hat einige Attentäter um sich geschart die sie unterstützen würden. Sie standen Theron von Nurc gegenüber, der Schlange. Auch Theron hatte einige treue Gefolgsleute. Wenn man von einem Bürgerkrieg redet passt das eigentlich nicht so ganz in diesem Zusammenhang. Es war mehr eine unglaublich große Mordserie welche die Gilde der Attentäter beinahe ausradierte. Jeden Tag starben mindestens fünf Männer oder Frauen der Gilde. Zu Beginn von Sallys Verrat gab es hunderte Attentäter in der Gilde, nachdem sich der Rauch gelegt hatte waren nur noch ein knappes Dutzend übrig. In den letzten Tagen des Konfliktes erkannten sowohl Theron als auch Sally dass es sich nicht lohnte eine nicht existente Gilde zu führen. Daher einigten sie sich darauf dass Sally offiziell die Anführerin der Gilde werden würde, aber zu allen wichtigen Fragen sich Rat von Theron holen würde. Sie hatte es zwar nur notgedrungen angenommen, aber es zeigte sich bald dass sie wahrlich Hilfe brauchen konnte. Die Gilde zu führen war weit anstrengender und schwieriger als sie gedacht hatte, daher war sie schnell froh über die Hilfe die ihr Theron geben konnte. Der Wiederaufbau der Gilde ist noch immer in Gang und nur Theron, Sally und Jeanette Linda wissen wie viele Attentäter es mittlerweile wieder gibt. Mit anderen Worten, wir normalen Menschen wissen kaum etwas über den Konflikt und er hatte keine Auswirkungen auf das Leben in den Republiken.“ Haruhi schwieg eine Weile nachdem er geendet hatte. Das hatte sie doch nicht wirklich interessiert, oder? Dann stand sie ohne Vorwarnung auf und ging zu ihrem Schlafplatz. Auf halbem Weg drehte sie sich noch einmal um und lächelte ihn an
      „Danke dass du mir das erzählt hast! Schlaft gut!“ Kyon saß einfach nur verwirrt da eher er sich besann und seine Partie Königsmord mit Koizumi fortsetzte.


      Haruhi, ich weiß einfach nicht was ich von ihr halten soll. Egal. Damit ist auch diese Kapitel zu ende, viel passiert ist ja nicht, von daher dürften auch keine größeren Fragen durch den Raum schwirren. Von daher stelle ich einfach eine Frage, seht ihr wie langsam alles ein wenig besser zusammenpasst? Ich denke ja, ansonsten werde ich die letzten Kapitel noch einmal wiederholen müssen. Nun gut, ihr dürft gespannt sein. Im nächsten Kapitel werden wir dann näher auf die Reise der seltsamen Priesterin eingehen, und natürlich auch auf das komische Kind namens Rin.

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    • 13. Eine neue Göttin erwacht


      „Mehr als zwei Wochen schlich ich Tag für Tag um Haruhis Reisegruppe herum. Ich wusste dass sie auch in der Nähe war, die Wahnsinnige. Diese republikanische Attentäterin, die ich beim letzten mal so heldenhaft in die Flucht schlagen konnte. Ich habe versucht ihr deinige Fallen zu stellen, aber sie ist wie der Wind, man bekommt sie einfach nicht zu fassen. Ein paar mal ist sie absichtlich in meine Fallen gelaufen um mit mir zu spielen. Langsam glaube ich sie macht sich über mich lustig und hat entschieden zu viel Spaß an meinen Versuchen sie umzubringen.
      Aber genug von mir. Es gibt weitaus beunruhigendere Dinge als diese Verrückte, auch wenn ich damals während ich Haruhi folgte nicht besonders viel von den Geschehnissen im Reich mitbekam. Aber eines war offensichtlich, Krieg lag in der Luft. Die Angriffe der Nordmänner an den Küsten wurden immer brutaler und angeblich begleiteten schreckliche Dämonen inzwischen ihre Überfalltrupps. In Belunda brach der Kontakt zu immer mehr Dörfern und abgelegenen Burgen ab. Die Spannungen zwischen Nordmar und den Republiken nahmen zu und im Süden schlossen sich in letzter Zeit immer mehr Städte dem Rebellen Georgios an. Wenn es so weiter ging würde bald die gesamte südliche Küste gegen unseren geliebten König Konstantin rebellieren. Doch trotz all dieser offensichtlichen Anzeichen, rüstete kaum ein Herzog oder Graf merklich zum Krieg. Die Diener des Gottes Tzeentchs hatten in den letzten sechzehn Jahren fast sämtliche Fürstenhöfe des Reiches unterwandert. Sie erstickten die Ängste der Herzöge im Keim und fingen den Großteil der Nachrichten über Dämonenangriffe und Rebellen ab. Nur in einem Reichsteil konnten sie nie Fuß fassen, und zwar aus Angst. Dort lebte eine Macht die in unserer Welt weitaus größer war als die der Diener des Chaos. Es war meine Heimat, das Herzogtum Vanidarien, oder wie man es noch manchmal nennt, das Gottkönigreich Varos. Doch im Jahr 2105 geriet diese Macht ins Wanken. Die Matriarchin ging an einem unbekannten Gift zugrunde und ihre Tochter reiste irgendwo in der Weltgeschichte herum, damit war der perfekte Zeitpunkt zum zuschlagen gekommen. Ohne die göttlichen Kräfte einer Herrscherin aus der uralten Linie von Varos waren wir schutzlos den Mächten des Chaos ausgeliefert. Aber nicht Tzeentch sollte sich meine Heimat unter den Nagel reißen, sondern einer seiner Brüder. Slaanesh, Gott der Verführung, Lust und der Schmerzen und ohne den Schutz einer Göttin würde Vanidarien untergehen im kommenden Sturm des Chaos. Es war zu dieser Zeit, als der Herzog, Terrin Silberblatt, eine Entscheidung traf deren Auswirkungen niemand vorhersehen konnte. Würde Vanidarien zur letzten Bastion gegen die heraufziehende Nacht werden, oder zum Brückenkopf der dämonischen Horden aus dem Warp?“

      „I'm Awesome!“ von Roger Talien Silberblatt II, alias Gilbert Axtschmied





      2105. J.d.S. Herzogtum Vanidarien, Vanidos

      Langsam legte er die Klinge seines Dolches an Tegaras Kehle und bereitete sich darauf vor zuzudrücken. Das was in dem einfachen, weißen Leinenhemd in diesem Bett lag war nicht mehr seine Herrin, das wusste Terrin. Der Herzog wusste was die Matriarchin in dieser Situation von ihm gewollt hätte, sie hasste es hilflos zu sein. Eine Woche hielt ihr Zustand jetzt schon an. Die Dienerinnen wuschen sie, flößten ihr etwas Wasser ein und führten einen angeblichen Wunderheiler nach dem anderen zu ihr, doch nichts davon brachte irgendetwas. Sie lag nur da und ihr Körper wurde von Tag zu Tag schwächer und ausgezehrter.
      Vorsichtig hob er die Hand mit dem Dolch an und legte ihn auf den Rand des Bettes. Müde lächelnd strich er ihr sanft eine Strähne ihres schwarzen, seidigen Haares aus dem Gesicht. Er konnte es nicht, nicht jetzt, nicht so früh. Sie kannten sich schon seit ihrer Kindheit. Mehr als Dreißig Jahre lang war er hinter ihr hergelaufen und hatte ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Er war an ihrer Seite in zwei Kriege gezogen, die nicht zu gewinnen gewesen waren. Tegara hatte ihn nie geliebt, das wusste er. Nach dem Tod seines Vaters teilte er manchmal das Bett mit ihr, aber er wusste genau, dass sie in ihm nichts anderes sah als einen billigen Ersatz für Roger. Gestört hatte es ihn nie, er war glücklich gewesen bei seiner Herrin zu sein, egal aus welchem Grund. Wer weiß, vielleicht wachte sie ja wieder auf? Sie musste noch irgendwo dort drin sein, sie musste einfach. Aber jedesmal wenn der Herzog in Tegaras gebrochene Augen und leere Miene sah, wusste er dass er sich falsche Hoffnungen machte. Sie schlief nicht einfach nur, sie war tot.
      Er verschob diese Entscheidung trotzdem auf einen anderen Tag, im Moment gab es noch genug andere Dinge mit denen er sich beschäftigen musste. Der königliche Statthalter Vanidariens ging ihm auf die Nerven und Terrin musste all seine Geduld aufbringen um diesen verlogenen Narren nicht einfach zu erschlagen. Es ging um vermehrte Überfälle von „Banditen“ auf den Norden der Kronlande. Der Statthalter gab der Matriarchin die Schuld daran und glaubte dass sie dahinter steckte, womit er natürlich vollkommen richtig lag. Bisher hatte Terrin den Zustand der Matriarchin so gut es ging vor dem Statthalter geheimgehalten, aber natürlich wusste er es schon längst. Terrin wusste nicht genau was er tun sollte, falls der König die Überfälle zum Anlass für einen Krieg nahm. Er war zwar der Herzog, aber dieser Titel hatte in Vanidarien noch nie viel bedeutet. Im Grunde war seine Position rein repräsentativ, damit die restlichen Fürsten nicht mit einer Frau verhandeln mussten, einige von ihnen waren in der Hinsicht schrecklich eigen.
      Also waren einige seiner besten Männer sofort nach Westen aufgebrochen, um nach Haruhi zu suchen. Er wusste nicht genau wo sie sich aufhielt, aber sie besaß das Talent sich immer besonders auffällig zu verhalten. Und was wenn sie Tegaras Tochter fanden? Wer immer für den Zustand seiner Herrin verantwortlich war, er könnte jederzeit zurückkommen. Seine Männer waren schon einmal nicht in der Lage gewesen diesen hinterhältigen Bastard aufzuhalten, sie hatten ihn nicht mal zu Gesicht bekommen. War es nur ein Anschlag auf Tegara gewesen, oder würde der Angreifer wieder auftauchen sobald es eine neue Matriarchin gab um die ganze Blutlinie zu vernichten? Falls der Attentäter vom König geschickt wurde, war Haruhi vielleicht auch schon längst tot. Immerhin befand sie sich umgeben von einem Haufen königlicher Soldaten tief im Feindesland, wenn Konstantins Arm wirklich bis nach Vanidos reichte, dann war Haruhi erst recht in Gefahr. Egal wie man es auch dreht und wendet, Vanidos war nicht sicher. Vielleicht war es einfach am besten wenn Haruhi in Bewegung blieb. Deswegen hatte er seine Männer auch nur angewiesen sie unter allen Umständen zu beschützen, aber gleichzeitig auch von ihrer Heimat fernzuhalten. Sie sollte sich irgendwo in den Republiken verstecken.
      In der Zwischenzeit musste er diesen unsichtbaren Mörder zur Strecke bringen, oder zumindest herausfinden wie er so leicht in die Festung gelangen konnte. Vielleicht konnte man Tegara ja wirklich zurückholen? Alles was er brauchte war der Eindringling. Dann könnte Terrin herausfinden welches seltsame Gift benutzt wurde. Und da kam ihm eine Idee. Alles was er brauchte war ein Köder, er würde dem Angreifer einfach eine weitere Chance geben zuzuschlagen und ihn dann einfangen. Gleich fühlte er sich ein wenig besser, jetzt konnte er sich immerhin einbilden dass es noch eine Rettung für seine Herrin gab und wenn nicht, dann bekam er zumindest seine Rache. Alles was er tun musste, war einen Boten nach Norden zu senden, zu Tegaras Nichte, die letzte vom Blut der Matriarchinnen in Vanidarien.


      2105. J.d.S. Herzogtum Vanidarien, Burg Rubinus

      Langsam ging Sora durch den großen Garten der Burg, früher war er einmal sehr schön gewesen, inzwischen sah er allerdings ein wenig verwildert aus. Die Diener an der Burg schafften es einfach nicht, sich mit genauso viel Liebe und Hingabe darum zu kümmern wie ihre Mutter es immer getan hatte. Sie selbst war etwa sechzehn Jahre alt, ihre langen Haare waren von einem sehr hellen platinblond und sie trug ein einfaches weißes Kleid. Mit dem linken Arm umklammerte sie fest ein einfaches Plüschtier in Form eines schwarzen Hasen. Ihr Bruder, Haru, hatte es ihr vor ein paar Tagen geschenkt, als er von einem Ausritt zu einigen Fischerdörfern an der Küste zurückkehrte. Seitdem trug sie es immer mit sich herum, es beruhigte sie. Langsam und mit kleinen Schritten ging sie zwischen den Apfelbäumen hindurch und hielt dort an. Sie würde sich hier im Schatten erst einmal eine Weile ausruhen müssen, bevor sie durch die gleißende Sonne zurück zur Burg ging. Das Essen war sicher schon fertig. Meistens aß sie alleine in ihrem Zimmer, aber ihr Bruder ließ trotzdem immer für sie mit decken, für den Fall dass sie sich etwas besser fühlte. Heute war so ein Tag an dem sie nicht ganz so viel gegen etwas Gesellschaft einzuwenden hatte. Aber sie würde vermutlich trotzdem zu spät zum Mittag kommen.



      Langsam wünschte sie sich, nicht rausgegangen zu sein, es zehrte nur an ihren Kräften, aber ihr war langweilig. Sie hatte es endlich geschafft alle Bücher auf der Burg durchzulesen, und jetzt gab es für sie rein gar nichts mehr zu tun, außer gelangweilt herumzusitzen.
      In letzter Zeit hatte sie viel über die Geschichte des Herzogtums und der Silberblätter gelesen, über die großen Kriegshelden unter ihren Vorfahren und die Märchen, die über diese so angeblich strahlenden Ritter verbreitet wurden. Die Realität sah dann schon ein wenig anders aus. Die meisten Silberblätter waren heutzutage verarmt und ohne Land, das wusste sie von ihrem Bruder. Er hatte ihr erzählt, dass die Nachfahren der Leute über die sie so gerne las, zum Großteil irgendwo im Dreck in den ärmeren Vierteln von Vanidos hausten. Trotzdem mochte Sora es die ganzen Bücher mit den weit verzweigten Stammbäumen durchzusehen. Seit der Gründung Vanidariens, waren so viele Nebenlinien der Silberblätter entstanden, dass sie immer schon nach einigen Seiten den Überblick verlor. Nur eins wusste Sora, sie und ihr Bruder tauchten dort nirgends auf, niemals, denn eigentlich existierten sie gar nicht.
      Sie waren die Kinder von Aleyandra, die jüngere Schwester der Matriarchin. Normalerweise wurde die Schwester einer Matriarchin nicht verheiratet, sondern blieb ihr Leben lang irgendwo in der Zitadelle von Vanidos, abgeschottet vom Rest der Welt. Aber dieser Fall war anders gewesen, denn Aleyandra rannte davon, sie floh aus Vanidos während Tegara in der königlichen Hauptstadt den Grundstein ihrer Rebellion legte. Mithilfe des Grafen von Neidea, Aratarn Silberblatt, versteckte sie sich einige Monate in den vereinten Republiken. Als die Rebellion Vanidariens blutig niedergeschlagen und Vanidos von des Königs Soldaten geplündert wurde, kehrte sie freiwillig in ihre Heimat zurück. Die Nachricht vom Tod ihres Vaters hatte sie damals schwer erschüttert und sie hoffte auf Tegaras Vergebung. Nach ihrer Rückkehr verschwand sie. Jeder kannte die Gerüchte über Aleyandras Schicksal. Sie wurde angeblich vor mehr als sechzehn Jahren als Verräterin verurteilt und erhielt die in Vanidarien übliche Strafe dafür. Man schaffte Verräter tief in den Wald, brach ihnen die Gliedmaßen, sehr gründlich, damit sie unter keinen Umständen mehr fliehen konnten, und verteilte das Blut von Ochsen oder Schafen um sie herum. Der Blutgeruch lockte dann bereits nach kurzer Zeit ein Wolfsrudel an, und die Wölfe in den vanidarischen Wäldern waren immer hungrig. Verräter verdienten keine angemessene Bestattung nach alter Sitte, also blieben ihre Überreste dort in den Wäldern liegen, sollten die Wolfswelpen mit den Knochen spielen, es interessierte niemanden mehr.
      Aber wie auch immer, Aleyandra wurde damals nicht umgebracht, sondern verheiratet und zwar an den Fürsten von Rubinus, eine ländliche Gegend nordwestlich von Vanidos. Neben der einfachen, gemütlichen Burg, gehörten nur ein paar geradezu winzige Dörfer dazu. Man könnte behaupten, Tegara hätte einmal in ihrem Leben eine einigermaßen freundliche Entscheidung getroffen...ja klar, als würde das irgendjemand jemals glauben. Die Herrscherrinnen von Vanidarien waren selbstsüchtige Hexen, aber manchmal, nur manchmal bewiesen sie tatsächlich so etwas wie Weitblick. Die Angriffe der Nordmänner auf den Norden des Landes nahmen zu, es folgte eine Rebellion gegen den König nach der anderen und auch mit Nika im Süden gab es Krieg entlang der Küste. Sie wollte damals nicht riskieren die Linie auszulöschen. Nach Tegaras Ansicht war es immer gut noch Ersatz herumliegen zu haben, für den unwahrscheinlichen Fall dass ihr selbst und Haruhi etwas zustieß. Aleyandra hatte den Großteil ihres Lebens in der Zitadelle von Vanidos verbracht, nur die wenigsten Einwohner des Herzogtums wussten wie sie aussah. Hier auf dem Land hatte sie nie jemand erkannt und nur wenige auf der Burg hatten gewusst wer die junge, hübsche Frau ihres Herren wirklich gewesen war.
      Es wurde Zeit, wenn sie jetzt nicht losging würde sie das Essen noch ganz verpassen. Müde stolperte Sora ein paar Schritte vorwärts, doch weit kam sie nicht. Sie stützte sich mit der Hand an einem Baum ab und begann heftig zu Husten. Ihre Hand krallte sich fester in den Stoffhasen und es dauerte eine Weile bis sie sich wieder beruhigt hatte. Verglichen mit dem was sie im Winter erwartete, war dieser kleine Hustenanfall rein gar nichts. Sie war ständig krank, das ging schon seit ihrer Geburt so. Sie hatte Glück dass sie als Adlige geboren wurde, ohne die Heiler auf der Burg wäre sie bereits vor vielen Jahren gestorben. Vorsichtig ging sie weiter und stöhnt geplagt auf als sie aus dem Schatten der Bäume in die Mittagssonne trat. Diese verdammte Hitze. Sie hasste den Sommer. Ständig war ihr schlecht, sie schwitzte schon nach wenigen Metern und ihre empfindliche Haut fing an furchtbar zu brennen. Die Hitze war allerdings diesmal nicht so schlimm wie erwartet, sie beeilte sich trotzdem zurück in die kühle Burg zu kommen.
      Es wurde langsam wieder kälter, der Sommer ging zum Glück seinem Ende entgegen. Den Herbst überstand sie meistens noch halbwegs gut, sie musste nur dem ständigen Regen aus dem Weg gehen. Meistens verbrachte sie den Großteil dieser Monate alleine in ihren Gemächern mit lesen und hing ihren Gedanken nach. Der Winter dagegen bereitete ihr viel mehr Unannehmlichkeiten. Dann wenn der Wind die Kälte vom vereisten Festland zu ihnen herübertrug und der Frost seine Zähne in den Norden der Insel schlug, dann kämpfte sie um nichts weniger als um ihr Leben und das Jahr für Jahr. Eigentlich war ihr nicht danach zumute, aber sie musste trotzdem kurz Lächeln. Haru dagegen strotzte nur so vor Kraft und Tatendrang, er wuchs sogar in einem, für sie, geradezu beängstigenden Tempo. Inzwischen überragte Haru sie um mehr als einen Kopf, sie dagegen war keine 1,60. Ihr Körper brauchte seine ganze Kraft um sie am Leben zu halten, jede noch so kleine Krankheit konnte für sie bereits tödlich enden. Anscheinend steckte all ihre Energie in ihrem Zwillingsbruder.
      Und damit kam sie zum einzig guten Teil der eisigen Jahreszeit. Wenn sie während der Wintermonate besonders schwer erkrankte, riss ihr Bruder sich endlich von seinen Pflichten als neuer Burgherr los. Im Winter war sowieso nur recht wenig zu tun. Er rannte nicht mehr irgendwelchen aufgeblasenen, unsympathischen Mädchen hinterher oder ritt mit den Knappen der Burg den ganzen Tag aus. Er reiste nicht mehr nach Vanidos oder Myst und auch die ständigen Vorbereitungen auf den Krieg waren nicht mehr wichtig, sondern traten in den Hintergrund. Wenn sie anfing Blut zu husten und sich vor Schwäche und Fieber kaum noch rühren konnte, dann ließ er alles stehen und liegen und kümmerte sich nur noch um sie.
      Er saß den ganzen Tag neben ihr, las aus ihren Büchern vor, erzählte Geschichten von alten Sagen und Legenden, aber am wichtigsten, er war ganz einfach nur für sie da. Oft berichtete er auch von seinen Erlebnissen außerhalb der Burg. Von seinen Besuchen an der Grenze, der aufblühenden Hafenstadt Morganit, die auf den Ruinen von Neu-Vanidos gebaut wurde, von den Leuten die er dort kennenlernte und auch von Vanidos selbst. Diese Geschichten mochte sie am wenigsten. Sie hielten ihr nur vor Augen was für sie unerreichbar war. Außerdem ruinierte es ihre ganze Laune, wenn sie daran erinnert wurde dass er auch noch ein Leben außerhalb der Burg besaß, eines an dem sie nicht teilnehmen konnte. Vermutlich hätte sie den Weg in eine der anderen Städte in einer Kutsche sogar geschafft, aber sie durfte die Ländereien von Rubinus nicht ohne ausdrückliche Erlaubnis der herrschenden Matriarchin verlassen. Meistens schlief er dann irgendwann sogar neben ihrem Bett ein und während sie ihn dabei beobachtete wie er so friedlich vor sich hinträumte, waren die Schmerzen zumindest für kurze Zeit vergessen. Früher hatten sie sich nicht sehr oft gesehen, er war ständig unterwegs gewesen und wurde als Knappe zum Ritter ausgebildet. Sie dagegen verbrachte ihre ganze Kindheit auf Rubinus und nur selten trafen sie einander. Doch seit dem Tod ihrer Eltern änderte sich das plötzlich, er blieb fast die ganze Zeit auf der Burg und den umliegenden Ländereien ihrer Familie.
      Sie schleppte sich eine kleine Treppe hoch und machte sich auf den Weg zur großen Halle, immer dem Duft nach Essen folgend. Haru war nicht hier gewesen, als die Nordmänner vor zwei Jahren an der nahen Küste landeten. Ein halbes dutzend Drachenboote, randvoll mit Barbaren und Berserkern, die kein anderes Ziel kannten als die nahen Dörfer und kleineren Burgen zu plündern. Normalerweise hätten sie sich nie bis nach Rubinus gewagt, aber die Beute hier war zu verlockend gewesen. Während der Rebellionen Vanidariens, hatten die Ritter der Matriarchin in den Kronlanden sehr große Mengen an Gold und anderen Schätzen erbeutet. Aber nur wenig davon hatte man nach Vanidos gebracht, dort wäre es für den König nach seinem Sieg zu einfach zu finden gewesen. Die Königlichen plünderten damals nur Vanidos und den Süden des Herzogtums, Vanidariens Reichtum lag daher inzwischen auf dem Land, in solchen Burgen wie Rubinus oder Achat, und die Nordmänner hatten es irgendwie herausgefunden.
      Schon unter dem ersten Ansturm fielen die Mauern. Die meisten Männer im kampffähigen Alter lieferten sich auf Befehl der Matriarchin Scharmützel an den Grenzen um Kampferfahrung zu sammeln. Ihr Vater musste irgendwo dort gefallen sein, sie hatte es nicht gesehen. Die Nordmänner waren nicht zahlreich genug gewesen um die Burg komplett einzuschließen. Von daher sollten ein paar Männer die Frauen und Kinder durch eines der Seitentore in Sicherheit bringen. Aber die Nordmänner rückten zu schnell vor und ließen einige Salven aus Pfeilen und Wurfspeeren in den Flüchtlingen niedergehen. Einer der Speere traf ihre Mutter im Rücken und durchbohrte sie. Sora selbst blieb wie durch ein Wunder unverletzt. Zum Glück stürzten die Angreifer sich lieber auf die Schätze im Inneren der Burg, als die Überlebenden zu verfolgen.
      Sie musste oft daran zurückdenken, wie sie bis auf ihren Bruder an diesem Tag alles verloren hatte. Doch etwas anderes beschäftigte sie im Moment mehr. Vor zwei Wochen saß sie mitten in der Nacht am offenen Fenster und genoss die kühle Nachtluft. Leider war sie nur in der Theorie kühl gewesen, denn selbst Nachts war es noch stickig und so warm dass sie nicht einschlafen konnte. Niemand glaubte ihre Geschichte, nicht einmal Haru. Aber das war irgendwie von Anfang an klar gewesen. Wer würde so etwas schon glauben? Jeder normale Mensch würde ihr sagen dass sie nur geträumt hatte. In dieser Nacht flog plötzlich eine Frau an ihrem Fenster vorbei, ja genau sie flog. Gewaltige, schwarze Schwingen hatten diese Frau durch die Luft getragen. Fast ihr ganzer Körper war unter dunkler, lederartiger Kleidung verborgen gewesen, nur auf ihrer linken Seite waren Arm und Bein nackt. Es sah fast so aus als hätte jemand die Kleidung zerrissen oder etwas abgetrennt. Diese seltsame Frau hatte sie nicht beachtet und schon nach wenigen Sekunden war sie am Horizont verschwunden gewesen. Trotzdem konnte Sora nach diesem Anblick nicht mehr schlafen, sie lag die ganze Nacht wach und redete sich ein nur geträumt zu haben.
      Endlich erreichte sie schwer atmend die Halle und stand unschlüssig am Eingang herum. Etwas mehr als zwei Dutzend Leute saßen an der langen Tafel, viel zu viele für ihren Geschmack. Während sie nicht wirklich weiterwusste, ließ sie ihren Blick unsicher umherschweifen und suchte unter den Anwesenden nach ihrem Bruder und ein Teil ihrer Unsicherheit verschwand als sie ihn entdeckte. Seine Haare waren kurz und von dem gleichen hellen Blond wie ihre. Im Gegensatz zu ihr sah er nicht bleich oder kränklich aus, sondern hatte eine gesunde Bräune durch die viele Zeit die er draußen verbrachte. Er unterhielt sich gerade mit jemandem der ihm gegenüber saß. Es wirkte fast so als spürte er den Blick seiner Schwester auf sich ruhen, denn er sah plötzlich zu ihr herüber und bedeute ihr sich neben ihn zu setzen. Doch für Soras Geschmack waren dort einfach viel zu viele Menschen, also blieb sie weiterhin still stehen. Ihr Bruder sagte irgendetwas und genervt murrend erhoben sich die restlichen Männer von der Tafel, manche nahmen sich ihr Essen mit, während andere bereits fertig waren. Sora ging vom Eingang weg als sie aus der Halle marschierten. Nur ein Mann blieb sitzen und sah sich verwundert um, er war wohl nicht von hier. Sein Wappenrock trug den silbernen Baum von Varos auf schwarz-rotem Grund. Erleichtert atmete sie auf und setzte sich auf eine der leeren Bänke neben ihren Bruder, dort stand bereits etwas zu Essen für sie. Ohne ein Wort zu sagen begann sie lustlos darin herumzustochern. Dieses nervtötende Starren des Fremden verdarb ihr den Appetit.
      „Wir haben Besuch, Sora.“ machte er sie freundlich auf den verwirrten Mann mit den kurzen, braunen Haaren aufmerksam.
      „Ach ja?“ murmelte sie noch immer erschöpft, sah ganz kurz von ihrem Teller auf und musterte den Fremden, dann verlor sie wieder das Interesse und wandte sich ihrem Essen zu „Was auch immer.“
      „Er ist ein Ritter aus der Garde der Matriarchin.“
      „Schön für ihn und was will die Hexe von Vanidos?“ fragte Sora eiskalt, ein Bote Tegaras konnte nichts gutes bedeuten und sie sah keinen Grund ihre Verachtung für die Matriarchin zu verbergen. Einen kurzen, schrecklichen Augenblick dachte sie der Fremde würde ihren Bruder vielleicht in den Krieg rufen, lange würde es nicht mehr dauern bis dieser ewige Kleinkrieg entlang der Grenze zu den Kronlanden eskalierte.
      „Er ist hier um dich mit nach Vanidos zu nehmen.“ sagte Haru stattdessen.
      „Nach Vanidos? Warum?“ fragte Sora und vergaß vor Überraschung kurz dass sie den Ritter und alles was mit ihm zu tun hatte eigentlich ignorieren wollte.
      „Jemand ist vor zwei Wochen in die Festung eingedrungen und hat unbemerkt von all unseren Wachen die Matriarchin angegriffen.“ antwortete der Ritter anstelle ihres Bruders „Wir fanden Tegara am nächsten Morgen, ihr Gesicht war voller Blut aber wir konnten keine Wunden entdecken. Wir gehen davon aus dass sie vergiftet wurde. Seitdem liegt sie nur noch da, fast wie tot. Es ist als wäre ihre Seele gestorben.“
      Ihre Trauer darüber hielt sich gelinde gesagt in Grenzen. Sie kannte ihre Tante nicht und wollte sie auch gar nicht kennen. In den letzten Jahren hatte Sora oft nach Vanidos geschrieben und darum gebeten ihren Bruder auf seinen Reisen durch das Herzogtum begleiten zu dürfen. Sie hatte nie eine Antwort erhalten. Also setzte sie wieder ihre abweisende Miene auf und stellte die einzige Frage die sie wirklich interessierte „Und was hat das mit mir zu tun?“
      „Ihr beide, seid als letzte aus der alten Blutlinie noch übrig sind. Wir können uns gegenüber dem König keine Schwäche leisten, eure Schwester wird die neue Matriarchin werden und uns wenn nötig in die Schlacht führen.“ damit neigte er den Kopf respektvoll vor Sora, die nur wie erstarrt dasaß.
      „Was ist mit Tegaras Tochter?“ fragte Haru nach, Sora dagegen war einfach nur zu verblüfft um ein Wort zu sagen. Sie sollte über Vanidarien herrschen? Sie? Das konnte nicht wahr sein.
      „Nach dem was wir wissen, ist sie vermutlich bereits tot und wenn nicht wird der König sie sicher nicht lebend bis nach Vanidarien zurückkommen lassen.“ Er erwähnte lieber nicht, dass der Herzog in Wahrheit bereits Männer ausgesandt hatte um Haruhi zu suchen und ihren Tod vorzutäuschen. Nur so wäre sie in Sicherheit vor dem der Tegara vergiftet hatte. Eine Weile sagte niemand ein Wort. Keiner von ihnen hätten jemals damit gerechnet das so etwas passieren könnte. Noch bevor Haru etwas sagen konnte, ergriff Sora energisch das Wort. „Nein.“
      „Was?“ fragten Ritter und Haru fast gleichzeitig.
      „Nein, ich will nicht. Findet jemand anders, ich habe kein Interesse daran Rubinus zu verlassen.“
      „Und warum willst du nicht? Du sagst doch oft genug, wie sehr dir die Burg auf die Nerven geht und dass du...“ Versuchte ihr Bruder sie umzustimmen und wurde dafür mit einem abfälligen „Pfff“ belohnt, außerdem verschränkte sie trotzig die Arme vor der Brust „Was soll das Sora? Du wolltest doch schon immer mal von hier weg. Keine Sorge, ich lasse bereits eine Kutsche vorbereiten und der Weg nach Süden ist nicht weit. Sobald du ankommst erwarten dich gute Heiler, sie sind sogar besser als unsere.“
      „Ich...ich will ganz einfach nicht.“ beharrte sie, auf einmal klang sie erstaunlich kleinlaut, was so gar nicht so ihrem ansonsten spitzen Mundwerk passte. Haru konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen als er sie durchschaute. Trotz ihrer oft so kalten Art, wusste er dass sie im Moment einfach nur Angst hatte. Sie war noch nie weiter als ein paar Meilen von Rubinus entfernt gewesen. Sofort ließ er von ihr ab und wandte sich wieder dem Ritter zu, um plötzlich das Thema zu wechseln.
      „Sind die letzten Waffenlieferungen angekommen?“ fragte er den Boten, der dem Gespräch zwischen den Zwillingen gelauscht hatte.
      „Was?“ der Ritter war verwirrt, ging es nicht gerade um etwas ganz anderes?
      „Die Lieferungen für die versteckten Lager in Vanidos. Ich möchte wissen ob der Herzog mit der Qualität zufrieden war.“
      „Ah, ja genau...die Waffenlieferungen.“ die Schmiede in Rubinus war eine ihrer Besten, aber trotzdem wusste der Ritter nicht das Geringste von irgendwelchen Lieferungen in letzter Zeit. Als der junge Burgherr ihm verschwörerisch und übertrieben unauffällig zuzwinkerte, seufzte er resigniert und spielte einfach mit „Ja, die Qualität der Waren war ähm, also sie war...“
      „Schlecht?“ half Haru etwas nach.
      „Ja genau, sie war schlecht. Nichts weiter als ein Haufen Schrott, wie soll man mit so etwas in den Krieg ziehen? Seid ihr in Rubinus nicht einmal in der Lage einfache Schwerter...“ der Ritter verstummte als er Harus Blick sah, anscheinend ging er dann doch etwas zu weit mit seiner erfundenen Beschwerde über erfundene Waffen. Was auch immer der junge Fürst damit bezwecken wollte.
      „Wenn sie wirklich so schrecklich sind, sollte ich mir das vielleicht selber ansehen.“ erwiderte Haru nachdenklich.
      „Du kommst mit? Aber die Burg...“ So verwirrt der Ritter auch war, die Verwirrung von Sora war im Moment noch um ein vielfaches größer.
      „Wird auch eine Zeitlang ohne mich überleben. Das hier ist wichtiger als die paar Kleinigkeiten die es noch auf der Burg zu tun gibt. Schließlich kann ich keine Beschwerden über unsere Waffen ignorieren, die Ritter in der Hauptstadt haben vermutlich nur keine Ahnung von einem guten Schwert.“ Freudestrahlend sah er wie sich die Anspannung seiner Schwester in Luft auflöste. Sie tat zwar oft so, als könnte sie ihn nicht ausstehen, aber letztendlich würde sie die Burg niemals ohne ihn verlassen.
      „Na schön, dann gehe ich eben nach Vanidos.“ murmelte Sora und egal wie sehr sie versuchte es zu unterdrücken, es schwang trotzdem ein Hauch von Vorfreude in ihrer Stimme mit. Endlich würde sie mit ihm zusammen reisen.


      2105. J.d.S. Herzogtum Belunda, irgendwo im Südwesten

      In diesem Moment war Christine froh dass der Schmied noch nicht mit ihrer neuen Rüstung fertig war. In der einfachen Robe bewegte sie sich deutlich leiser durch das dichte Unterholz. Trotzdem kam es ihr so vor als würde sie viel zu viel Lärm machen. Nicht zum erstenmal fiel ihr auch auf wie verdammt unpraktisch diese weißen Roben ihres Ordens waren, man kroch ein paar Minuten durch den Wald oder geriet in ein kurzes Scharmützel und schon war die ganze Kleidung ruiniert. Fast zwei Wochen war sie durch die Einöde von Belunda geritten, am Waldrand hatte sie ihr Pferd zurückgelassen, hier wäre es nur im Weg. Rin hatte sie nach dem ersten mal jede Nacht in ihren Träumen besucht und sie in die richtige Richtung geführt, sie konnte nicht mehr weit von der realen Lichtung entfernt sein. Die Gespräche mit der kleinen Zauberin auf der schneebedeckten Lichtung waren in den letzten Wochen fast schon zu einer festen Routine geworden. Noch immer machte Christine nicht den Fehler diesem Mädchen vollkommen zu trauen, wer wusste schon was sie in Wirklichkeit war? Bei jedem Schritt durch den Wald schrie jede Faser in ihrem Körper sie an umzukehren, es musste einfach eine Falle sein. Es gab nicht einmal mehr einen Grund diese Lichtung aufzusuchen, letzte Nacht hatte Rin ihr gezeigt was Tzeentch in dieser Welt suchte. Sie sah ein Mädchen in seltsamer Kleidung, sie trug gelbe Bänder in den braunen Haaren und führte voller Tatendrang eine Gruppe von verschwommenen Gestalten über eine staubige Straße. Niemanden sonst von den vielen Leuten konnte sie erkennen, ihre Gesichter waren leer und die Gestalten zeichneten sich nur schwach ab. Sie waren auch unwichtig. Es ging nur um das Mädchen.
      Dann verschwand das Bild aus ihrem Kopf und sie nahm wieder alles normal wahr. Danach hatte Rin es ihr erstaunlicherweise freigestellt wieder nach Stratholme zu gehen, aber sie musste wissen was in Wahrheit auf dieser Lichtung stattfand und warum Rin sie dort haben wollte.
      Irgendwann hatte Rin es der Priesterin sogar erlaubt in ihre Erinnerungen vorzudringen. Christine wusste nicht ob das was sie gesehen hatte echt gewesen war, aber es hatte sich zumindest so angefühlt. Rins Familie wurde vor fünf Jahren von Banditen umgebracht, nur sie wurde von den Dämonen Tzeentchs gerettet. Es gab in dieser Welt nicht viele magiebegabte Menschen, und Tzeentch brauchte Magier um seine Rituale zu vollziehen. Sie brachten das Mädchen zu einem der Risse und Tzeentch lehrte sie einige Grundlagen der Magie. Nach einer Weile war es dann so weit, ihr erstes Ritual für den Gott der Veränderung und des Wandels. Kultisten drückten ihr ein Messer in die Hand und führten sie vor eine lange Reihe von Gefangenen. Schon beim ersten von ihnen war sie gescheitert. Sie verdankte Tzeentch ihr Leben, aber sie konnte nicht für ihn töten. Das Messer war ihren unkontrolliert zitternden Händen entglitten und sie wäre in diesem Moment am liebsten davongelaufen, doch das ließ ihr Gott nicht zu. Er übernahm selbst die Kontrolle über ihren Körper, nahm den Opferdolch wieder auf und ließ sie mit ansehen wie mehr und mehr Menschen durch diese Klinge in ihrer Hand starben. Irgendwann war sie mithilfe ihrer magischen Kräfte im Geiste geflüchtet und so auf die Priesterin gestoßen.
      Christine vertrieb die Gedanken an die Gespräche mit Rin endgültig, falls alles wahr war, würde sie das Mädchen befreien, sie konnte eine Magierin als Unterstützung gut gebrauchen, außerdem fand Christine sie erstaunlich nett. Sie blieb hinter einem Baum stehen und lugte vorsichtig hinter dem Baumstamm hervor. Die Lichtung war größer als in ihren Träumen und es war nirgendwo Schnee zu sehen, aber der gravierendste Unterschied war eher die Anwesenheit von mehr als Hundert niederen Dämonen. Im Zentrum ragte eine Art steinernes Podest auf, am Rand lagen bereits einige tote Menschen, die zu Ehren Tzeentchs geopfert wurden. Außer den Toten gab es dort nur Rin, das junge Mädchen stand auf dem Podest, plötzlich bewegte sie ruckartig den Kopf und sah in die Richtung in der Christine aus dem Gebüsch heraus zusah. Ein kurzes Lächeln umspielte Rins Lippen als sie ihre Anwesenheit eher spürte als sah und da verstand die Priesterin endlich warum sie hier war. Rin hätte ihr das Mädchen hinter dem das Chaos her war auch schon in Stratholme zeigen können, es war niemals nötig gewesen sie hierher zu führen. Rin wollte einfach nur, dass bei ihrem Tod noch jemand anderes anwesend war als die Dämonen.
      Christine wollte vorstürmen und sich mit einem Kriegsschrei auf den Lippen durch die Reihen der niederen Dämonen prügeln. Sie war bereits dabei ein Gebet zu flüstern um die klobige Kriegskeule in einen Hammer aus goldener Göttlichkeit zu verwandeln, doch dann erstarrte sie. Die Worte blieben ihr im Hals stecken und sie konnte nichts anderes mehr tun als Rin anzustarren. Neben dem Mädchen entstand ein Wirbel aus Staub und Asche der selbst die Bäume noch überragte. Das was sich dort über die Grenze der Realität schob war kein einfacher Dämon, es war etwas dass ihr genug Angst einjagte um jeden Gedanken an Kampf auf der Stelle restlos auszulöschen. Selbst mit einem ganzen Regiment Kriegspriester und der imperialen Armee im Rücken, würde sie es sich zweimal überlegen gegen so einen Gegner zu kämpfen.
      Rins braune Augen färbten sich von einem Moment auf den anderen komplett hellblau, selbst das Weiße wurde von der strahlenden Farbe Tzeentchs ausgelöscht. Jegliche Emotionen verschwanden von ihrem Gesicht. Es gab dort keine Angst mehr und auch keine Trauer mehr, kein fröhliches Lachen welches Christine in den letzten Tagen so oft in ihren Träumen gehört hatte. Noch immer vollkommen emotionslos hob Rin dem Arm und rammte sich den Dolch ohne zu zögern in den Hals. Kein Laut kam über ihre Lippen, nicht mal das leiseste Stöhnen, nur Blut floss in einem schmalen Rinnsal aus ihren Mundwinkeln. Sie zog das Messer aus ihrem Hals und stach mit unverminderter Wucht noch einmal zu. Statt endlich tot zusammenzubrechen machte sie einfach weiter und zog die Klinge erneut heraus. Tzeentch selbst hielt sie trotz der schrecklichen Wunden am Leben bis das Ritual beendet war. Nach jeder neuen Verletzung nahm der Dämon weiter Gestalt an. Aus dem Wirbel aus Asche und Staub formte sich nach und nach ein gewaltiges, vogelähnliches Wesen. Ein Herr des Wandels, eines der mächtigsten Wesen die der Warp je hervorgebracht hatte. Seine magische Kraft reichte um eine normale Priesterin wie Christine einfach zu zermalmen.



      Neun mal stach sie insgesamt zu, die heilige Zahl Tzeentchs. Erst dann gab die Macht des Gottes sie frei und ließ sie sterben. Sie fiel um und blieb reglos auf dem Stein liegen. Der große Dämon umschloss Rin mit seinen schlanken fingerartigen Klauen und hob sie hoch. Gierig betrachtete er den blutüberströmten Körper, in dem noch immer die Magie des Mädchens ruhte. Christine drehte das Gesicht weg als ihr klar wurde was der Dämon vorhatte. Trotzdem hörte sie noch immer das Geräusch von reißendem Fleisch und das Krachen der Knochen, als das schnabelförmige Maul des Dämons Rins Überreste verschlang. Noch immer gepackt vom Entsetzen dass seit dem Auftauchen des Dämons in ihr pulsierte wankte sie davon, aus dem Wald heraus und dann zurück nach Stratholme. Sie musste einen Weg finden den Herr des Wandels zu besiegen, selbst Dämonen konnten sterben, irgendwie.

      Spoiler anzeigen
      Mir war ausnahmsweise mal langweilig genug mein Kapitel selber zu posten, normalerweise binich zu faul dazu^^

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    • Kapitel 14: Tzeentch erhebt sich


      Ja, ja. So sah es zu diesem Zeitpunkt also in unserem geliebten Reich aus. Haruhi war mit uns auf Wanderschaft, Vanidarien bekam eine neue Göttin zum anbeten und... ach ja, stimmt. Unsere Welt war so ziemlich erledigt weil ein Haufen übertrieben mächtiger Dämonen und Götter etwas hübsches in Almodozasra gefunden hatten und es unbedingt haben wollten. Ein dreifaches Hoch dafür! Wisst ihr, es gibt Zeiten wo ich mich frage wie ich das damals überlebt habe. Verrückte Killer die hinter mir her sind, Dämonen die unsere Lande überschwemmen und Intrigen in sämtlichen Höfen des Reiches. Ach ja, und ich war mit jemandem unterwegs der gefährliche Sachen auf keinen Fall umgehen wollte, sondern regelrecht danach suchte. Natürlich meine ich Haruhi, ich meine, sie will nach Nurc! Jedem kleinen Kind wird in den Republiken eingebläut sich von der Stadt fernzuhalten, aber Haruhi marschierte natürlich direkt darauf zu. Natürlich sieht alles recht unspektakulär aus, ein kleines Wegschild an der Straße zeigte in Richtung Nurc und gut war es. Für einen Republikaner, und die meisten Reisenden, war dieses Schild jedoch abschreckender als eine Reihe mit gepfählten Menschen es gewesen wäre. Genaugenommen war es eigentlich Tradition dass diverse Fürstentümer die eher nervigen und unwichtigen Mitglieder ihres Hofstabs auf eine diplomatische Mission nach Nurc sandten, falls der Diplomat zurückkam hatte er bewiesen dass er zumindest etwas konnte, kam er nicht zurück war man ihn los und er war irgendwo in den Bergen verschollen, wahrscheinlich einen Abhang heruntergerutscht und dabei verstorben. Tragische Geschichte, falsche Tränen, beruhigende Worte für die Familie und die Sache war erledigt, so lief die Sache meistens ab. Aber gut, ich war nicht der einzige der es schwer hatte, es gab durchaus noch andere Menschen mit Problemen. Bestes Beispiel waren die Mitglieder des Scharlachroten Kreuzzuges. Mittlerweile waren zwei Wochen vergangen seit die Priesterin Christine auf einer Lichtung Zeuge der Beschwörung eines der mächtigsten Dämonen wurde die jemals existierten. Zwei Wochen in denen die restlichen Mitglieder des Kreuzzuges Vorbereitungen trafen, Hilfe im Rest des Herzogtums suchten und ihr Möglichstes taten um die Männer von Lord Fordring auf einen Kampf mit Dämonen vorzubereiten. Im Laufe der letzten Jahre hatte Tzeentch, besser gesagt seine Diener, viele Diener in Almodozasra gesammelt und viele Dämonen beschworen. Nun da ihr Anführer da war, der Herrscher des Wandels welcher den Namen Kawaii trug, fühlten sie sich stark genug um offener vorzugehen.

      2105. Jahr der Sonne, Herzogtum Belunda, die Einöde

      Abbendis ritt an der Spitze einer kleinen Gruppe von Männern welche aus Stratholme entsandt worden waren. Sie sollten die Hauptstraße, falls man diese überhaupt Straße nennen konnte, nach Süden entlang reiten und sich mit den Truppen eines Lord Eldrik treffen. Dieser hatte sich nach einem Treffen mit Lord Fordring dazu bereit erklärt den Kreuzzug gegen die Dämonen zu unterstützen und wollte sich persönlich mit 300 seiner Soldaten auf den Weg machen um Stratholme zu verstärken. Abbendis war recht zufrieden mit den Fortschritten die der Kreuzzug machte, innerhalb von zwei Wochen waren beinahe alle kampffähigen Männer und Frauen die gegen die Dämonen ins Feld ziehen wollten vernünftig bewaffnet worden, beinahe alle. Einige liefen noch immer mit alten Äxten, Sensen oder Mistgabeln herum. Außerdem wurde die Burg selber erweitert, Gräben wurden ausgehoben und Erdwälle errichtet, man wollte mehr Platz für alle Neuankömmlinge schaffen und zudem die Burg besser auf Angriffe vorbereiten. Denn die mysteriösen Plünderer welche Christine als 'Chaosbarbaren' bezeichnet hatte kamen immer näher an die Burg heran und plünderten jetzt selbst Gehöfte welche nahe an den Mauern lagen. Abbendis hoffte dass der Priesterin nichts passiert war, sie war bereits eine Weile fort und hatte nichts von sich hören lassen. Allerdings war sie weit besser für einen Kampf gegen die Dämonen gerüstet als irgendein anderer Mensch in Almodozasra, das sorgte zumindest für ein wenig Beruhigung bei Abbendis. Zusammen mit ihr ritten Sir Varimathras, einer der Ritter von Lord Fordring, zwei Priester der Bruderschaft des Lichts welche in ihre roten Roben gehüllt waren und Streitkolben an ihrer Seite trugen, und knapp 25 berittene Männer, vier davon waren Ritter welche Lord Fordring dienten, der Rest bestand aus Söldnern denen man Pferde besorgt hatte. Abbendis blickte nach links und nickte zu einem Hügel der sich am Wegesrand erhob.
      „Hinter diesem Hügel müsste das Lager sein wo wir Lord Eldrik treffen sollten. Ich hoffe seine Männer sind bereit zum Abmarsch, ich will hier nicht so viel Zeit verschwenden.“ Varimathras rief einen Befehl und die Reiter wandten sich nach rechts um den Hügel zu erklimmen, Abbendis fiel zurück und reihte sich neben den Priestern ein. Sir Allistair, einer der Ritter von Lord Fordring, war als erster auf dem Hügel. Er war auch der erste der starb, eine Axt bohrte sich durch seinen Brustpanzer und warf ihn von seinem Pferd. Keine drei Sekunden später war Abbendis auf dem Hügel und sah den Mann welcher die Axt geworfen hatte. Der Übeltäter war knapp zwei Meter groß, trug lederne Hosen und Stiefel und hatte ein Kettenhemd ohne Ärmel angelegt, äußerst seltsam, Abbendis wusste von niemandem der solche Rüstungen benutzte. Der Mann trug keinen Helm, hatte eine Glatze und eine leuchtend blaue Tätowierung auf der Stirn die eine Art Komet darstellte. Er brüllte laut, zog eine weitere Axt und verstummte als ihn ein Bolzen im Kopf traf, einer der Söldner hatte schnell reagiert und dem Barbaren mit seiner Armbrust ein Ende gesetzt. Nun fiel Abbendis' Blick den Hügel hinab in ein kleines Tal wo einst das Lager von Lord Eldrik war. Das gelbliche Gras dort unten war getränkt vom Blut und es wimmelte von brennenden Zelten. Überall lagen Leichen von Soldaten in den Farben Belundas, aber auch einige Barbaren und, wie Abbendis unschwer erkennen konnte, auch einige Dämonen. In der Mitte des Lagers waren vielleicht 100 Mann, die Überreste von Lord Eldriks Truppen, und kämpften gegen einen Feind der ihnen zahlenmäßig fast zwei zu eins überlegen war. Abbendis traf schnell eine Entscheidung, sie riss ihr Schwert in die Höhe und gab den Befehl zum Angriff. Die verbliebenen Kreuzfahrer ritten hinter ihr den Hügel hinab, direkt auf die Reihen des Feindes zu. Abbendis' Plan war simpel, durch die Linien des Feindes brechen und zu den Überlebenden gelangen, danach würde man zusammen mit diesen die restlichen Feinde niedermachen. Idealerweise war der Feind schon tot bevor die Kreuzfahrer ihre Verbündeten erreichten. In diesem Moment wünschte sich Abbendis das sie bereits ihre neue Rüstung angelegt und nicht darauf bestanden hätte damit zu warten bis Christine zurückkehrte. Ihre alte Rüstung war zwar gut, aber auch schon recht angeschlagen durch die vergangenen Begegnungen mit Dämonen und Banditen.


      Der erste Feind der sich Abbendis entgegenstellte war ein großer und kräftiger Mann mit einem rostigen Schwert in der Hand. Bei weitem nicht kräftig genug um ein Schlachtross Belundas in voller Rüstung aufzuhalten, er wurde einfach in den Boden getrampelt. Den Barbaren welcher hinter ihm stand enthauptete Abbendis während sie an ihm vorbei ritt. Ein dritter Feind starb mit gespaltetem Schädel, einem vierten wurde der Hals aufgeschlitzt. Dem fünften Feind hackte sie den Arm ab, dieser ignorierte das jedoch und packte mit der linken Hand ihren Schwertarm. Zwar wurde er von Sir Varimathras getötet, brachte Abbendis damit jedoch aus der Balance was dazu führte dass sie den nächsten Feind nicht sah. Dieser knallte ihr ein Schwert gegen die Brustplatte. Zwar konnte die Klinge ihn nicht durchdringen, die Wucht warf Abbendis jedoch aus dem Sattel. Sie rollte sich zur Seite hin ab und kam mühsam auf die Beine. Der Großteil ihrer Männer ritt weiter, lediglich Sir Varimathras und einer der Priester kamen zu ihr geeilt. Der Priester bot ihr sein Hand an und es gelang ihm tatsächlich sie hinter sich in den Sattel zu ziehen. Leider hatten sie zu lange gebraucht. Eine Wurfaxt traf Varimathras' Pferd am Kopf woraufhin das Tier zu Boden fiel, zusammen mit dem Ritter. Das Pferd des Priesters wurde von einem Feuerschwall erfasst. Abbendis und der Priester blieben nur deshalb verschont weil sie sich im letzten Moment vom Pferd fallen ließen. Erneut rappelte sich Abbendis auf und sah sich um. Neben ihr standen Varimathras und der Priester, der Rest ihrer Soldaten war voraus geritten und weit davon entfernt ihnen helfen zu können. Abbendis hatte außerdem einige Schwierigkeiten zu atmen, der Schlag mit dem Schwert schien ihre Rüstung eingedrückt zu haben und diese presste nun ziemlich hart gegen ihren Brustkorb. Außerdem waren die drei von einem halben Dutzend Feinden umzingelt. Fünf Barbaren und ein Dämon. Dieser war anders als die Kreaturen welche Christine 'Horrors' nannte und gegen die Abbendis schon oft gekämpft hatte. Diese Kreatur hatte eine Art Schnabel und keine Beine, die Kreatur schien einfach zu schweben. Aus ihrem Körper wuchsen außerdem zwei Arme welche ebenfalls Schnäbel an Stelle von Händen hatten, und in diesen loderte das tödliche Feuer welches sie und den Priester vom Pferd geholt hatte. Die Barbaren sprangen vorwärts und gingen auf die kleine Gruppe los, der Dämon wartete. Varimathras begegnete den ersten beiden Barbaren mit erhobenem Schwert und Schild. Er blockierte den Schlag des ersten Feindes und stach sein Schwert in den nackten Brustkorb des zweiten. Dann drängte er den anderen Feind zurück und... schrie auf als in ein weiterer Barbar mit seinem Speer den Oberschenkel durchbohrte. Abbendis entledigte sich ihres Gegners während der Priester seinen mit drei Hieben seines Streitkolbens tötete, die Bruderschaft mag eine religiöse Organisation sein, doch ihre Mitglieder konnten kämpfen. Abbendis hatte mit einigen von ihnen gesprochen und einige Dinge herausgefunden. Die Männer meinten es sei ihre heilige Mission gegen die Dämonen zu kämpfen, dass sie immer wussten dass diese Kreaturen eines Tages aufkreuzen würden. Außerdem beteten sie eine Gestalt an die sie A'dal nannten. Dies war ein uraltes Wort, es stammte noch von den ursprünglichen Bewohnern dieser Insel, lange bevor die Vanidaren oder gar Christen hier herrschten. Die simple Übersetzung dieses Wortes war einfach 'Licht'. Und sie hatten ein Geheimnis, ein Geheimnis welches sie nicht einmal der Priesterin Christine verraten hatten. Die Bruderschaft betete zum Licht, und das Licht erhörte ihre Gebete.

      Bruder Antios wandte seinen Blick von dem verletzten Ritter ab der sich mühsam zweier Gegner erwehrte, Abbendis würde dem Mann schon helfen, er selber hatte eine weit wichtigere Aufgabe. Er blickte direkt zu dem Dämonen welcher vor ihm stand und aus einem seiner Hände einen Feuerstrahl auf den Priester schoss. Dieser warf sich zur Seite, rollte sich ab und entging somit dem zweiten Flammenstoß. Schnell erhob sich der Priester und ging auf den Dämon zu während er ein Gebet sprach, ein Gebet so alt wie Almodozasra selbst, übersetzt aus der uralten Sprache der Völker die es einst benutzten.
      „A'dal, Vater der Menschheit, erhöre mich! Ich bin eines deiner Kinder, ich befinde mich in tiefster Dunkelheit und benötige deine Hilfe! A'dal, Vater der Menschheit, erhöre mich! Vor mir liegen die Ausgeburten der Finsternis, die welche dein Licht verschlingen wollen! Hilf mir, A'dal, hilf mir und reinige diese Welt von diesen Ausgeburten des Finsternis! Reinige sie, vernichte sie! Vernichte sie damit deine Kinder wieder ruhig schlafen können!“ Antios merkte wie seine Worte Wirkung erzielten, der eben noch so aggressive und siegessichere Dämon schwebte plötzlich unsicher zurück, weg vom Priester. Dieser merkte wie ihm Blut aus Nase, Augen und Ohren lief. A'dal mochte zwar der Vater der Menschheit sein, aber er konnte auch nicht jedem beliebigen seiner Kinder zuhören, es brauchte Auserwählte um seine Macht zu erwecken. Und von diesen gab es nur zwei Dutzend in ganz Almodozasra, namentlich bekannt als die Bruderschaft des Lichts. Und selbst wenn der Allvater ein Gebet erhörte konnte er noch immer nicht seine Kraft entfalten, die Finsternis in dieser Welt war groß, weit vorangeschritten. Es brauchte Kraft um die göttlichen Kräfte des Allvaters zu manifestieren. Und was Antios von ihm verlangte kostete viel Energie. Der Priester merkte wie ihm nun auch Blut aus dem Mund lief und er sank auf die Knie. Seine Gedanken schweiften ab, zu dieser Priesterin Christine. Sie behauptete selber eine Art Gebet nutzen zu können. Ihrer Beschreibung nach funktionierte dies jedoch ohne Nebenwirkung für den betenden. Antios zweifelte an ihrer Geschichte, viele seiner Brüder auch. Aber was wenn es stimmte? Was wenn diese Frau nicht nur eine Priesterin war? Was wenn sie gar eine Auserwählte von A'dal war? Wenn dies wirklich der Fall war könnte doch noch die Möglichkeit bestehen diese Welt zu retten. Antios blickte zum Himmel empor. Ein Dutzend goldene Strahlen fuhren aus dem Himmel auf die Erde herab, Antios folgte einem von ihnen mit dem Blick. Er bohrte sich durch den Schnabel des Dämonen vor ihm und tötete ihn auf der Stelle. Antios lächelte. Er lächelte auch dann noch als sein toter Körper vornüber in das blutige Gras fiel. Es hatte ihn das Leben gekostet, aber mit seinem Gebet hatte Antios über ein Dutzend Dämonen erschlagen.


      Abbendis enthauptete den Barbaren mit dem Speer während Varimathras den letzten regelrecht in Stücke hackte. Plötzlich fuhren gleißende Lichtstrahlen vom Himmel herab. Abbendis sah sich um und staunte. Vor ihren Augen fiel einer der Priester auf den Boden, mit einem Lächeln auf den Lippen. Gleichzeitig bemerkte sie dass der Dämon welcher eigentlich hier sein sollte tot war, durchbohrt von einer Lanze aus Licht welche sich langsam auflöste. Von der Mitte des Lagers her ertönten Jubelrufe. Abbendis stütze den verwundeten Ritter und gemeinsam begaben sie sich zu den Überlebenden. Sie fanden noch ein wenig mehr als vier Dutzend Männer vor, dazu kamen noch ein Dutzend der Reiter die Abbendis gefolgt waren, außer Varimathras war keiner der Ritter mehr am Leben. Die restlichen Dämonen waren durch die Lichtlanzen getötet worden, die Barbaren wurden allesamt erschlagen. Der zweite Priester der Bruderschaft war ebenfalls tot, erschlagen von einem Barbaren. Abbendis wandte sich an einen der Soldaten.
      „Wo ist Lord Eldrik? Und wie konnte dass hier passieren?“ Der Soldat sah ziemlich erschöpft und durcheinander aus, nichts desto Trotz antwortete er
      „Lord Eldrik ist tot, gefallen im Kampf gegen diese Bestien hier. Wir hatten unser Lager aufgeschlagen und mehrere Stunden auf euch gewartet als auf den Hügeln ringsum diese Krieger und... Monster auftauchten. Sie hatten die Wachposten niedergemacht und uns überrascht. Viele Zelte brannten bevor wir etwas unternehmen konnten, dann stürmten sie auf uns zu. Es war ein brutaler Kampf, viele von uns sind gefallen, wie ihr ja sehen könnt. Wenn ihr nicht gewesen wärt hätten wir das nicht überlebt.“ Abbendis nickte, fühlte jedoch wie sich in ihr Wut breitmachte. Sie war gekommen um 300 neue Krieger für den Kreuzzug zu holen. Stattdessen würde sie nicht einmal mit einem Sechstel von ihnen zurückkehren. So konnte das nicht weitergehen. Sie brauchten ein Mittel gegen diese Dämonen, ein Mittel welches den Nutzer nicht sofort umbrachte, dachte sie und blickte in die Ferne wo sie wusste dass die Leiche von Bruder Antios lag. Sie brauchten die Magie oder Gebete des Sigmar, sie brauchten Christine. Abbendis hoffte dass die Priesterin bald zurückkehren würde, ansonsten würde die Sache für den Kreuzzug ziemlich düster enden.


      Woran Sir Abbendis damals natürlich nicht gedacht hatte war was dieser massive Überfall auf die Truppen des Lords eigentlich bedeutete. Zum ersten mal zeigten sich die Dämonen offen und in großer Zahl, sie gingen nicht mehr so heimlich vor wie bisher. Der Gott des Wandels erhob sich und machte sich daran das Land zu erobern, und die Kreuzfahrer waren nicht wirklich bereit sich ihm entgegenzustellen. Noch blieb ihnen Zeit, aber nicht mehr viel. Der Gott des Wandels sammelte die Dämonen aus allen Winkeln Belundas und der Republiken nahe Lordaeron um von dort aus das Herzogtum zu überrennen. Aber damit war unser Problem ja noch nicht am Ende, nein! Es mussten sich ja noch hunderte andere Götter auf unsere schöne, ruhige Welt konzentrieren und ihre Diener senden. Einer dieser Diener hatte zu diesem Zeitpunkt einen eher schlechten Tag, aber seht selbst.

      2105, Jahr der Sonne, Herzogtum Belunda, Fort Herdweiler

      Shion träumte, und was sie träumte gefiel ihr überhaupt nicht. Sie sah den Tod, ihren eigenen Tod. Zwar hatte sie bereits zuvor vage Visionen gehabt, aber dieses mal war alles viel deutlicher. Und das gefiel ihr nicht. In ihrem Traum stand sie auf einem Hügel, unter ihr tobte eine gewaltige Schlacht und an ihrer Seite standen zwei Ritter mit Wappen die ihr seltsam bekannt vorkamen... waren dies nicht die Wappen der Nathrezim, ihrer persönlichen Leibgarde? Warum waren es nur zwei von ihnen? Wo immer sie hinging hatte sie mindestens ein halbes Dutzend dieser Männer und Frauen bei sich. Sie hatte die letzten Wochen genutzt um ganze zehn von ihnen nach Almodozasra zu holen, wieso waren also nur zwei dort? Die Nathrezim waren Dunkelfen aus Naggaroth, rekrutiert aus dem Kult des Slaanesh welcher dort noch immer existierte. Sie waren unglaublich gute Krieger, präzise Armbrustschützen und noch bessere Schwertkämpfer, schneller als irgendein Mensch je sein konnte und zäher als man ihrem Aussehen nach vermuten könnte. Und loyal, zumindest solange ihre Herrin sie zufrieden stellen konnte mit neuen Akten der Brutalität und neuen Einfällen wie man anderen Schmerz zufügen konnte. Shion war gut darin, bei ihr konnten selbst die ältesten Krieger ihrer Leibgarde noch neues lernen. Abgesehen davon wäre niemand so dumm sich gegen sie zu wenden, sie alle wussten das Shion eine viel zu mächtige Magierin war, es war das Risiko einfach nicht wert sie zu verraten. Aber zurück zum Traum. Shion war beunruhigt, zum einen weil in ihrem Traum nur zwei ihrer Wachen anwesend waren, zum anderen weil es auf dem Schlachtfeld unter ihr nur Menschen gab, keine Dämonen. Außerdem war da noch etwas anderes, ein Banner auf dem gegenüberliegendem Hügel kam ihr ebenfalls bekannt vor, es erinnerte an das Wappen der Silberblätter von Vanidarien, aber das war unmöglich. Ihr Tod erwartete sie in einer anderen Welt, nicht in der in welcher sie momentan war. Die Traum-Shion fuhr herum als jemand den Hügel erklomm. Sie schluckte, es war eine Frau. Eine Frau in schwarzer Rüstung, schwarzem Umhang und kurzen, schwarzen Haaren. Neben der Frau standen Männer in seltsamen Rüstungen, fünf von ihnen. Sie hatten es geschafft sich durch die Kultisten bis zu dem Kommandohügel zu metzeln und standen nun der Hexe gegenüber. Shion gab einen Befehl und die Nathrezim stürmten vor, sie kämpften gegen die Ritter in den seltsamen Rüstungen, konnten die Frau jedoch nicht aufhalten als diese an ihnen vorbei stürmte. Traum-Shion stand wie gelähmt da als die Frau auf sie zu rannte. Sie war unbewaffnet, für einen Zauber blieb keine Zeit, sie probierte es dennoch. Sie streckte die Hand aus und schrie vor Schmerz auf als das Schwert der Frau sie durchbohrte. Die Frau zog das Schwert aus der Wunde und trat einen Schritt zurück während sie sah wie Shion zurückwich, schockiert, gelähmt, verängstigt. Sie öffnete den Mund, brachte jedoch kein Wort heraus, nur einen Schwall aus Blut. Die Frau hatte ihr den Brustkorb durchbohrt. In dem Moment in dem ihre Mörderin das Schwert hob um ihr den Kopf abzuschlagen wachte Shion auf und setzte sich ruckartig in ihrem Bett auf.



      Es war bereits der achte Traum in genau so vielen Tagen gewesen. Jeder Traum spielte sich anders ab, es gab nur drei konstante Dinge in ihren Träumen. Erstens, sie starb. Zweitens, es war eine in schwarz gerüstete Frau mit kurzen, schwarzen Haaren die Shion tötete. Drittens, jedes mal tobte eine Schlacht und Shion war am Rande eben jener. Es trieb Shion langsam aber sicher in den Wahnsinn, jede Nacht sah sie ihren Tod und je mehr sie sah desto sicherer war sie dass es auch eintreffen würde. War dies die Rache des Tzeentch? Schickte er ihr diese Visionen um sie dafür zu bestrafen dass sie ihn verraten hatte? Falls ja war es eine äußerst effektive Art der Bestrafung. Shion stand auf, wusch sich und zog ihre Robe an ehe sie aus ihrem Zimmer ging. Vor der Tür warteten bereits ihre Nathrezim auf sie. Alle trugen schwarze, stachelige Rüstungen und Helme mit schwarzen Federbüschen. Auf dem Rücken hatten sie eine Armbrust und an ihrer Hüfte einen Köcher mit Bolzen, dazu noch ein Schwert. Sie verbeugten sich vor Shion und nahmen dann stumm ihre Plätze an Shions Seite ein. Diese begab sich auf direktem Wege in die unterirdischen Teile von Fort Herdweiler. Shion war äußerst erfreut gewesen als sie entdeckte dass die Vorbesitzer der Festung bereits eine Folterkammer unter der Erde errichtet hatten, das ersparte ihr einige Zeit. Die Jägerinnen des Slaanesh wurden regelmäßig aus der Festung entsandt um die umliegenden Dörfer und Gehöfte zu überfallen und Gefangene nach Herdweiler zu bringen. Hier wurden sie eingesperrt, entweder als Futter für die Dämonen oder um später als 'Schmerzquelle' für Shions Magie zu dienen, daher war sie äußerst dankbar für die Folterkammer, welche außerdem recht gut ausgerüstet war. In den letzten zwei Wochen war es ihr gelungen ihre Nathrezim zu rufen, zusätzlich zu einer weiteren Slaaneshbestie, drei Dutzend Dämonetten und fünf weiteren Jägerinnen. Das Portal war schwach, erfüllte jedoch seinen Zweck. Es war jedoch nicht genug. Shion hatte es gespürt, ein mächtiger Diener des Tzeentch hatte diese Welt betreten, ein Diener von dem sie glaubte dass sie ihn kannte, allerdings war sie sich nicht sicher. Wie dem auch sei, es war dringender als jemals zuvor ein großes, stabiles Portal zu finden, am besten eines mit vielen Menschen in der Nähe die geopfert werden konnten. Wenn sie so etwas finden könnte wäre es gut möglich dass sie einen der mächtigeren Dämonen beschwören könnte. Zwar war ihre Herrin äußerst mächtig, aber sie war auch in der Unterzahl. Wünschen und hoffen half jedoch nicht und daher musste sich Shion mit dem begnügen dass sie hatte, und das war ein schwaches Portal und ein paar Dutzend Menschen aus denen sie Kraft ziehen konnte. Als sie die Folterkammer betrat waren einige Kultisten bereits eifrig dabei einen der Gefangenen auf das Ritual... vorzubereiten. Shion seufzte genervt, es gefiel ihr nicht dass ihre einzige Aufgabe darin bestand Nachschub aus dem Warp zu holen. Aber sie hatte keine Wahl. Shion schloss die Augen und konzentrierte sich, dann begann sie mit ihrem Singsang während hinter ihr der Gefangene anfing zu schreien.

      Hatte ich bereits erwähnt dass unsere Welt Probleme hatte? Und mit Probleme meine ich richtig große Probleme, so groß wie halt nur eine Invasion von streitlustigen und blutgierigen Dämonen sein konnte. In den Republiken bekamen wir davon freilich nichts mit, meine größte Sorge galt zu diesem Zeitpunkt Nurc und die Frage die ich mir stellte war 'Wie komme ich da lebend rein und wieder raus?' Die erste Antwort die mir einfiel lautete 'Gar nicht.' und eine bessere konnte ich nicht wirklich finden, egal wie sehr ich darüber nachdachte. Haruhi nahm das ganze recht locker, wie immer eigentlich. Allerdings hatte sie nach zwei Wochen in denen wir uns langsam durch das Gebirge nahe Nurc quälten äußerst schlechte Laune. Doch nun war es endlich soweit, wir waren vielleicht noch einen Tag von Nurc entfernt, in der Ferne konnte man die Stadt bereits sehen die ruhig an der Küste lag, fast schon zu ruhig. An diesem Abend war die Stimmung am Lagerfeuer gemischt. Selbst Lady Asahina und Lady Tsuruya, ja sogar Koizumi schienen ziemlich nervös zu sein da wir uns der Stadt der Attentätergilde näherten. Gut, bei Koizumi kann man es nie sehen ob er nervös ist oder nicht, aber ich sage einfach mal er war es, er musste es einfach sein! Ansonsten wäre er noch verrückter als ich dachte. Yuki schien das ganze eher nicht zu interessieren, Mampfi war glücklich solange er etwas zu fressen hatte und Haruhi... nun ja, es ist halt Haruhi. Sie legte eine Euphorie an den Tag wie ich sie damals seit Wochen nicht mehr gesehen hatte. Ja, ja. Sie war wirklich ganz versessen darauf uns in unser Verderben zu reiten. Und natürlich kam es am nächsten Morgen auch direkt dazu, gerade ist die Sonne aufgegangen und schon reiten wir mitten in die gefährlichste Stadt der Republiken, vielleicht sogar Almodozasras.

      2105. Jahr der Sonne, Republik Linistien, Nurc

      Nurc war bei weitem nicht so wie Kyon es sich vorgestellt hatte. Er war nie hier gewesen und in den anderen Republiken sprach man nicht viel von der Stadt der Mörder. Kyon hatte immer gedacht bei Nurc handle es sich um eine kleine Ansammlung heruntergekommener Häuser hinter einer kleinen Palisade. Weit gefehlt. Bereits aus weiter Entfernung konnte man die großen Steinmauern der Stadt sehen und überall prangten die Banner der Linda, eine schwarze Kobra auf gelb-rotem Hintergrund. Vor den Toren der Stadt gab es keine Ansammlung von Menschen wie vor Gurilia, die meisten Menschen mieden die Stadt und es gab daher nur wenige Besucher. Trotz allem stand ein halbes Dutzend Männer am Tor und kontrollierte jeden der in die Stadt wollte. Nurc war die Heimat der Attentätergilde und sie mochten keine Konkurrenten, daher wurde jeder doppelt und dreifach überprüft. War er ein gewöhnlicher Bürger gewährte man ihm Einlass, war er ein Auftragsmörder der nicht für die Gilde arbeitete gab man ihm eine Stunde sich bei der Gilde zu melden bevor diese die Jagd auf ihn eröffnen würde. Trotzdem war Nurc eine vergleichsweise ruhige Stadt. Es gab zwar jeden Monat mindestens sieben Tote zu beklagen, dafür hielt sich die Kriminalität in Nurc in Grenzen, besser gesagt sie existierte nicht. Denn wer auch immer Ärger machte musste mit sofortigem, und meistens tödlichem, Besuch von der Gilde rechnen. Niemand sollte behaupten dass die Gilde sich ihre Sonderrechte in den Republiken nicht verdiente. Natürlich gab es auch einige Probleme mit der Gilde, nicht immer hielten sich alle Mitglieder an die Abmachungen. In so einem Fall musste die Stadtgarde einspringen. Die Stadtgarde bestand aus den Elitesoldaten der Häuser Linda, Rist und Thule. Selbst Aratarn Silberblatt, der mit Abstand erfahrenste Kämpfer in den Republiken, musste zugeben dass diese Männer es ohne Probleme mit den Berufssoldaten von Reichsteilen wie Belunda oder Synkrien aufnehmen konnten. Sie alle trugen Wappenröcke in den Farben der Linda, mit einem kleinen Wappen mitten auf der Brust welches ihr Haus symbolisierte. Sie alle waren mit Kettenhemd, Speer, Schild und Schwert ausgerüstet, als Helm diente ihnen ein Barbuta. Außerdem hatte jeder von ihnen mindestens zwei Dolche irgendwo versteckt und kannte wohl mehr schmutzige Tricks als die Männer von Bulldoz, und das sollte etwas heißen. Als Kyons Gruppe an der Reihe war rechnete er schon halb damit von den Wachen einfach niedergemacht zu werden, die Lindas waren nicht gut auf Vanidarien zu sprechen seit ein Fürst des Herzogtums der Gilde vor einigen Jahren mehrere lukrative Angebote weggeschnappt hatte. Aber nein, sie wurden nur gründlich kontrolliert und dann durchgewunken. Alle warfen seltsame Blicke auf Haruhi, oder besser gesagt auf ihr Pferd. Verständlich, wann sah man schon einmal einen Bergbären der friedlich auf dem Kopf eines Pferdes döst? Bessere Frage, wann sieht man jemals einen Bergbären?



      Die Stadt selbst entsprach schon eher Kyons Erwartungen, überall standen kleine, heruntergekommene Häuser und abgerissene Gestalten durchstreiften die Straßen, hielten sich jedoch von der großen, bewaffneten Gruppe fern um nach leichteren Zielen Ausschau zu halten. Meistens waren diese Ziele andere abgerissene Gestalten. Es gab jedoch ein paar Gebäude die sich von dem ganzen abhoben, alle standen in den Vierteln der Adelshäuser. Die Linda hatten sogar einen Burgfried errichten lassen, er stand mitten auf einem Hügel im Westen der Stadt, nahe dem Hafen. Dies war auch der einzige Hafen der Republiken und war eigentlich nur für den Handel gedacht, in den letzten 500 Jahren liefen gerade einmal 20 Kriegsschiffe aus dem Hafen von Nurc aus, sieben davon gehörten den Republiken. Nein, die Republiken waren bei weitem keine Seemacht.
      „Wo sollen wir uns hier eine Unterkunft besorgen? Mir gefällt die ganze Sache überhaupt nicht.“ murrte einer der königlichen Soldaten. Haruhi sah ihn nicht einmal an als sie antwortete
      „Natürlich im Viertel der Linda, wo denn sonst?“
      „Du glaubst auch wirklich dass du das schlauste Mädchen der Welt bist, oder?“ fauchte der Soldat und wurde daraufhin von sämtlichen Vanidaren wütend angefunkelt und angeknurrt, obwohl letzteres eher auf den mittlerweile erwachten Mampfi zurückzuführen ist.
      „Natürlich, ich bin immerhin die Tochter einer Göttin, da muss ich ja wohl alles wissen, oder? Und jetzt sei still, du nervst.“ bevor der Soldat etwas sagen erhob Yuki das Wort
      „Viertel der Linda ist eine gute Idee. Bessere Gasthäuser. Einige gehören der Gilde, für kleinen Aufschlag auf den Übernachtungspreis kriegt man den Schutz der Attentäter.“ woher Yuki das wusste interessierte niemanden, alle interessierten sich lediglich dafür dass man dort vor der Gilde in Sicherheit wäre. Gut, für Haruhi war der Fakt dass das Gasthaus einem Mörder gehörte weit interessanter. Es dauerte eine gute Stunde bis die Gruppe ein vielversprechendes Gasthaus erreichte, es gehörte einem recht bekannten Mörder der Gilde und sah sogar recht ordentlich aus, beinahe so luxuriös wie die Gasthäuser in Benjii und Gurilia.


      Ja, wir hatten unser Gasthaus gefunden. Ich war recht überrascht als ich herausfand dass die Wirtin eine recht nette, junge Frau aus dem Hause Thule war. Sie empfing uns ganz herzlich und ließ sofort genug Zimmer für alle einrichten. Lady Asahina musste zwar ein kleines Vermögen für alle bezahlen, aber immerhin wären wir so vor der Gilde sicher. Was außer Haruhi und Asahina niemand wusste war der Fakt dass nur die Vanidaren, Lady Asahina, Lady Tsuruya, Mampfi und meine Wenigkeit versichert wurden. Für Bulldoz' Männer und die Königlichen wollte Haruhi kein Gold verschwenden. Besser gesagt, sie wollte kein Gold der Mimir verschwenden. Somit saßen wir also in einem Gasthaus welches einem Mörder gehörte, mitten in der Stadt der Mörder und hatten einen schönen Abend. Nun gut, so schön wie ein Abend sein konnte wenn man die ganze Zeit befürchten musste vergiftet zu werden...
    • 15. Eine Göttin in einer Stadt voll Abschaum



      2105. J.d.S. die vier Republiken, Republik Linistien, Nurc

      Sie saßen an einem großen Tisch in irgendeiner Ecke des Schankraums und zu Kyons bedauern redete Haruhi noch immer viel zu laut. Sie konnte wirklich nicht gut unauffällig sein. Er selbst saß ausversehen leider neben ihr und ihnen gegenüber unterhielten sich Koizumi und Asahina. Yuki las irgendwas und rührte das Essen nur ab und zu mal an. Kyon hatte keine Ahnung woher sie dauernd die ganzen Bücher nahm, sie besaß ja nicht einmal Gepäck! Trotzdem schaffte sie es jeden Tag ein anderes Buch in Händen zu halten. Die königlichen Soldaten und der Großteil der republikanischen Wachen, befand sich noch immer irgendwo vor dem Gasthaus. Es gab nicht genug Platz für sie und den Männern war nicht wohl dabei in Nurc ohne Schutz zu schlafen. Haruhi interessierte das recht wenig. Ihrer Meinung nach sollten die Soldaten auf der Straße schlafen, damit die Gilde ihnen aus Langeweile die Kehlen durchschnitt. Für Haruhi waren die Männer des Königs vollkommen unwichtig. Sie würden wohl im Stall des Gasthauses oder wirklich draußen übernachten müssen. Im August eigentlich nicht besonders schlimm, aber Nurc galt nicht umsonst als die gefährlichste Stadt der Republiken. Haruhi wollte sogar schon Wetten darauf abschließen wie viele der Soldaten die erste Nacht überleben würden. Haruhis Bergbär kroch irgendwo unter dem Tisch herum, Kyon konnte noch immer nicht glauben dass sie dieses Ding so lange mit sich rumschleppte. Für das Fell könnte man ein kleines Vermögen bekommen und das Fleisch dieser Tiere galt als Delikatesse.
      „Wir sollten Nurc so schnell wie möglich hinter uns lassen.“ begann Kyon, während er in seinem Essen herumstocherte. Nurc war nicht unbedingt für seine gute Küche bekannt, meistens würzte man hier mit tödlichen Giften. „Bei der Gilde weiß man nie. Sie können manchmal sehr aggressiv auf Besucher reagieren, vor allem auf so eine große Gruppe. Es kann sogar passieren, dass sie als Training einige ihrer Schüler auf uns loslassen. Es ist besser wenn wir morgen oder spätestens übermorgen weiter in die Eisenberge ziehen.“
      „Träum weiter Kyon.“ Haruhi verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust „Wir werden so lange hier bleiben, bis wir die ganze Stadt auf den Kopf gestellt haben und dazu werden wir uns ab morgen aufteilen. Jede Gruppe kann einen Teil der Leibwachen mitnehmen, wenn Kyon weiterhin rumjammert.“
      „Und wonach suchen wir?“ fragte er misstrauisch nach.
      „Weißt du denn nicht in welcher der vier Republiken wir gerade sind!?“
      „Ähm. Linistien, wieso?“
      „Bist du wirklich so dumm? Wofür ist Linistien bekannt?“ noch bevor Kyon etwas erwidern konnte, sprach sie begeistert weiter „Für seine Dämonenkulte natürlich! In dieser Republik soll es schon seit Jahren einen Kult geben der Menschen opfert und grausame Rituale abhält. Sie beten angeblich eine Kreatur namens Tzeentch an und genau dieses Wesen will ich finden. Wo kann man besser Ritualopfer finden als in Nurc? Ein Leben ist hier wenig wert, die Stadt muss ein Paradies für jeden wahnsinnigen Kultisten sein. Wir werden diesen Kult aufspüren, das ist unsere Mission hier in Nurc. Hast du das verstanden Kyon?“
      „Das ist die dümmste Idee die ich je gehört habe.“ murmelte Kyon mürrisch.
      „Es gibt absolut keinen Grund besorgt zu sein.“ der Unterton in Haruhis Stimme sagte leider das genaue Gegenteil aus.
      „Ich bin besorgt.“
      „Ach was, ich habe alles unter Kontrolle. Es kann absolut nichts schief gehen.“ sagte Haruhi in ihrer grenzenlosen Selbstüberschätzung.
      „Jetzt bin ich richtig besorgt. Wie willst du die Gruppen einteilen?“ er ahnte schlimmes, falls er Haruhi auch nur eine Sekunde mit Asahina alleine ließ.
      „Ganz einfach.“ sie streckte den Arm aus und in ihrer Faust waren plötzlich fünf Zahnstocher aufgetaucht „Na los. Guckt nicht so dumm aus der Wäsche! Zieht einfach einen.“
      Seufzend machte Kyon sich gemeinsam mit den drei anderen daran jeweils eines der kleinen Holzstäbchen zu ziehen. Mit dem Ergebnis war Kyon ausnahmsweise einmal voll und ganz zufrieden. Koizumi und Haruhi hatten die längsten Zahnstocher gezogen, während man an Asahinas und seinem unten ein Stück abgebrochen hatte, so dass sie ein bisschen kürzer waren. Yuki zog den kürzesten, schien aber kein großes Problem damit zu haben alleine durch Nurc zu wandern. Sie wirkte ausdruckslos wie eh und je, als sie wieder in ihrem Buch zu blättern begann. Haruhi dagegen betrachtete ihren Zahnstocher mürrisch und ihre gute Laune schien mit einemmal verflogen zu sein „Wir ändern die Gruppen einfach jeden Tag schätze ich. Es wird eh eine Weile dauern bis wir hier fertig sind.“ damit wandte sie sich wieder ihrem Essen zu und aß schweigend weiter. Von ihrem Enthusiasmus war nicht mehr allzu viel zu sehen, aber Kyon traute dieser Stille nicht. Nach einer ganzen Weile, in der es leider wirklich einfach zu ruhig gewesen war, bemerkte Kyon wie Haruhi plötzlich etwas in der Hand hielt. Als er es erkannte, wollte er schon aufspringen, aber Haruhi war schneller. Plötzlich richtete sie locker und lächelnd eine Pistole direkt auf Asahina, die bis eben noch vollkommen friedlich gegessen hatte. Kyon hatte so etwas erst ein oder zweimal gesehen, die Deadlier hatten sie erfunden, kamen aber nicht mehr wirklich weiter mit der Entwicklung ihrer Waffen. Sie waren zu ungenau, ließen sich zu langsam nachladen und die Durchschlagskraft ließ bereits auf mittlere Entfernung sehr zu wünschen übrig. Alles in allem waren diese ganzen Schusswaffen aus Deadlien nicht viel mehr als besonders teure Accessoires, mit denen man aber wenigstens gut angeben konnte.
      „Nicht bewegen Mikuru. Los stell ihr dein Glas auf den Kopf, Yuki! Ich wollte so was schon immer mal ausprobieren!“ rief Haruhi begeistert.
      Mikuru versuchte sich möglichst klein zu machen und ihre Augen wanderten panisch zwischen den restlichen Leuten am Tisch hin und her. Yuki streckte ganz automatisch die Hand nach ihrem Glas aus um Haruhis Befehl zu befolgen und Koizumi schien das alles nicht wirklich zu interessieren, er lächelte nur vor sich hin.
      „W-wo hast du das her!?“ rief Kyon entsetzt.
      „Von Bulldoz. Er meinte ich kann sie für eine Weile haben. Ist das nicht Klasse? Die ist aus Deadlien und war angeblich richtig teuer! Ein Dutzend Adlige musste er töten um genug Geld dafür zu verdienen. Leider sind diese Waffen nicht besonders präzise und ich habe keine Ahnung wie man sie nachlädt. Aber auf die kurze Entfernung wird es schon gut gehen, denke ich und ein Schuss ist mehr als ich brauche, also halt still Mikuru!“ begeistert zielte sie weiterhin auf die arme Asahina und legte schon mal den Finger an den Abzug. Kyon versuchte gar nicht erst auf sie einzureden, Verrückte konnte man nicht umstimmen. Entschlossen packte er ihr Handgelenk, umschloss es so fest er konnte und drückte ihren Arm nach oben. Erschrocken drückte Haruhi tatsächlich ab und unter einem lauten Donnern bohrte die Kugel sich in die Balken der Decke des Gasthauses. Schnell entwand er ihr die rauchende Waffe und pochte mit dem hölzernen Griff der Pistole auf Haruhis Kopf. „Was stimmt bloß nicht mir dir?“
      „Mit mir? Was ist denn dein Problem? Wie kann man nur die ganze Zeit so mies gelaunt sein! Wir sind in Nurc! Nurc!“ schrie sie ihn fast schon an.
      „Ja, danke habe ich auch schon gemerkt. Aber das ist noch lange kein Grund mit diesem Ding herumzufuchteln und was soll diese dämliche Idee mit den Kultisten? Wir können auch ein ganzes Jahr suchen, du wirst hier nichts außergewöhnliches finden. Außer vielleicht deinen Tod, wenn die Gilde von dem Kopfgeld erfährt. Es gibt hier keine geheimen Kulte die Dämonen oder seltsame Götter anbeten. So etwas gibt es nirgends, wann geht das endlich in deinen Kopf rein?“
      Plötzlich schob Haruhi den Stuhl zurück, stand ruckartig auf und drehte sich um „Ich geh ins Bett.“ und mit dieser, für sie erstaunlich wortkargen Erwiderung, verschwand Haruhi die Treppe hinauf in die Unterkünften.
      „Du solltest besser aufpassen was du sagst, Kyon.“ meinte Koizumi, nachdem Haruhi sie allein gelassen hatte.
      „Koizumi hat recht, wenn ihre Laune noch schlechter wird dann...“ Asahina brach ab und wand sich unwohl unter Kyons fragendem Blick, wollte aber offensichtlich nicht mehr sagen.
      „Dann was? Und wie um alles in der Welt kommt es, dass Ihr euch damit auskennt Lady Asahina? Hat Koizumi Euch irgendwelchen Unsinn erzählt?“ Kyon starrte den Silberblatt finster an, wenn er jetzt schon anfing Asahina mit seinen Märchen zu belästigen, müssten sie sich einmal ernsthaft unterhalten.
      „Ich habe damit nichts zu tun.“ wehrte Koizumi lächelnd ab „Asahina ist ganz von alleine zu mir gekommen und hat bereits alles über Haruhis Fähigkeiten und so weiter gewusst.“
      „Woher wusstet ihr das alles Lady Asahina?“ das Misstrauen in Kyons Stimme wa noch stärker geworden, war er hier der einzige der nichts mitbekam?
      „Das...das kann ich nicht sagen.“ flüsterte Asahina, lief rot an und senkte sofort wieder den Kopf um so zu tun als würde sie weiter essen. Kyon seufzte genervt, gab aber vorerst auf. Was solls, dachte er resigniert, nur noch Nurc, die Eisenberge und Juliues, danach könnten sie endlich wieder nach Hause gehen und er müsste nie wieder etwas mit Haruhi zu tun haben.




      Während die Reste der Reisegruppe noch in Ruhe fertig aßen, saß nicht weit entfernt am Tresen Roger. Er hatte ihnen den Rücken zugewandt und unternahm nicht mehr als still dazusitzen und zu lauschen. Ab und zu nippte er an seinem Glas, der Wirt hier verlangte unverschämte Preise. Wenn das so weiter ging würde das Gold, was der Herzog ihm mitgegeben hatte, nicht mehr lange reichen. Als ausversehen ein Schuss losging, war ihm kurz das Herz stehengeblieben und er hätte sich fast umgedreht. Aber Haruhi war zum Glück nichts passiert. Trotzdem, die Kugel hätte auch gerne einen ihrer Begleiter treffen können, letztendlich müsste er sie sowieso alle umbringen. Selbst den Sohn seines Herzogs und die vanidarischen Ritter. Seine Pläne hatten sich geändert. Er würde Haruhi nicht mehr beschützen weil der Herzog es ihm befahl, sondern weil er es so wollte. Mehrere Wochen beobachtete er die Gruppe jetzt schon und nach einer Weile war es ihm klar geworden, er wollte auch einfach zu ihr herüber gehen und mit ihr reden, ihr nahe sein. Kurz huschte ein verträumter Ausdruck über Rogers Gesicht. Wenn er erst all ihre Wachen und Begleiter ausgeschaltet hätte, würde er sie überreden mit ihm zu kommen. Sie beide könnten im Süden ein neues Leben anfangen, gemeinsam. Was er tun würde, falls sie zurück nach Vanidarien wollte wusste er nicht. Nur eins wusste er sicher, er würde nicht mehr ohne ihr Strahlen leben können.
      Stellte sich nur noch die Frage, wie er ihre ganzen Leibwachen loswerden konnte. Wenn er jetzt einfach so zuschlug, könnte Haruhi im allgemeinen Durcheinander vielleicht etwas passieren. Während er dabei war Pläne zu schmieden wie er die Gruppe um Haruhi verkleinern konnte, setzte sich jemand neben ihn. Gelangweilt drehte er den Kopf zur Seite. Seine roten Augen weiteten sich, als er sie erkannte. Schnell starrte er wieder in sein Glas, das konnte doch nicht wahr sein. Ausgerechnet die Verrückte. Schon wieder. Auf der Reise nach Nurc waren sie dauernd aneinandergeraten, erstaunlicherweise ohne sich ernsthaft zu verletzen. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht die Attentäterin umzubringen, aber keine seiner Fallen hatte sie wirklich beeindrucken können. In manche war sie sogar absichtlich gelaufen, vermutlich um sich über ihn lustig zu machen. Sie schien ihren Spaß daran zu haben ihn zu nerven. „Willst du es zu Ende bringen?“
      „Nein, eigentlich wollte ich mich nur einmal in Ruhe unterhalten, ohne dass du versuchst mich umzubringen.“ ihre Stimme klang freundlich, allerdings auf eine unglaublich nervtötende Art und Weise. Ihre dunkelblauen Haare waren unter einer Kapuze verborgen und sie trug einen weiten, dunklen Mantel. Wüsste er nicht, dass sie mit unsichtbaren Stimmen redete und ohne Grund Leute erdolchte, hätte er sie nicht einmal wirklich wahrgenommen. „Wie ist dein Name?“
      „Nenn du mir doch erstmal deinen Namen, dann verrate ich ihn dir vielleicht.“ Roger fühlte sich unwohl in ihrer Nähe. Er wusste dass sie deutlich schneller war als er und ihn töten konnte wenn sie nur wollte.
      „Das hier ist meine Heimatstadt, sollte der Gast sich nicht eigentlich zuerst vorstellen?“
      Roger seufzte entnervt „Meinetwegen, Gilbert Beilschmied.“ sein Blick auf zwei gekreuzten Äxte die an der Wand hingen, blieb ihr natürlich nicht verborgen und er konnte sehen dass sie ihm kein Wort glaubte, aber damit konnte er leben.
      „Ein besserer Name fällt dir nicht ein? Ihr Silberblätter seid nicht besonders kreativ, oder?“
      „Für dich ist der Name so gut wie jeder andere.“
      Sie sah ihn eine Weile nachdenklich und schweigend an. Ihre geradezu prüfenden Blicke gingen ihm schon nach wenigen Sekunden auf den Geist, vielleicht sollte er einfach verschwinden? Anderseits war die Vorstellung dass sie ihm folgte und sie sich in irgendeiner dunklen Gasse wiedertrafen nicht besonders beruhigend. Es war vielleicht doch besser sich anzuhören was sie überhaupt von ihm wollte.
      „Asakura.“ sagte sie und riss ihn damit wieder aus seinen Gedanken.
      „Mhm? Was?“
      „Das ist mein Name. Ich heiße Asakura.“
      „Schön für dich.“ murmelte Roger, mit so viel Desinteresse wie er aufbringen konnte.
      „Wir hatten gar keine Gelegenheit uns mal zu unterhalten und die Stimmen sind nicht besonders glücklich über deine Anwesenheit. Deine ständigen Versuche mich zu töten, hindern mich daran Haruhi vernünftig zu schützen.“ beschwerte sich Asakura.
      „Die Stimmen...“ Ah gut, dachte Roger, sie war also wirklich wahnsinnig „Und warum sollte ich eine Verrückte in Haruhis Nähe dulden? Du redest davon sie zu beschützen, was für ein Blödsinn. Es ist meine Aufgabe während dieser Reise auf sie aufzupassen und um ehrlich zu sein bist du es die mich behindert.“
      Asakura seufzte entnervt, die Stimmen hatten ihr gesagt das Roger so reagieren würde. Die Stimmen waren der einzige Grund warum sie hier war, sie fanden Asakura ließe sich zu sehr von dem Silberblatt ablenken. Was irgendwie auch stimmte, seine Versuche sie zu töten machten Asakura unheimlich viel Spaß. Es erinnerte sie irgendwie an ihre Ausbildung in Nurc. Aber die Stimmen duldeten keine Ablenkung von ihrer Aufgabe. Haruhis Leben war zu wichtig. Sie musste Roger zur Zusammenarbeit bewegen, oder ihn töten. „Findest du es nicht auch langweilig? Wir schleichen hinter Haruhi her und warten darauf sie im Ernstfall heldenhaft zu retten. Aber es passiert bisher einfach gar nichts!“ jammerte Asakura.
      „Worauf willst du hinaus?“
      „Nun ja, ich denke wir könnten beide mal wieder etwas Spaß gebrauchen.“
      „W-was?“ Roger ließ seinen Blick ungewollt über ihren Körper schweifen. Eigentlich unnötig, er hatte sie während ihrer ganzen Kämpfe deutlich genug gesehen, um zu wissen dass sie ihr Aussehen eigentlich nicht unter diesem dunklen, unförmigen Kapuzenmantel verstecken musste. Die seltsame Haarfarbe störte vielleicht etwas, aber nur ein bisschen. „Ich denke nicht...also ich, ähm. Ein sehr... wir haben keine Zeit für, für so was und so.“ plötzlich lief Roger rot an und versuchte irgendwie in eine andere Richtung zu sehen.
      „Wovon redest du?“ Asakura legte den Kopf schief und sah ihn vollkommen verwirrt an.
      „Wovon redest DU!?“ zischte Roger zurück.
      „Von Kyon Trellik natürlich. Was dachtest du denn was ich meine?“
      „Ich...ach egal, nicht so wichtig. Kyon war doch dieser mürrische, nervige Kerl mit den kurzen braunen Haaren oder?“
      „Ja, genau der. Findest du ihn nicht auch unendlich lästig?“
      „Ich weiß was du meinst.“ murrte Roger und seine Miene verdüsterte sich wenn er auch nur an diesen Narren dachte „Er behandelt Haruhi vollkommen respektlos, dieser schmierige kleine Bastard. Ich hätte ihn schon längst erschlagen, aber er bleibt immer in der Nähe der Gruppe und bei Haruhi. Vor allem letzteres ist besonders nervtötend.“
      „Dir ist es auch aufgefallen. Er ist der einzige mit dem Haruhi sich unterhält. Allen anderen schreit sie nur Befehle zu und kommandiert sie herum. Aber mit ihm redet sie tatsächlich, sie hört ihm zu und auch wenn sie es nur selten anmerken lässt, seine Meinung interessiert sie sogar.“
      „Und was willst du dagegen unternehmen?“
      „Ganz einfach, wir töten ihn, gemeinsam.“ und auf einmal genoss sie seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit.



      2105. J.d.S. Herzogtum Vanidarien, Vanidos

      [IMG:https://dl.dropboxusercontent.com/u/77559445/God%20is%20a%20Girl/Sora1.jpg]

      chiisana sonna kibou sae
      omou dakeno kiseki

      Sie setzte einen Fuß vor den anderen, während sie mit kleinen Schritten immer tiefer in den See watete. Es war mitten in der Nacht, aber der Vollmond schenkte Sora trotzdem genug Licht um das volle Ausmaß des großen, dunklen Bergsees zu erkennen. Sie hatte gar nicht gewusst, dass es so etwas in Vanidarien gab, genauso wenig wie sie wusste warum sie noch immer au die Mitte des Sees zuhielt. Nebel kroch zwischen den dichten Bäumen am Ufer hervor und schob sich über den ruhigen See. Als das eisige Wasser ihr bereits bis zum Hals reichte, spürte sie bei ihrem nächsten Schritt keinen Boden mehr unter den Füßen. Verzweifelt versuchte sie sich über Wasser zu halten, aber sie hatte keine Ahnung wie das ging. In Rubinus hatte es nicht gerade viele Gelegenheiten gegeben schwimmen zu lernen. Hilfesuchend blickte sie zum Ufer hinüber. Aber dort stand niemand. Der Stoff sog sich mit Wasser voll und zog Sora nach unten.
      Schlechte Träume waren zurzeit irgendwie in Mode, fragt mich bitte nicht warum, ich habe selber nur eine Theorie dazu. Wie alles was in dieser Zeit in unserer Welt schief läuft, schiebe ich auch das ganz einfach mal auf Haruhi. Jap. Damit liege ich allerdings vermutlich falsch. Aber meine Theorie gefällt mir besser, es ist immer gut sämtliche Schuld auf Haruhi zu schieben. Wahrscheinlich war es auch einfach nur ein ganz gewöhnlicher Traum. Wahrscheinlich ist dieses ganze Traumzeug als stilistisches Mittel auch schon deutlich abgenutzt, nachdem ich es bereits viel zu oft benutzt habe...aber mir fällt halt gerade nicht besseres ein, also lebt damit. Vielleicht habe ich es auch nur erfunden? Ich muss hier nun mal auch ein gewisses Soll an Wörtern erfüllen. Ach ja und ein Hoch auf die Vocaloiden!
      Im ersten Moment sah sie sich panisch um, doch dann atmete sie erleichtert auf. Sie befand sich noch immer in der gemütlichen kleinen Kutsche und zwar alleine. In Vanidos würde sie neue Dienerinnen bekommen, es gab also keinen Grund diese eitlen Gänse mitzunehmen, welche ihr schon in Rubinus nur auf die Nerven gingen. Vorsichtig schob sie mit dem Finger einen der schwarzen Vorhänge aus dickem Stoff zur Seite und kniff sofort die Augen zusammen, als das strahlende Sonnenlicht schmerzhaft in ihre Augen fiel. Der Sommer wollte wohl kurz vor seinem Ende noch einmal zeigen was er so alles drauf hatte. Mit fast geschlossenen Augen sah sie gerade so wie Haru noch immer neben der Kutsche ritt. Er hatte nicht mit ihr drin sitzen wollen, sondern ritt lieber an der Seite der Ritter, die sie nach Vanidos begleiteten. Auch wenn sie darüber ein wenig enttäuscht war, konnte Sora ihn gut verstehen. In dieser verdammten Kutsche war es stickig und um ehrlich zu sein kaum auszuhalten. Aber sie konnte nicht wirklich gut reiten, eigentlich ungewöhnlich für einen Vanidaren. Ihre Schlachtrösser waren so ziemlich das einzig wertvolle im ganzen Fürstentum.
      Durch das beruhigende Rattern der Kutsche und die drückende Wärme, schlief sie während ihrer Reise oft ein, nur um dann die ganzen Nächte wenn sie lagerten wachzuliegen. Zum erstenmal in ihrem Leben verließ sie die Ländereien ihrer Familie. Die Reise erschöpfe sie bisher weniger als erwartet, anderseits war es aber auch nicht besonders anstrengend tagein tagaus in einer Kutsche zu sitzen und ganz einfach nichts zu tun. Nachdem sie sich endlich an das Sonnenlicht gewöhnt hatte, konnte sie zu ihrer Überraschung erkennen, dass sie sich bereits mitten in Vanidos befanden. Sie hatte die ganze Ankunft in der Stadt vollkommen verschlafen! Sie hatten sogar schon den Großteil der Stadt hinter sich gelassen und näherten sich der Zitadelle im Zentrum. Diese Festungswerke hatten schon vor der Ankunft ihres Volkes hier gestanden, auch wenn sie im Laufe der Zeit oft erneuert, ausgebessert und erweitert werden mussten. Als die Silberblätter hier landeten, gab es nur die Zitadelle von Varos, die Stadt drumherum war erst im Laufe der Zeit entstanden. Die meisten Häuser bestanden aus Holz, aus Stein baute man hier lieber neue Türme oder Mauern um die Verteidigungsanlagen zu verstärken. Noch nie wurde die Festung von Feinden erobert. Selbst während der Rebellionen gegen den König war sie nicht gefallen. Aber das war auch nicht nötig gewesen. Die Soldaten des Königs schlachteten sich damals einfach solange durch ihr Volk, bis die Matriarchin aufgeben musste bevor nichts mehr von Vanidarien übrig blieb.
      Sora stieg vorsichtig aus der Kutsche aus, sie starb gleich vor Durst. Hier in Vanidos war es ja sogar noch heißer als zu Hause, in Rubinus hatte man wenigstens immer angenehm kühlen Wind vom Meer. Die Leibwache löste sich auf und die Ritter verschwanden alle spurlos irgendwo in dem grauen Klotz, den zum Glück niemand jemals als Palast bezeichnen würde. Es war eine Festung und sollte sich nur einfach verteidigen lassen, nicht besonders prachtvoll aussehen. Sie thronte hier im Zentrum über der restlichen Stadt, die wild vor sich hinwucherte. Als Sora sich zur eigentlichen Stadt umdrehte, wusste sie nicht recht ob sie beeindruckt oder enttäuscht sein sollte. Irgendwie löste der Anblick ein bisschen von beidem aus. Vanidos war größer als sie es sich vorgestellt hatte. Vorher konnte sie Haru nie wirklich glauben, wenn er davon sprach dass mehr als 50.000 Menschen in der vanidarischen Hauptstadt lebten. Aber trotz der Größe wirkte sie recht düster und vor allem schmucklos. Man legte hier nirgends viel Wert auf Zurschaustellung von Prunk und Glanz, vielleicht hatte man bei den ganzen Mitteln die für das Heer verwendet wurden, auch einfach nur kein Geld mehr für Tand übrig. Als sie sich wieder zur Festung wandte, stand von ihrer kleinen Leibgarde nur noch Haru neben ihr.
      „Ich kenne den Weg zu den Gemächern der Matriarchin, zumindest so halbwegs. Die Festung ist größer als man vielleicht denkt und vor allem verwirrender. Bei meinem ersten Besuch hier, war ich froh den Ausgang wiederzufinden bevor ich verhungert bin.“ scherzte er und setzte sich in Bewegung. So folgte sie Haru in die Festung, abgesehen von ein paar Wachen trafen sie niemanden. Ihr erster offizieller Auftritt sollte erst am nächsten Tag stattfinden, von daher gab es keinen großen Empfang. Nach einer Weile merkte er, dass Soras Hand sich hinter ihm an seinem Hemd festgekrallt hatte und sie einfach nur auf seinen Rücken starrte. Gut, viel gab es in den engen, grauen Gängen auch nicht zu sehen.
      „Wie weit noch?“ fragte Sora nach etwa zehn Minuten „Ich will nicht mehr laufen.“
      „Ähm, ich glaube es ist gleich da vorne. Nur noch um diese Biegung hier und wir sind...“ vor ihnen erstreckten sich nur ein weiterer schier endloser Gang „noch immer nicht da.“ schloss er verwirrt.
      „Ja, du kennst dich hier wirklich gut aus.“ Sora lehnte sich erschöpft an die Wand und starrte ihn genervt an. Bevor sie ihren Bruder weiter für seinen, offensichtlich schlechten, Orientierungssinn maßregeln konnte, kam eine Frau durch den Gang hastig auf sie zu. Harus Miene hellte sich auf als er sie sah, er hätte es alleine tatsächlich geschafft sich endgültig zu verlaufen.
      „Haru! Du begleitest deine Schwester?“ Die junge Frau war sicher schon ein oder zwei Jahre älter als Haru und fast genauso groß wie er. Sie trug ihr schwarzes Haar kurz, es reichte ihr kaum bis zu den Schultern und ihr Körper war bereits deutlich fraulicher als Soras. Sie hatte ein freundliches, offenes Gesicht mit einem gutmütigen Ausdruck darin. Alles in allem sah sie wirklich gut aus, aber Sora gefiel der Ausdruck in ihren grünen Augen nicht. Sie starrte Haru an, als wäre er ein strahlender Ritter in weißer Rüstung oder der Held aus irgendeinem kitschigen Märchen.




      „Wer ist das, Haru?“ fragte Sora mit vor Abneigung nur so triefender Stimme.
      „Sie ist die Tochter des Grafen von Achat, Naroko Silberblatt.“ Haru freute sich sichtlich sie zu sehen „Ich nehme an der Herzog hat dich geschickt, damit du dich um Sora kümmerst?“
      Naroko verneigte sich respektvoll und begann aufgeregt und mit freundlicher Stimme drauflos zu reden „Es ist eine große Ehre der Matriarchin als Zofe dienen zu dürfen. Außerdem kümmere ich mich um Eure Garderobe. Ich wollte schon seit langem Harus Schwester kennenlernen. Er hat viel von Euch erzählt.“
      „Naroko macht wirklich gute Kleider, sie ist bereits in der ganzen Stadt berühmt dafür. Ich bin sicher ich habe dir davon erzählt. Sie ist schon seit mehr als zehn Jahren hier am Hof und wir kennen uns seit Ewigkeiten. Hörst du mir eigentlich nie zu, Sora?“ fragte er lächelnd.
      „Ich möchte jetzt in meine Gemächer...“ murmelte Sora ohne jeglichen Enthusiasmus. Sie war müde und diese Frau war ihr jetzt schon unsympathisch. Während sie die Beiden zu den ehemaligen Gemächern Tegaras führte, verstärkte sich ihre Abneigung gegen ihre neue Dienerin nur noch. Sora lief hinter ihnen her und musste missgelaunt ihr Gespräch mit anhören. Sie versuchte allerdings es so gut es ging auszublenden, dieser Unsinn interessierte Sora kein bisschen. Haru hatte in seinem Leben bisher mehr Zeit in Vanidos oder Myst verbracht als in Rubinus, er kannte die Leute hier also bereits. Trotzdem, die Beiden gingen schon fast zu vertraut miteinander um. Ihr neues Leben in Vanidos fing ja großartig an.




      Etwa eine Stunde später, stand Sora inmitten eines überraschend kleinen und beschaulich eingerichteten Raums. Abgesehen von einem einfachen Bett und einem Wandschrank war er leer. Tegara hatte nicht viel von übertriebenem Luxus gehalten, was wohl auch das Aussehen der Stadt erklärte. Würde es in dieser Welt den Begriff „spartanisch“ geben, träfe er wohl auf den Geschmack der meisten früheren Matriarchinnen zu. Obwohl Sora diese Ansicht teilweise teilte, war es für ihren Geschmack dann doch viel zu karg und grau. Aber etwas anderes als ihre neuen Gemächer raubten ihr im Moment den letzten Nerv. Sie trug ein dunkelgraues, fast schwarzes Kleid, das vermutlich recht gut aussehen könnte, allerdings nur wenn es irgendjemand anders tragen würde. Sora fühlte sich, als hätte man sie gezwungen einen Sack anzuziehen. Alles an diesem Kleid war zu groß, lang oder weit. Naroko sprang um sie herum und machte Dinge die Sora nicht verstand. Hier und da platzierte sie eine Stecknadel oder schüttelte entnervt den Kopf. Sora hatte keine Ahnung vom Nähen, es war ihr immer zu langweilig gewesen. Dieses Kleid allerdings, war eine einzige Katastrophe. Das konnte selbst sie ohne Probleme erkennen.
      „Es passt leider nicht ganz, aber fürs erste müsste es reichen. Ich musste es, nach der Abreise der Boten nach Rubinus, anfertigen ohne Eure Maße zu kennen und wusste auch nicht wie Ihr genau ausseht. Also habe ich mich eher an Euren Bruder gehalten und dachte daher Ihr seid ein ganzes Stück größer. Ich werde versuchen bis morgen noch ein paar Anpassungen vorzunehmen, aber es wird bis zu Eurem ersten offiziellen Auftritt leider nicht ganz perfekt werden, egal was ich mache.“
      „Ah.“ Es würde schon irgendwie gehen? Sie sah darin aus wie ein Kind das die Kleider ihrer älteren Schwester abtragen musste. Vielleicht wäre es doch besser morgen eines ihrer einfachen Kleider aus Rubinus zu tragen. „Was ist das?“ fragte Sora, als sie gelangweilt durch das Zimmer blickte und an etwas hängen lag, das auf ihrem neuen Bett lag.
      „Ein Kleid, ich habe die letzten Tage hier gearbeitet weil es so schön ruhig ist. Außerdem wollte ich es Euch bei Eurer Ankunft gerne zeigen und Eure Meinung dazu hören. Oder sagen wir, es soll einmal ein Kleid werden. Ich habe damit noch nicht wirklich angefangen, sondern nur ein paar Vorbereitungen getroffen. Im Gegensatz zu diesem hier, soll es nämlich genau auf Euch angepasst werden, Herrin. Tegara trug auch immer am liebsten ein Kleid aus schwarzer Seide. Leider handeln nur die Leute aus Nika mit diesem Stoff und man sieht ihre Händler nur noch selten hier in Vanidos. Die silbernen Muster sind bereits fertig wie Ihr sehen könnt. Ich dachte zuerst an einen Baum, aber das erschien mir dann doch etwas zu aufwendig und vor allem zu groß. Schwarz und Silber wirken einfach großartig zusammen, aber man sollte es nicht mit dem Silber übertreiben sonst ist es zu hell. Vor allem da Eure Haare bereits hell genug sind. Ihr werdet darin wirklich aussehen wie eine Göttin. Vielleicht könnt Ihr es übermorgen bereits tragen. Eure genauen Maße habe ich ja jetzt endlich, damit wird es nicht mehr lange dauern.“ Während Narokos Redeschwall weiterging, ließ Sora ihre Augen über den feinen Stoff wandern, das Kleid schien sogar schon fast fertig zu sein und sah besser aus als alles was sie je getragen hatte. Naroko musste schon sehr viel mehr Zeit darin investiert haben als sie zugab.
      „Ich mag kein Schwarz. Es sieht grässlich aus. So etwas würde ich niemals freiwillig tragen.“ Sie wusste nicht warum genau sie das sagte, eigentlich gefiel ihr das Kleid wirklich gut, es würde fantastisch aussehen wenn es fertig war.
      „Oh. Das...das wusste ich nicht. Dann werde ich wohl noch einmal von vorne anfangen.“ Naroko lächelte unsicher und begann vollkommen zerstreut mit ihrer Arbeit fortzufahren. Wahrscheinlich ging sie gerade in Gedanken durch wie lange sie brauchen würde wenn sie wieder von vorne Anfangen musste. Alleine an passenden Stoff zu kommen dürfte schwierig werden, Tegara hatte nie weiße oder hellere Sachen getragen. „Dann wird es leider noch eine ganze Weile dauern bis...“
      „Nein.“ unterbrach Sora sie schroff „Ich möchte es trotzdem in ein paar Tagen haben. Es ist nicht mein Problem wenn du deine Arbeit falsch und unsauber erledigst. Ich kann nicht die ganze Zeit in diesem Sack rumlaufen und meine Sachen aus Rubinus sind wohl eher nicht vorzeigbar für den Thronsaal.“
      „Natürlich.“ murmelte Naroko und bei ihrem enttäuschten Gesichtsausdruck, bekam Sora gegen ihren Willen ein schlechtes Gewissen. Diese Frau hatte ihr nichts getan, im Gegenteil, sie war sogar erstaunlich freundlich und schien sich mit ihrer Arbeit wirklich Mühe zu geben. Naroko verdrängte ihre Enttäuschung und wechselte das Thema. „Ich hätte nicht gedacht, dass Euer Bruder Euch begleitet. Aber es passt zu ihm, er kümmert sich gerne um die Sorgen und Probleme anderer. Ich habe selten jemanden getroffen der so hilfsbereit und fürsorglich ist. Eigentlich wollte er erst Mitte Herbst wieder nach Vanidos kommen und dann den ganzen Winter über bleiben. Er ist...“
      Mehr hörte Sora gar nicht mehr. Ihr Mund war plötzlich wie ausgetrocknet und sie hätte diese Lügnerin am liebsten von sich weggestoßen. Das konnte nicht sein. Haru hätte sie niemals im Winter alleine in Rubinus gelassen. Erfand Naroko diese Lügen um sich für die Sache mit dem Kleid zu rächen? So etwas schien nicht zu ihr zu passen, aber es musste gelogen sein. Haru wusste doch ganz genau wie sehr die Wintermonate ihr zusetzen konnten. Vor allem, warum sollte er so viel Zeit in Vanidos verbringen? Im Winter gab es keinen Grund für längere Zeit die Burg zu verlassen. Sora wurde aus ihren geradezu panischen Gedanken gerissen, als sie plötzlich spürte wie jemand an dem Stoffhasen zog und versuchte ihn ihr aus der linken Hand zu winden.
      „Lass los.“ fuhr sie Naroko kalt an.
      „Verzeiht, aber ihr wollt doch nicht, dass der Herzog und seine Ritter Euch für ein Kind oder ein kleines Mädchen halten. Es ist besser wenn Ihr es nicht die ganze Zeit mit Euch herumtragt. Ihr seid jetzt für die Menschen hier eine Göttin. Sie erwarten ein gewisses Verhalten von Euch. Die Matriarchinnen sollen Erhabenheit und Macht ausstrahlen.“ sprach sie ruhig und ließ sich nicht aus der Fassung bringen.
      „Ich sagte, lass los.“ unter Soras wütendem Blick zog sie unsicher die Hand zurück. Seufzend warf Sora den schwarzen Hasen auf das Bett, irgendwie hatte diese schreckliche Frau ja sogar recht. Es würde lächerlich wirken, wenn sie so im Thronsaal auftauchte. „Hast du noch mehr an mir zu kritisieren?“
      „Nun ja...“ begann sie vorsichtig, war sich aber nicht sicher wie ihre neue Herrin auf noch mehr Ratschläge reagieren würde.
      „Was? Spuck es schon aus.“
      „Das Kreuz, um Euren Hals.“
      Soras Hand legte sich auf das Kreuz aus Silber, welches an einer Kette um ihren Hals hing. „Was ist damit?“
      „Es, nunja es ist ein wichtiges Zeichen in der Religion aus Nika.“ antwortete Naroko, verwundert darüber dass sie das nicht selber wusste.
      „Wirklich?“ Sora betrachtete es überrascht, sie hatte es bisher nur für irgendein Schmuckstück gehalten „Haru hat es mir vor zwei Jahren mitgebracht. Er sagte es hat ihn ein Vermögen gekostet es einem Soldaten abzukaufen. Silber ist überall im Reich selten.“
      „Der Soldat war vermutlich bei einem der Überfälle auf Nika dabei. Es ist besser, wenn Ihr es nicht tragt.“
      „Ach? Und warum? Was geht mich der Glaube dieser Wüstenratten an?“
      „Es könnte in der Öffentlichkeit vielleicht keinen besonders guten Eindruck machen. Nika hat vor sechzehn Jahren sämtliche Städte und Dörfer an unserer Küste überfallen und niedergebrannt, seitdem sind sie hier nicht mehr besonders beliebt. Eine Matriarchin, die ganz offen eines ihrer heiligen Symbole trägt?“ sie schüttelte entschieden den Kopf „Das wäre keine gute Idee. Nika würde es als Spottgeste oder sogar Herausforderung ansehen und Eure eigenen Leute könnten denken, dass Ihr mit den Südlingen sympathisiert.“
      Was Naroko sagte klang alles logisch und richtig, aber trotzdem kam es Sora so vor als wollte sie ihr nur alle Geschenke Harus wegnehmen. Noch an diesem Abend, spätestens morgen früh, würde sie den Herzog um eine andere Zofe bitten. Diese Frau machte sie nervös, vor allem aber missfielen ihr die Blicke, die Haru und Naroko sich vorhin andauernd zugeworfen hatten. Trotzdem schob sie das Kreuz unter ihre Kleidung und verbarg es, auch wenn sie es lächerlich fand. Wen kümmerte es schon was sie trug? Sie würde schon keinen Krieg heraufbeschwören, nur weil sie sich falsch anzog oder den falschen Schmuck trug.
      „Was war meine Tante für eine Herrscherin?“ fragte Sora nach einer Weile angespannten Schweigens.
      „Ich bin zwar schon seit meiner Kindheit hier in Vanidos, aber ich hatte nur wenig mit ihr zu tun. Tegara wirkte immer sehr kalt und hart auf mich. Zumindest nach Außen hin. Der Krieg ließ ihr keine andere Wahl als so zu werden. Es heißt der einzige gegenüber dem sie je ein wenig freundlicher gewesen ist war Roger, aber der Herzog wurde von den Soldaten des Königs umgebracht. Ich glaube sie hat seinen Tod nie überwunden, vermutlich konnte Tegara ihre Halbschwester deswegen nicht für ihren Verrat bestrafen.“
      „Meine Mutter hat niemanden verraten!“
      „Natürlich, verzeiht mir, Herrin. Der Herzog hat bereits anordnen lassen, sie wieder in den Stammbaum der Silberblätter aufzunehmen und ihr...“
      „Sie ist tot, ich glaube nicht dass sie dieser Unsinn jetzt noch interessiert.“ Sora unterdrückte die in ihr aufsteigende Wut, aber etwas anderes hatte sie hellhörig werden lassen „Halbschwestern?“ Ihre Mutter hatte nie über Tegara geredet und um ehrlich zu sein hatte Sora sich in den Büchern immer lieber die älteren Zweige des Stammbaums angesehen. Die Silberblätter der Gegenwart fand sie zum Großteil sowieso nur nervig.
      „Ja, natürlich. Aleyandras Vater war der damalige Herzog, Roger. Tegara dagegen wusste nie wer ihr Vater war, es muss wohl einer der Ritter am Hof gewesen sein, vielleicht auch ein Fürst aus einem anderen Reichsteil. Eine Zeitlang hieß es sogar der damalige König selbst wäre ihr Vater, weil er in seiner Jugend einige Nächte hier in Vanidos verbrachte. Aber Roger kommt wohl nicht in Frage. Er war zur Zeit ihrer Zeugung an der Küste im Norden und schlug mehrere heftige Schlachten gegen die Nordmänner, die damals zum erstenmal in ihren Drachenbooten auftauchten und den Norden terrorisierten. Haruhi dagegen ist seine Tochter, auch wenn er bei ihrer Geburt nicht mehr am Leben war.“
      „Haruhi.“ flüsterte Sora nachdenklich und Naroko konnte die Verwirrung deutlich aus ihrer Stimme heraushören „Ich verstehe noch immer nicht, warum ich jetzt an ihrer Stelle herrschen soll.“ Sie wusste nicht viel über Haruhi, aber nach dem bisschen zu urteilen was sie wusste, wäre Haruhi als Matriarchin deutlich besser geeignet, vor allem könnte sie vermutlich sogar die Ritter in einen Krieg gegen den König zu führen. Nach allem was sie wusste, war Haruhi im Gegensatz zur ihr viel eher eine Göttin und Herrscherin.




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      Neues Kapitel von Vanidar

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    • Kapitel 16: Die Geheimnisse von Nurc


      Von all den dummen Ideen die Haruhi zu diesem Zeitpunkt hatte und jemals haben würde zählte diese hier gewiss zu den drei dümmsten. In einer Stadt in welcher es vor Mördern, Dieben und anderem Abschaum nur so wimmelte hatte sie die fantastische Idee unsere kleine Gruppe aufzuteilen und somit zu leichterer Beute zu machen. Natürlich hatten wir für den Schutz der Gilde bezahlt, allerdings gab es noch anderes Gesindel außer ihren... 'Angestellten' in Nurc. Die Vanidaren würden sich natürlich niemals von Haruhi trennen, die Königlichen ebenfalls nicht, dies würde nur noch Bulldoz und seine Leute zum Schutz von mir und Lady Asahina übrig lassen, und denen traute ich auch nicht weiter als ich sie werfen konnte. Mit anderen Worten, überhaupt nicht. Natürlich war es sinnlos gegen Haruhis 'tolle' Ideen zu protestieren und somit mussten ich und Lady Asahina alleine durch die Stadt streifen um irgendwas interessantes zu finden. Und das schlimmste war, es würde sich jeden Tag wiederholen! Seht selbst welch wunderbare Abenteuer uns in Nurc erwarteten.

      2105. Jahr der Sonne, Republik Linistien, Nurc, Haruhis Spezialmission Tag 1:
      „Ich finde noch immer dass wir einfach in der Nähe des Gasthauses bleiben sollten. Lass doch Haruhi ihren Hals riskieren wenn sie unbedingt will! Ich würde meinen Aufenthalt in dieser Stadt liebend gerne überleben!“ Kyon versuchte verzweifelt Asahina davon zu überzeugen dass es eine äußerst dumme Idee war zu tun was Haruhi verlangte, aber keine Chance.
      „Das wäre ziemlich... schlecht, glaube ich. Wenn ihr etwas geschieht werden schlimme Dinge passieren.“
      „Woher wisst ihr das? Ihr könnt doch nicht in die Zukunft gucken! Und Gestern meinte Koizumi dass ihr von Haruhis so genannten Kräften wisst, woher?“
      „Das... darf ich nicht sagen.“
      „Warum dürft ihr das nicht sagen? Wer hat es euch verboten?“
      „Das... darf ich auch nicht sagen.“ Kyon seufzte, es war zwecklos.
      „Gut, dann machen wir halt was Haruhi gesagt hat und gucken uns ein wenig um. Ich bezweifle trotzdem dass wir etwas finden werden.“ Nachdem Kyon sich also geschlagen gab brachen die beiden endgültig auf und schlenderten seelenruhig durch die Stadt. So ruhig wie man sein konnte wenn man an jeder Ecke von feindseligen Blicken durchlöchert wurde. Letztendlich entschied Kyon sich dafür dass es leichter und, das war am wichtigsten, sicherer wäre wenn man einfach einem der Adelshäuser einen Besuch abstatten und sich dort ein wenig umhören würde zum Thema Dämonenkulte in Linistien.
      Klar, als ob die Adligen Linistiens etwas wüssten. Selbst wenn sie etwas wüssten würden sie uns wohl nichts sagen. Egal, zurück zur Geschichte. Und das Glück war Kyon und Lady Asahina in diesem Augenblick sogar hold. Aus einem Haus an dem das Banner der Rist befestigt war kam in diesem Augenblick jemand, ein junger Mann den sowohl Lady Asahina als auch Kyon kannten.
      „Hey, Anduin!“ rief Kyon und ging auf ihn zu. Der Angesprochene sah sich kurz verwirrt um bis er erkannte wer ihn angesprochen hatte.
      „Kyon? Und Lady Asahina? Was für eine Überraschung! Was führt euch denn nach Nurc?“ Anduin Linda war ein alter Freund von Kyon. Vor zehn Jahren hatte er zusammen mit seiner Familie in Benjii gelebt und sich dort mit dem Trellik angefreundet. Vor zwei Jahren war er dann nach Nurc gezogen und sollte dort das Geschäft seines Vaters übernehmen. Seit ein paar Monaten war er nun mit einer Rist verlobt welche er gerade besucht hatte. Er nahm die beiden mit zum Gasthaus seines Vaters und auf dem Weg erzählte Kyon ihm wie es dazu kam dass die beiden hier waren, nun den wichtigsten Teil. Gerade als sie beim Gasthaus angekommen waren und sich an einem Tisch niederließen beendete Kyon seine Geschichte.
      „Und jetzt sollen wir also diese Stadt durchstreifen und nach einem Dämonenkult suchen. Wenn ich gewusst hätte dass dein Vater ein Gasthaus betreibt wären wir natürlich zu ihm gekommen und hätten dich besucht. Es ist schon zu lange her dass wir uns gesehen haben!“ Die drei unterhielten sich noch eine Weile bevor Anduin schließlich sagte
      „Also sucht ihr nach Dämonenkulten. Damit kann ich leider nicht dienen, allerdings könnte ich euch vom Monster der Eisenberge erzählen. Ich wette dass würde diese Haruhi auch interessieren, oder was meinst du Kyon?“
      „Alles was gefährlich und unwirklich ist würde sie interessieren. Ich bin mir sicher dass ich diese Geschichte vom Monster auch schon einmal gehört habe, nur wo?“
      „Wahrscheinlich von Tsuruyas Vater. Der kennt viele alte Geschichten und ich glaube er hatte sie uns früher mal erzählt.“ meinte Asahina und lächelte.
      „Ah ja, jetzt wo ihr es sagt. Könntest du mein Gedächtnis noch einmal auffrischen, Anduin? Ich kann mich an nichts genaues erinnern.“ Und so fing Anduin an die Legende des Monsters zu erzählen.


      Ich könnte jetzt auch noch schreiben wie er davon erzählt, aber dann müsstet ihr das ganze zwei oder dreimal hören und das will ich euch ersparen. Lasst euch lieber gesagt sein dass es eine Geschichte ist die Haruhi lieben würde. Nachdem Anduin uns die Geschichte erzählt hatte haben ich und Lady Asahina uns auf den Rückweg gemacht. Ich konnte sie immerhin dazu überreden Haruhi vorerst nichts davon zu erzählen. Ich wollte lieber im Laufe der nächsten Tage versuchen eventuell doch etwas über Dämonenkulte zu erfahren und erst mit der Monstersache rausrücken wenn mir keine andere Wahl mehr blieb. Es war bereits recht spät als wir das Gasthaus erreichten, die anderen waren bereits dort und Haruhi starrte mich wütend an.

      „Ihr seid zu spät! Strafe!“ meinte Haruhi mit ernstem Gesichtsausdruck und deutete auf Kyon.
      „Aha, und was meinst du mit 'Strafe'?“ fragte Kyon und war schon wieder deutlich schlechterer Laune.
      „Du musst das Abendessen bezahlen! Und jetzt lasst uns reingehen, Mampfi ist hungrig.“
      „Ich muss das Abendessen bezahlen? Tu nicht so als wenn du irgendwann mal das Essen bezahlt hast auf dieser Reise!“ Natürlich war der Protest sinnlos, niemand hörte Kyon zu woraufhin dieser laut seufzte und sich den anderen anschloss. Während des Essens fragte Haruhi die anderen darüber aus was sie gefunden hatten. Wie es sich herausstellte hatte niemand von den anderen etwas interessantes rausgefunden, das einzige was Haruhi erfahren hatte war dass der Schwarzmarkt hier in der Stadt ziemlich viel Gold für das Fell eines Bergbären zahlen würde. Laut Koizumi hatte man ihr einen Haufen Gold für Mampfi angeboten, was sie jedoch schnell abgelehnt hatte. Also musste Kyon vorerst auch noch den Bergbären durchfüttern. Mit anderen Worten, das Gold der Mimirs wurde noch weiter reduziert, denn Mampfi fraß erstaunlich viel, weit mehr als Yuki zu sich nahm. Allerdings war die ja eh nicht ganz normal. Schließlich war es an der Zeit Stäbchen zu ziehen um die Gruppen des nächsten Tages festzulegen.


      Dieses mal kam ich mit Koizumi in eine Gruppe. Lady Asahina würde mit Yuki herumlaufen weshalb ich ein wenig beruhigt war, immerhin habe ich gesehen dass Yuki auf Leute aufpassen kann. Haruhi würde alleine mit Mampfi aufbrechen und sah erneut ein wenig ungehalten aus, auch wenn ich nicht ganz weiß warum. Wie auch immer, kurze Zeit später gingen wir schlafen und brachen dann allesamt früh am nächsten Morgen auf.

      2105. Jahr der Sonne, Republik Linistien, Nurc, Haruhis Spezialmission Tag 2:

      „Tja, so ein Pech aber auch! Bei solchem Wetter kann man sich nicht vor die Haustür wagen. Schade, versuchen wir es morgen noch einmal!“ meinte Kyon gut gelaunt und deutete aus dem Fenster wo heftiger Regen den Blick auf die Straße beinahe gänzlich verschleierte. Natürlich wurde er ignoriert. Haruhi hatte nicht einmal gewartet bis Kyon seinen Satz beendet hatte und war nach draußen marschiert, dicht gefolgt von Yuki und Asahina.
      „Wollen wir dann?“ meinte Koizumi und lächelte Kyon an. Dieser grummelte nur etwas vor sich hin, folgte dann aber dem Vanidaren nach draußen. Dieses mal ging Kyon in eine andere Richtung, und zwar zum Hafen. Wenn Haruhi unbedingt irgendwelche Märchen über Dämonen oder sonstige Dinge hören wollte dürfte man bei Matrosen ja wohl an der richtigen Adresse sein. Als er und Koizumi jedoch vollkommen durchnässt beim Hafen angekommen waren erwartete sie eine ziemliche Überraschung, die Straße welche zum Hafen führte wurde von der Stadtwache gesperrt. Zwei Dutzend Männer mit grimmigem Gesichtsausdruck standen mitten im Weg und warfen jedem vernichtende Blicke zu der sich in die Nähe wagte. Kyon sah einige Männer welche auf der gegenüberliegenden Seite standen und ihrerseits den Wachen böse Blicke zuwarfen.
      „Was ist denn hier los?“ fragte Koizumi und sah zu den Wachen herüber.
      „Keine Ahnung, ich denke wir sollten jemanden fragen, sieht jedenfalls nicht so aus als wenn die uns einfach so durchlassen würden. Es muss irgendwas passiert sein.“ Kyon warf einen misstrauischen Blick zu den Männern herüber, kam dann jedoch zu dem Schluss dass diese wohl freundlicher sein würden als die Wachen. Daher ging er mit einem gezwungenem Lächeln auf die Gruppe zu welche sich unter dem Dach einer Taverne versammelt hatte um zumindest ein wenig dem Regen entgegenzuwirken. Bevor Kyon auch nur ein Wort sagen konnte fuhr in einer der Männer auch direkt an.
      „Was denn noch? Haben euch die Schiffe nicht gereicht? Was wollt ihr gierigen Bastarde denn jetzt noch?“ Kyon stutzte kurz, merkte dann aber sofort woher dieses Missverständnis kam, immerhin trugen sowohl er als auch Koizumi Schwerter und zumindest in Kyons Fall einen Wappenrock.
      „Ich glaube ihr missversteht, wir sind nicht von der Stadtwache. Ich bin Kyon Trellik, Leibwächter von Asahina Mimir. Ich und mein... Bekannter hier wollten eigentlich zum Hafen. Allerdings scheint der Weg versperrt zu sein, könntet ihr uns vielleicht sagen was hier los ist?“
      „Du bist ein Trellik? Dann könntest du vielleicht uns sagen was das alles soll! Wir sind Matrosen auf einem der größten Handelsschiffe dass die Republiken haben. Vor gerade mal ein paar Stunden waren wir noch auf dem Schiff und haben Waren verladen als zwei Dutzend Schiffe in den Hafen eingelaufen sind. Keine Ahnung woher die kamen, sahen aber aus wie Kriegsschiffe. Kaum hatten die angelegt ist auch schon die Stadtwache angetanzt und hat uns alle rausgeschmissen. Natürlich nicht ohne uns mitzuteilen dass sämtliche Schiffe im Hafen konfisziert wurden, auf Befehl des Rates!“ der Matrose spuckte aus und sah wütend zu den Soldaten hinüber.
      „Ihr habt keine Begründung bekommen weswegen?“
      „Natürlich nicht, die halten es doch nicht nötig uns irgendwas zu sagen!“
      „Und wie lange sitzt ihr jetzt hier fest?“
      „Keine Ahnung, auch das haben wir nicht erfahren. Alles was ich weiß ist dass ich in einer Stadt voller Verrückter und Mörder festsitze! Und zwar länger als mir lieb ist! Wie auch immer, was wolltet ihr zwei eigentlich im Hafen? Anheuern? Ihr seht mir nicht danach aus.“
      „Nicht ganz, wir suchen eher jemanden der weit gereist ist und in den verschiedensten Teilen Almodozasras war.“ meinte Koizumi ehe Kyon etwas sagen konnte.
      „So, so. Und warum?“
      „Nun die Wahrheit ist, ich bin verrückt nach Mythen und Legenden, vor allem bin ich an einer Sache interessiert, den Ereignissen in Linistien vor einigen Jahren. Kennt ihr zufälligerweise jemanden der mehr darüber weiß?“ Kyon rechnete nicht wirklich damit, was sollte man schon groß über die Situation wissen? Eines Nachts ist die gesamte Bevölkerung gestorben, fertig. Umso überraschender war die Antwort des Matrosen.
      „Ich kenne da wirklich jemanden, na ja, ich kenne ihn nicht wirklich. Es ist nur eine alte Frau die behauptet damals in Linistien gewesen zu sein als es geschah. Wenn ihr wollt kann ich euch zu ihr führen, allerdings erst Morgen und gegen eine kleine Belohnung.“ Natürlich, was auch sonst?


      Koizumi und ich feilschten noch eine Weile mit dem Matrosen. Letztendlich erklärte er sich dafür bereit mich am nächsten Tag, im Tausch gegen nicht allzu viel Gold, zu dieser Frau zu führen. Er würde uns in aller Früh vor dem Gasthaus treffen und mich durch die Stadt führen. Nachdem alles geklärt war machten wir uns auf den Weg zurück da ich es für unnötig hielt noch weiter durch die Stadt zu schlendern. Als ich einen letzten Blick in Richtung Hafen warf sah ich wie Anduin Linda aus einem Haus in der Nähe der Wachposten kam, anscheinend war er die ganze Zeit dort gewesen. Er redete kurz mit den Wachen und sah dann zu uns hinüber. Während er mir zuwinkte fiel mein Blick auf die offene Tür aus der gerade die Leiche eines Mannes mittleren Alters gezerrt wurde. Ich entschied mich damit nichts zu tun haben zu wollen und lächelte Anduin nur nervös an bevor Koizumi und ich endgültig das Weite suchten. Dieses mal waren wir früher als am Tage zuvor da, doch ratet mal wer schon auf uns wartete...

      „Ihr seid zu spät! Strafe!“ meinte Haruhi mit ernstem Gesichtsausdruck und deutete auf Kyon.
      „Aha, und was meinst du mit 'Strafe'?“ fragte Kyon und war schon wieder deutlich schlechterer Laune.
      „Du musst das Abendessen bezahlen! Und jetzt lasst uns reingehen, Mampfi ist hungrig.“
      „Ich muss das Abendessen bezahlen? Tu nicht so als wenn du irgendwann mal das Essen bezahlt hast auf dieser Reise! Moment, hatten wir dieses Gespräch nicht schon einmal gehabt?“
      „Wenn wir das wirklich schon einmal hatten dann nur weil du zu spät warst. Und jetzt sei still und komm rein, hier draußen ist es viel zu nass.“ Kyon seufzte einfach nur und machte sich auf den Weg ins Trockene. Wieder einmal stellte sich heraus dass niemand etwas konkretes gefunden hatte, daher strahlte Haruhi förmlich als Kyon und Koizumi sagten dass sie jemanden gefunden hatten der sie möglicherweise zu jemanden führen konnte der damals in Linistien dabei war.
      „Außerdem scheint am Hafen irgendwas seltsames los zu sein. Das ganze Gebiet scheint abgesperrt zu sein und Anduin hatte da auch irgendwas gemacht.“ meinte Kyon mehr an Asahina gewandt als an die anderen.
      „Wer ist Anduin?“ platzte es direkt aus Haruhi heraus.
      „Ein alter Freund von Kyon und Mikuru.“ meinte Tsuruya fröhlich lächelnd. Weiß Gott was sie gemacht hatte während der Rest der Gruppe auf der Suche nach Haruhis Dämonenkult war.
      „Fängst du jetzt auch schon an Lady Asahina so zu nennen?“ fragte Kyon, am Boden zerstört.
      „Achso, ich dachte schon er ist jemand interessantes.“ meinte Haruhi leicht enttäuscht.
      „Nun ja, er ist ein Linda. Von daher dürfte er durchaus deiner Definition von interessant entsprechen. Sein Namensgeber ist jedenfalls mehr als interessant. Hast du wirklich noch nie die Geschichte vom berühmten Gildenmeister Anduin Linda gehört?“ Kyon konnte sich das nicht wirklich vorstellen wo Haruhi doch sonst alles aufgesaugt zu haben schien was mit der Gilde zu tun hatte.
      „Nein, erzähl!“ Ihre Augen strahlten förmlich als sie sich halb über den Tisch beugte und Kyon so beinahe eine Kopfnuss verpasste. 'Sie ist wie ein kleines Kind' dachte Kyon. Dann fing er an zu erzählen.
      „Vor Theron von Nurc war Anduin Linda der Gildenmeister der das höchste Alter im Dienst erreicht hat. Er wurde ganze 44 Jahre alt bevor er starb. Im Laufe seiner Karriere hat er so einiges geschafft, am berühmtesten ist er jedoch für den letzten Auftrag den er durchgeführt hatte. Er sollte einen Händler Aratars erledigen der sich zu weit in das Territorium republikanischer Händler gewagt hatte. Für diesen Auftrag nahm er seine fünf besten Schüler mit in die Hauptstadt Aratars. Es gelang ihnen ohne Probleme in die Villa des Händlers zu gelangen. Keine drei Stunden später waren in der Villa nur noch die sechs Gildenmitglieder am Leben. Damit fing das ganze jedoch erst richtig an. Anduin erklärte seinen Schülern nun weshalb er sie mitgenommen hatte, für diesen Auftrag hätte es nicht einmal den Meister der Gilde gebraucht wenn man es nüchtern betrachtete. Er hatte sie alle dort versammelt um festzustellen wer sein Erbe werden würde. Die fünf Schüler sollten sich gegenseitig bekämpfen und der letzte Überlebende würde zum Nachfolger Anduins ernannt werden. Dieser Wettkampf zwischen den Schülern zog sich ganze drei Wochen hin und versetzte die gesamte Stadt in Angst und Schrecken, denn keiner der Teilnehmer an diesem... 'Wettkampf' schreckte vor Kollateralschäden zurück. Schließlich war es nur noch ein Mann der am Leben war, ein Mann namens Theron. Er traf sich mit seinem Meister in der nun verlassenen Villa des aratischen Händlers. Dieser gratulierte ihm zu seinem Sieg und ging sofort zum Angriff auf seinen Schüler über. Anduin wusste dass seine fünf Schüler zusammen ihn ohne Probleme hätten töten können, also ließ er sie gegeneinander kämpfen um sie zu schwächen und sich dann des letzten Rivalen zu entledigen. Er hatte jedoch Theron unterschätzt. Nachdem die beiden sich drei weitere Tage lang durch die Stadt gehetzt hatten schaffte Anduin es letztendlich seinen Schüler schwer zu verwunden und ließ seine Leiche vor den Toren der Stadt liegen. Dachte er zumindest, noch heute fragt man sich in der Gilde wie Anduin, einer der besten Mörder aller Zeiten, solch einen Fehler machen konnte. Man weiß lediglich dass er tief und fest daran glaubte Theron getötet zu haben. Er bemerkte seinen Fehler erst als er auf dem Boden lag, vom Gift einer Schlange gelähmt und über sich das grinsende Gesicht seines Schülers sah. Dieser hatte es nicht nur geschafft zu vertuschen dass er noch lebte, nein. Er hatte sich unbemerkt in das Hauptquartier der Gilde geschlichen und es geschafft den privaten Weinvorrat seines Meisters zu vergiften ohne dass dieser Verdacht schöpfte. Am nächsten Morgen wurden die Einzelteile Anduins in das Hafenbecken geworfen und Theron übernahm die Führung der Gilde.“ Erst als Kyon endete merkte er dass Haruhi wirklich an seinen Lippen hing. Anscheinend konnte sie wirklich nicht genug von solchen Geschichten kriegen.
      „Mit anderen Worten, dieser Anduin ist so berühmt weil der derzeitige beste Mörder der Gilde ihn umgebracht hat.“ fragte Koizumi.
      „Wenn du es unbedingt so einfach darstellen willst, ja. Aber nicht nur, er hatte es immerhin geschafft vier seiner Rivalen auszuschalten indem er sie aufeinander gehetzt hatte und er hatte beinahe geschafft besagten Mörder zu töten. Viele Attentäter glauben bis heute noch dass Theron nur durch Glück überlebt hatte. Das war es dann aber auch für heute, ich gehe ins Bett. Euch allen wünsche ich eine gute Nacht.“


      Mit diesen Worten verabschiedete ich mich also vom Rest der Gruppe. Wie sich am nächsten Morgen herausstellte hatte ich ganz vergessen mein Hölzchen zu ziehen, weshalb mir einfach das zugeteilt wurde das übrig blieb. Das Ergebnis besagte dass ich mit Yuki gehen sollte, Haruhi und Lady Asahina waren eine Gruppe und Koizumi würde alleine durch die Gegend streifen. Ich glaube in meinem gesamten Leben hatte ich noch nie so viel Angst um Lady Asahina. Nicht wegen den Mördern, nein. Haruhis Leibwache wäre immer in der Nähe um auf die beiden aufzupassen. Das Problem war eher Haruhi selber. Allerdings konnte ich daran nicht viel ändern. Aus irgendeinem Grund sah Haruhi an diesem Morgen recht griesgrämig aus, warum auch immer. Vielleicht war ihr einfach nur wieder langweilig. Wie auch immer, der nächste Tag dieses spannenden Abenteuers in Nurc begann!

      2105. Jahr der Sonne, Republik Linistien, Nurc, Haruhis Spezialmission Tag 3:

      Der Matrose wartete bereits auf Kyon als dieser zusammen mit Yuki das Gasthaus verließ. Glücklicherweise regnete es an diesem Tag nicht, auch wenn noch immer alles nass vom Tag zuvor war. Der Mann sah verdutzt zu Kyon herüber als dieser mit Yuki auf ihn zu kam.
      „Ähm, wo ist denn der andere von gestern? Ich dachte er war so interessiert an der Geschichte, und jetzt kommt er nicht mit?“
      „Ich werde es ihm später erzählen, Yuki hier ist auch ziemlich interessiert an Mythen und Legenden. Außerdem wollte mein Bekannter es noch einmal beim Hafen versuchen, das der ganze Hafen abgesperrt wurde lässt ihm keine Ruhe und er ist sich sicher dass da eine interessante Geschichte zu finden ist.“
      „Na dann wünsche ich ihm viel Glück, ich durfte da heute noch nicht hin, das ist noch immer alles abgeriegelt und ich bezweifle dass sich das demnächst ändern wird. Wie auch immer, hast du das Gold dabei? Gut, du kannst mich bezahlen sobald du dir die Geschichte angehört hast, und jetzt folgt mir.“ Danach verfiel die kleine Gruppe in Schweigen. Sie waren gerade eine halbe Stunde unterwegs als der Matrose anhielt und einen Dolch zückte.
      „Hier ist es, irgendwas stimmt aber nicht.“ Ich denke der größte Hinweis dafür war die aufgebrochene Tür des Hauses vor dem wir stehen geblieben waren. Eventuell auch noch die Blutspritzer an eben jener, aber vielleicht waren es auch nur die übernatürlichen Sinne unseres Reiseführers. Kyon zog sofort sein Schwert und Yuki... nun, Yuki sah weiter desinteressiert nach vorne. Als die drei sich der Tür näherten stürmten fünf Gestalten aus dem Haus. Sie alle waren in schwarz gekleidet und trugen eine Maske die ein wenig an einen Vogelkopf erinnerte. Jedoch nicht an einen Vogel den Kyon jemals gesehen hatte. Alle waren mit zwei Kurzschwertern bewaffnet und sie verloren keine Zeit. Bevor irgendwer reagieren konnte durchbohrte einer der Maskierten die Brust des Matrosen. Drei weitere stürmten auf Kyon zu, der letzte griff Yuki an.
      „Vorsicht.“ kam es von Yuki während sie blitzschnell zur Seite sprang und sich vor Kyon aufbaute. Nun, so gut wie sie es konnte wenn man bedachte dass Kyon einen Kopf größer war. Dieser dachte sich dass er auch etwas tun müsste und ging auf den verbliebenen, einzelnen Gegner los. Trotz seines langen Trainings schaffte Kyon es nicht wirklich einen Vorteil im Kampf gegen diesen Gegner zu erringen, sein größter Erfolg blieb dass er nicht sofort gestorben war. Jeder seiner Schläge wurde von seinem Gegenüber blockiert. Währenddessen murmelte Yuki wieder etwas in ihrer seltsamen Sprache, keine Sekunde später zuckten dutzende Metallspieße durch die Körper ihrer Angreifer und ließen diese zu Boden fallen. Plötzlich griff sich Kyons Gegner an die Kehle und brach zusammen. Ein Wurfmesser steckte in seinem Hals und als Kyon sich verwirrt umsah bemerkte er dass der letzte Feind bereits tot war. Hinter Kyon standen Anduin Linda, eine Frau und zwei Männer, höchstwahrscheinlich alle von der Gilde.
      „Das war knapp, was Kyon?“ meinte Anduin und lächelte ihn an.
      „Anduin? Was machst du denn hier?“
      „Das selbe könnte ich dich fragen. Ich mache hier nur meinen Job. Und du?“
      „Ich war eigentlich hier um mit...Augenblick, dein Job? Ich dachte du arbeitest im Gasthaus deines Vaters.“
      „Habe ich nie behauptet. Ich habe mal erwähnt dass ich irgendwann sein Geschäft übernehmen werde, bis dahin arbeite ich für die Gilde und jage abtrünnige Angestellte. Und jetzt erkläre mir, was machst du hier?“ Es dauerte eine gute halbe Stunde bis Kyon alles erklärt hatte. Er hätte gedacht dass es länger dauern würde zu erklären wie Yuki die Gegner getötet hatte, allerdings schien Anduin es für irgendeinen Trick oder eine ausgeklügelte Falle zu halten. Sollte er das ruhig glauben, Kyon würde ihn gewiss nicht davon überzeugen wollen dass es Magie war.
      „Interessant. Wie du dir bestimmt schon denken kannst sind diese Typen hier abtrünnige Gildenmitglieder. Sie haben uns den Rücken gekehrt und sind mit einem großen Teil Gold abgehauen, sowie einigen Gildengeheimnissen. Daher machen wir Jagd auf sie. Es ist allerdings wirklich interessant dass sie scheinbar an der Überlebenden von Linistien interessiert waren. Ich werde mal gucken ob ich was genaueres herausfinden kann, wenn ich es schaffe lasse ich es dich wissen. Man sieht sich, Kyon!“ und mit diesen Worten ließen Anduin und seine Begleiter Yuki und Kyon zurück. Dieser wandte sich an die Deadlierin.
      „Yuki?“
      „Hm?“
      „Danke dass du mich gerettet hast.“
      „Kein Problem.“
      „Ich weiß was, komm mit. Ich muss dir was zeigen.“
      „In Ordnung.“


      Ach ja, immer wieder eine Freude mit ihr zu reden. Den Rest des Tages habe ich mit Yuki in der Bibliothek der Lindas verbracht. Diese hatten in ihrer Hauptvilla eine recht ordentliche Sammlung an Büchern und da ich mit Anduin befreundet war wurden wir sogar reingelassen. Yuki hatte nach einer Weile vier Bücher gefunden die ihr gefielen, daher habe ich diese den Lindas einfach abgekauft. Es hat zwar einiges gekostet aber mein Leben ist ja wohl auch wertvoll! Gut, ich kenne da jemanden der das vielleicht anders sieht. Yuki und ich haben beschlossen nicht die ganze Wahrheit zu sagen wenn es um den Überfall vom Morgen ging. Yuki weil sie nicht wollte dass Haruhi unbewusst ihre Göttlichen Kräfte benutzt, ich weil... gut, vielleicht wollte ich es einfach auch nicht riskieren. Ich meine, ich habe gesehen wie drei Männer von Spießen durchlöchert wurden die aus dem Nichts kamen! Ein klein wenig darf man da wohl doch an Magie glauben, oder? Wo ich gerade von Haruhi sprach, ratet mal wer schon auf uns wartete als wir Abends zum Gasthaus zurückkehrten...

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      Ihr seht richtig! Ich habe es endlich geschafft mal nicht unendlich faul und demotiviert zu sein und habe das neue Kapitel zu dieser Geschichte geschrieben! Ein Hoch auf mich! Dieses mal ohne Bilder weil mir alle passenden Bilder ausgegangen sind. Dafür gibt es dann in Vanidars nächstem Kapitel umso mehr Bilder!
    • 17. M-m-m-m-m-m-m


      2105. J.d.S. die vier Republiken, Republik Linistien, Nurc

      Kyon blinzelte verschlafen. Unentschlossen stand er in der Tür des Gasthauses und betrachtete die aufziehenden schwarzen Wolkenberge am Himmel. Das Wetter heute ließ sich mit einem einzigen einfachen Wort beschreiben, scheiße. Eiskalter Wind schlug Kyon entgegen und sofort trat er ein paar Schritte zurück, um wieder in die schützende Wärme des Hauses zu fliehen, aber es gab kein Entkommen. Schlanke Hände packten ihn von hinten an den Schultern und drückten ihn energisch vorwärts, nach draußen in die wohl unfreundlichste Stadt des Landes.
      „Steh hier nicht rum wie angewachsen, Kyon! Du blockierst den Ausgang.“ fuhr ihn Haruhi an, während sie sich energisch an ihm vorbei drückte und ohne zu zögern nach draußen rannte.
      „Irgendwie habe ich das Gefühl, dass das der schlimmste Tag meines Lebens wird.“ brummte Kyon ungehalten vor sich hin, bevor er sich daran machte der stürmischen Silberblatt nach draußen zu folgen. Heute war er also dran mit leiden, alle anderen aus ihrer kleinen Gruppe mussten in den letzten Tagen bereits mit ihr Nurc nach angeblichen Kultisten und eingebildeten Dämonen durchsuchen. Ausgerechnet heute musste der Wind von Norden her wehen und die eisige Kälte der Eisenberge mitbringen, zusätzlich zu dem aufziehenden Gewitter natürlich. Jeden anderen hätte Kyon sicher ohne Probleme überzeugen können im Gasthaus zu bleiben und es sich im Warmen gemütlich zu machen, aber Haruhi scherte sich nicht um solche Kleinigkeiten wie das Wetter oder Attentäter die durch die Straßen zogen oder verrückte Magier oder was auch immer sonst noch dort draußen lauern mochte. Die letzten Wochen hatten ihm gezeigt dass er immer mit dem Schlimmsten rechnen musste, er musste vorsichtig sein, musste jedes noch so kleine Detail beachten, musste...Kyon wurde unsanft aus seinen düsteren Gedanken gerissen, als Haruhi ihn am Arm packte und versuchte vorwärts zu ziehen. „Hey, Kyon! Wach endlich auf, wir wollen los. Beweg dich.“
      Mit einem letzten, fast schon verzweifelten, Seufzer setzte er sich in Bewegung. Zuerst merkte er es gar nicht aber während er neben der aufgeregten Haruhi herlief hatte er das ungute Gefühl beobachtet zu werden. Langsam, und in dem Versuch möglichst keine potentiellen Verfolger zu alarmieren, sah Kyon sich um.
      „Was macht ihr denn alle hier?“ fragte er verwirrt, hinter ihnen marschierten die restlichen zwei Ritter von Haruhis Leibwache, dieser Bulldoz und einige seiner angeheuerten Möchtegernleibwachen/Schurken. Als sie sahen dass er sie bemerkt hatte, versuchten sie sich unauffällig an die Menschen auf der Straße anzupassen, was ihnen nicht besonders gut gelang. Alleine die Ritter waren schon auffällig genug und Bulldoz würde mit seiner gewaltigen Masse aus jeder Menschenmenge hervorstechen.
      „Ach ja, das ist natürlich meine Leibwache. Anfangs fand ich sie noch lästig, aber manchmal können sie recht nützlich sein.“
      „Zum Beispiel?“ fragte Kyon verwirrt nach, erregten sie damit nicht nur unnötig viel Aufmerksamkeit?
      „Falls jemand nicht mit mir reden will können sie ihm Angst einjagen und falls einer dieser Kultisten wegläuft können sie ihn wieder einfangen. Alles in allem ist es besser ein paar starke Schwertarme dabei zu haben wenn man bei der Informationsbeschaffung etwas, nunja grober vorgehen möchte.“
      „Wichtigere Frage...warum durfte Lady Asahina nie ihre Leibwachen mitnehmen wenn sie durch die Stadt ziehen musste?“
      „Mikuru kann gut auf sich aufpassen, außerdem ist sie so unglaublich süß. Es wird ihr leichter fallen Informationen mit einem Lächeln und einem Augenaufschlag zu sammeln, ein Dutzend grimmiger Leibwächter würde dabei nur stören.“
      „Aber...ach was solls.“ gab Kyon auf, es brachte eh nichts mit ihr zu diskutieren, immerhin war Koizumi bei Asahina, der junge Silberblatt war vielleicht undurchschaubar und manchmal kalt wie Eis aber er würde sicher auf sie aufpassen. Außerdem war die letzten Tage auch nichts schlimmes passiert, also was sollte schon schiefgehen?
      Das darf man übrigens niemals niemals niemals sagen oder auch nur denken. „Wo gehen wir überhaupt hin?“
      Sie befanden sich schon wieder in einer Gegend der Stadt welche Kyon lieber gemieden hätte, andererseits gab es kaum einen Ort in Nurc der besonders einladend oder sicher war. Ob er hier von irgendeinem verrückten Lehrling der Gilde abgestochen wurde oder am anderen Ende der Stadt machte wohl keinen großen Unterschied.
      „Genau hieher.“ erwiderte sie breit grinsend und verschwand durch eine Tür in einem der Gebäude am Straßenrand. Da er keine große Wahl hatte folgte Kyon ihr, die Leibwache bewachte inzwischen „unauffällig“ den Eingang. Schon wieder standen sie mitten in einer schäbigen Taverne, gab es in den Republiken auch noch andere Gebäude als schäbige Tavernen? Vermutlich nicht. Allerdings war diese hier deutlich besser besucht als die letzte Taverne.
      „Ich hoffe du bist nicht hier um zu trinken oder Streit anzufangen...oder beides.“
      „Mach dich nicht lächerlich, wir haben wichtigeres zu tun.“ Haruhi sprang wie verrückt am Eingang herum, sie schien nach jemandem zu suchen und anscheinend fand sie ihn nach einer Weile auch, denn sie winkte eindeutig jemandem zu. Ein älterer Mann mit bereits ergrauten Haaren und Dreitagebart schob sich durch die anderen Gäste durch und baute sich missgelaunt vor ihnen auf „Hier und jetzt lass mich in Frieden.“ mehr sagte er nicht, als er Haruhi einen Pergamentfetzen überreichte. Kyon versuchte einen Blick darauf zu werfen. Man hätte das ganze vielleicht als sehr sehr schlampig gezeichnete Karte bezeichnen können, vielleicht war es aber auch nur das Gekritzel eines Dreijährigen. Oben rechts, direkt am Kartenrand befand sich ein seltsames Symbol, welches Kyon nicht zuordnen konnte. Es war für ihn ein genauso großes Rätsel wie die seltsamen Striche darauf, dabei war er eigentlich gar nicht so schlecht im lesen von Karten.



      „Was ist das für ein Zeichen? So etwas habe ich noch nie gesehen.“
      „Ist doch egal, Hauptsache wir haben es endlich!“ Haruhi drückte die Karte fest an sich und ließ Kyon keine Zeit einen genaueren Blick darauf zu werfen.
      „Und was genau ist `es´? Sieht für mich aus wie ein wertloser Fetzen Pergament, vielleicht etwas dreckig und es stinkt.“
      „Das sind mein Blut, Schweiß und meine Tränen die ich vergossen habe während diese Verrückte mich bedroht hat.“ erwiderte der Mann ungehalten „Und jetzt entschuldigt mich, aber ich will nichts mehr mit diesem Mädchen zu tun haben, ich hoffe sie bricht sich in den Eisenbergen den Hals.“ Mit diesen mürrischen letzten Worten verschwand der Mann wieder im Gewirr der Taverne und war bald im Gedränge verschwunden.
      „Seltsamer Kerl, was meinte er mit bedroht und was ist das für eine Karte?“
      „Du stellst wirklich viel zu viele dumme Fragen, weißt du das eigentlich?“ seufzte Haruhi.
      „Ja, aber trotzdem hätte ich gerne eine Antwort.“
      „Meinetwegen, langsam gewöhne ich mich daran dass man dir immer alles dreimal erklären muss.“ sie hielt ihm den Fetzen stolz unter die Nase, bevor er wirklich etwas erkennen konnte zog sie ihre Hand auch schon wieder hastig zurück, anscheinend hatte sie Angst er würde ihr diese blöde Karte stehlen „Das hier ist eine Karte zu einer gewaltigen Silberader mitten in den Eisenbergen.“
      „Natürlich, und ich bin in Wahrheit Yuki, du erkennst mich nur nicht weil ich mich mithilfe von Magie verwandelt habe, Abrakadabra Krötenlaich und Froschgehirn hex hex.“
      „Es gibt keinen Grund meine Worte ins Lächerliche zu ziehen! Ich habe mich gestern den ganzen Tag mit diesem Mann unterhalten. Er stammt aus den Eisenbergen und ist dort ausversehen in einer gewaltigen Höhle ganz aus Silber gelandet, das ist nicht nur eine Silberader, das ist der ultimative Schatz. Sein Wissen über diesen Ort wollte er hier in Nurc verkaufen, ich bin sicher er sucht jetzt gerade nach irgendeinem Adligen mit zu viel Freizeit dem er ebenfalls eine Karte andrehen kann. Wir müssen uns beeilen, so etwas bleibt sicher nicht lange geheim und ich will als Erste dort sein.“
      „Ah ja, das klingt absolut...schwachsinnig.“ als Haruhi ihn anfunkelte fügte er hastig hinzu „Ähm ich meinte natürlich, wie toll, fantastisch. Aber wieso hat er dir diese Karte gegeben? Du hast immerhin kaum Geld oder hast du schon wieder jemandem das ganze Vermögen der Mimir versprochen?“
      „Als ich gestern mit Mikuru hier war hat er sie belästigt und als Wiedergutmachung schenkt er mir diese großartige Karte. Ist das nicht freundlich von ihm? Siehst du das? Dort ist eine Gegend in den südlichen Eisenbergen eingezeichnet, angeblich werden wir dort das Silber finden. Außerdem will ich sowieso in die Eisenberge, ich habe Gerüchte und Legenden über ein Monster in den Bergen gehört. Eine schreckliche Bestie, der selbst die Männer der Gilde nicht gewachsen sind.“
      „M-moment, er hat Asahina belästigt?“ hakte Kyon nach, Bestie und Silber waren ihm gerade vollkommen egal.
      „Ja, das sagte ich doch gerade oder? Hör mir besser zu, dann musst du nicht immer dämliche Fragen stellen.“
      „Wir lassen ihn einfach so gehen!? Er hat die Ehre einer der größten Familien in den Republiken beleidigt und Lady Asahina! Na warte, gleich gibt es Ärger du mieser...“ Kyon wollte sich bereits umdrehen und zurück zur Taverne stürmen um diesem lüsternen, alten Mistkerl eine Abreibung zu verpassen. Bevor er weit kommen konnte hielt Haruhi ihn mal wieder am Arm fest, sie war erstaunlich stark für so eine Nervensäge.
      „Ach beruhig dich, er hat es ja nicht mit Absicht getan. Um ehrlich zu sein habe ich da vielleicht sogar ein klein wenig nachgeholfen.“ sagte sie leichthin und ging weiter die Straße hinunter.
      „Was meinst du damit?“ fragte er scharf nach und versperrte ihr den Weg. Lady Asahina hatte nach ihrem Tag mit Haruhi zumindest nach Außen hin recht ruhig gewirkt, also konnte es wenigstens nichts schlimmes gewesen sein. Trotzdem, irgendwann würde dieses Mädchen ihn noch in den Wahnsinn treiben mit ihren seltsamen Aktionen.
      „Naja, der Mann war sehr sehr uneinsichtig und ich wollte ihn nicht verprügeln, dadurch hätte ich nur Aufmerksamkeit erregt und deine arme, unschuldige Mikuru vielleicht in Gefahr gebracht. Stell dir nur vor sie wäre in eine ausgewachsene Kneipenschlägerei geraten, am Ende hättest du mir wieder die Schuld dafür gegeben.“ antwortete sie scheinheilig und frei von jeglichen Schuldgefühlen.
      „Tu nicht so als würde es dich interessieren was mit ihr passiert.“
      „Na schön, ich dachte einfach Mikuru zu benutzen wäre der schnellste und leichteste Weg um zu bekommen was ich wollte. Damit lag ich auch richtig.“
      „Also hast du was getan...? Sprich ruhig weiter, ich bin ganz gelassen.“ wie um seine Worte Lügen zu strafen wanderte Kyons Hand an den Griff seines Schwertes und er funkelte sie finster an.
      Eine Weile starrte sie nur wütend zurück, bevor sie schicksalsergeben seufzte und sich doch noch dazu herabließ ihm zu antworten „Also gut. Während ich versuchte ihn zu überreden, merkte ich dass er nicht nachgeben würde. Egal was ich versuchte, er wollte mir das Geheimnis der Eisenberge nicht verraten. Also habe ich Mikuru zu mir herangezogen und dann die Hand des Mannes gepackt und damit Mikurus Br...oh sieh nur es fängt an zu regnen. Ich liebe Regen. Wurde auch Zeit dass dieser furchtbare Sommer endlich ein Ende findet, die restliche Reise wird viel angenehmer sein ohne diesen ständigen Sonnenschein. Hoffentlich ist es nicht wieder nur so ein kurzer Schauer wie Vorgestern.“ tatsächlich begann es bereits leicht zu tröpfeln, aber das war Kyon im Moment ziemlich egal.
      „Lenke nicht vom Thema ab! Du kannst nicht einfach Lady Asahina, die Erbin der Mimir, missbrauchen um an so einen wertlosen Fetzen zu kommen!“
      „Aber es geht um Silber! Da ist jedes noch so große Opfer gerechtfertigt! Ich hätte eine ganze Armee von Mikurus in den sicheren Untergang geschickt, nur um an diese wundervolle Karte zu kommen.“ es fiel selbst Kyon schwer seine Wut aufrecht zu erhalten solange Haruhi vor Freude strahlte und das Stück Pergament wie einen kostbaren Schatz an sich drückte. Man konnte über sie sagen was man wollte, aber sie hatte eine Art die andere Leute einfach mitriss, ganz egal wie dumm ihre Ideen und Pläne auch sein mochten irgendwie schaffte sie es dann doch andere dafür zu begeistern. „Jedenfalls, als ich dem Mann daraufhin erklärte wer wir waren und dass die Mimir sicher eine ganze Meute Attentäter von der Gilde anheuern würden, nur um Mikurus Ehre wiederherzustellen, wurde er einsichtiger. Meine Ritter und Bulldoz Männer haben ihm auch ganz schön Angst eingejagt und er versprach mir bis zum nächsten Tag eine Karte von der Position des Silbers zu zeichnen. Zum Glück hat er sein Wort gehalten, ansonsten müsste ich ihn bis ans Ende der Welt jagen.“
      „Silber hin oder her, du kannst sie nicht die ganze Zeit wie ein Spielzeug behandeln.“ wie lange musste er sich diesen Unsinn eigentlich noch gefallen lassen?
      „S-I-L-B-E-R.“ sie sprach so langsam wie irgend möglich und betonte jeden Buchstaben als würde sie ihm gerade den Sinn des Lebens oder sämtliche Geheimnisse der Welt erklären „Bisher hat noch niemand welches auf dieser Insel gefunden! Vanidarien wäre das reichste Fürstentum im ganzen Königreich. Ich bin sicher Mikurus Familie wird das Silber für uns abbauen und nach Vanidos schicken, kostenlos und mit einem fröhlichen Lächeln auf den Lippen natürlich. Immerhin ist Silber göttlich und wo wäre es besser aufgeben als in den Händen der silbernen Gottkönigin des silbernen Nordens im silbernen Vanidos mit seinen silbernen Rittern in ihren silbernen Rüstungen und silbernen Mauern und silbernen Blättern und Silber Silber Silber.“
      „Ist Vanidos nicht eher grau und trist als silbern?“ fragte Kyon nachdenklich, bevor er weiter darüber nachdenken konnte, merkte selbst er dass Haruhi gerade nur versuchte ihn mit einem schier endlosen Schwall aus vollkommen sinnlosen Worten einzulullen „Moment, darum geht es gar nicht! Warum sollten die Mimir oder irgendeine andere Familie in den Republiken euch dabei helfen unser Silber zu stehlen?“
      „Hast du mir nicht zugehört? Silber gehört den Silberblättern, wenn wir Gold finden könnt ihr das gerne haben. Aber du brauchst keine Angst zu haben dass ihr kleinen Republikaner leer ausgeht, wenn wir das Monster und das Silber finden, dürfen die Mimir natürlich ihren Anteil daran behalten. Zum Beispiel den linken Arm des Monsters oder ein paar von seinen Klauen, klingt das nicht großartig?“
      „Und wenn wir nur das Silber finden?“ Kyon fand dass er erstaunlich gelassen blieb, immerhin sprach Haruhi gerade davon die Republiken zu bestehlen. Anderseits war es unwahrscheinlich überhaupt auf dieses angebliche Silber zu stoßen, die Eisenberge hatte man schon seit langem gründlich erkundet, eine gewaltige Höhle voller Silber wäre sicher niemandem entgangen.
      „Dann schenken wir den Mimir und den Republiken für das Silber unsere aufrichtige Dankbarkeit.“ Haruhi deutete eine nicht ernstgemeinte Verbeugung an.
      „Die will niemand haben!“ fuhr Kyon sie an, Haruhi machte sich über ihn lustig, sie schien keinen einzigen Gedanken daran zu verschwenden dieses mysteriöse Silber mit irgendwem zu teilen. Vielleicht war es wirklich am besten dieses Thema vorerst ruhen zu lassen und einfach davon auszugehen dass sie sowieso niemals irgendwelche Schätze entdecken würden und erst recht keine Monster. Wahrscheinlicher war dass sie alle beim klettern in den Eisenbergen unter Haruhis Führung draufgingen. „Also willst du nicht länger in Nurc bleiben?“
      „Mhm es ist hier nicht so aufregend wie ich es mir vorgestellt habe.“ sie legte nachdenklich den Zeigefinger an ihren Mund und schien zu überlegen ob es sich lohnte noch mehr Zeit in Nurc zu verschwenden und zum erstenmal seit sie sich kannten waren Haruhi und Kyon mal einer Meinung „Es hat niemand versucht uns umzubringen und zur Gilde lässt man keine Besucher durch. Ich hatte eigentlich fest mit einem spannend Kampf auf Leben und Tod zwischen uns und den Attentätern der Gilde gehofft, aber niemand scheint Lust zu haben uns zu töten...“
      „Wie furchtbar traurig.“ murmelte Kyon,
      „Ja das ist es...“ überging Haruhi seinen Sarkasmus voller Enttäuschung.
      Danach sprachen sie eine Zeitlang kaum noch miteinander, während Haruhi sie scheinbar planlos immer tiefer in die Stadt hineinführte. Inzwischen irrten sie irgendwo durch ein Gewirr aus schmalen Gassen. Sie befanden sich gerade in einer kleinen Seitenstraße, als aus dem leichten Regen ein richtiges Unwetter wurde. Der strömende Regen verwandelte die ungepflasterte Straße in einen kaum begehbaren Pfad aus Schlamm und Unrat. Jeder vernünftige Mensch war bei diesem Wetter Drinnen, nur sie liefen weiter und da Haruhi das Tempo vorgab kamen sie nicht sehr schnell voran. Kyon hatte angefangen zu zittern, er war bis auf die Knochen durchnässt. Wie lange würde Haruhi noch weitergehen, immer in der schwachen Hoffnung auf irgendetwas außergewöhnliches zu stoßen?
      „Vielleicht sollten wir uns langsam auf den Rückweg machen.“ versuchte er es vorsichtig.
      „Du wärst wirklich lieber an jedem anderen Ort als hier mit mir nicht wahr? Ich verstehe nicht warum, ist der Regen denn nicht wunderbar?“ fragte sie und blieb stehen, das Gesicht in den Himmel erhoben während der eiskalte Regen auf sie niederging. Alleine beim Anblick ihrer dünnen, vollkommen durchnässten Kleidung wurde ihm noch kälter, wie hielt sie das ohne Probleme aus? Sie zitterte nicht einmal leicht. „Willst du eigentlich wissen warum ich Mikuru zu meiner Reiseführerin gemacht habe und euch beide mitschleppe?“
      „Weil sie niedlich ist?“
      „Auch. Du musst wissen, diese Reise ist sehr wichtig für mich, nein nicht nur für mich, auch für meine Heimat. Aber nur mit Koizumi und den Rittern hätte ich es nicht ausgehalten, ich brauchte Reisegefährten die nicht wissen wer oder was ich bin. Mikurus unschuldige Art war genau das was ich gesucht habe. Aber ich habe mich in ihr getäuscht.“ sie legte eine kurze Pause ein und schien nachzudenken wie sie es am besten ausdrücken sollte „Auch in ihren Augen kann ich es inzwischen erkennen. Sie betrachtet mich genau wie die anderen, wie diese Yuki die du aufgesammelt hast und Koizumi. Fast so als wäre ich ein gefährliches Tier, eher ein Monster, als könnte ich jeden Augenblick mit einer einzigen falschen Handbewegung die ganze Welt auslöschen. Es sind diese Blicke die ich nicht mehr ertragen kann, sie warten darauf das etwas passiert und ich komme einfach nicht drauf was es ist. Aber was immer es ist, sie haben Angst davor und vor mir.“
      „Und, was siehst du in meinen Augen?“ er hätte nicht gedacht dass sie hinter ihrer Fassade tatsächlich so viel mitbekam, vielleicht war sie doch nicht so dumm wie er dachte. Nein, daran dass sie dumm war glaubte er schon lange nicht mehr, sie musste einen Grund für ihr Verhalten haben.
      „Sag du es mir.“
      „Ich würde sagen ich bin einfach nur genervt. Außerdem ist es hier einfach nur nass, kalt und unangenehm. Wir verschwenden mit dieser Suche nur unsere Zeit, um genauer zu sein ist die gesamte Reise eine einzige große Zeitverschwendung. Wir werden hier niemals Dämonenkulte oder Monster finden, weil es so etwas nicht gibt. Wir holen uns höchstens den Tod. Lass uns zurückgehen.“
      „Weißt du was?“ begann sie leise und noch immer ohne ihn anzusehen „Mir reichts. Wenn du und Asahina zurück nach Benjii wollt, dann nur zu.“
      „Wo willst du hin?“ fragte Kyon verwirrt nach als sie sich einfach umdrehte und daran machte davon zueilen.
      Sie ignorierte seine Worte und wandte sich stattdessen im Vorbeigehen an Bulldoz „Ihr bleibt hier, sucht mit diesem Idioten weiter, wenn nötig den ganzen Tag. Ich gehe zurück zum Gasthaus.“
      „Wisst Ihr überhaupt wo wir sind Herrin? Das Gasthaus ist fast am anderen Ende Stadt.“ versuchte Bulldoz halbherzig sie aufzuhalten als sie an ihm vorbeikam.
      „Ich finde den Weg alleine.“ war alles was sie dazu sagte, dann war sie auch schon hinter der dichten Wand aus Regentropfen verschwunden.
      „Solltest du ihr nicht nach und sie beschützen?“ wandte Kyon sich an den, angeblich, ehemaligen Verbrecher.
      „Sie hat gesagt ich soll hierbleiben.“ antwortete Bulldoz langsam.
      „Du bist ihr Leibwächter, ist es dir egal wenn sie alleine durch die gefährlichste Stadt der Republiken rennt?“
      „Sie hat gesagt ich soll hierbleiben.“
      „Schon, aber hat der Vizekönig nicht ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt? Wir sind hier in einer Stadt voller Attentäter, außerdem kennt sie sich nicht aus.“
      „Sie hat gesagt ich soll hierbleiben.“
      „Na schön, meinetwegen, macht doch alle was ihr wollt.“ murrte Kyon genervt, Haruhi war vermutlich nur abgehauen um aus dem Regen rauszukommen und nicht länger durch die verschlammten Straßen irren zu müssen.
      „Sie hat gesagt ich soll hierbleiben.“
      „Ja! Ich habe es verstanden!“
      „Sie hat gesagt ich soll hierbleiben.“
      „Machst du dich über mich lustig?“
      „Ja, wie fühlt sich das an?“ fragte der große Leibwächter mit einem angedeuteten Lächeln, er war irgendwie seltsam seit er auf Haruhi gestoßen war. Gut, Kyon konnte nicht unbedingt behaupten dass sie sich vorher gekannt hatten, aber er kannte Geschichten über diesen Mann. Er war für seine Brutalität und Launenhaftigkeit berühmt gewesen, aber gegenüber Haruhi verhielt er sich zahmer und treuer als der dümmste Hund.
      „Ich bin von Verrückten und Idioten umgeben.“ murmelte Kyon verdrossen, andererseits ging ihm Haruhis Gesichtsausdruck nicht aus dem Kopf, er hatte sie gelangweilt erlebt aber noch nie wirklich bedrückt.
      „Du weißt gar nicht wie richtig du damit liegst, Kleiner.“ aus den Schatten der angrenzenden Gassen schälte sich eine hagere, vermummte Gestalt in einem dunklen Umhang hervor. Immer mehr von seiner Sorte tauchten um die kleine Gruppe herum wie aus dem Nichts auf „Zumindest was die Verrückten angeht.“



      Ein Wurfmesser bohrte sich in Bulldoz massige Schulter und weitere Geschosse gingen zwischen seinen Männern nieder. „Die Gilde!“ Ohne sich um die Wunde zu kümmern hob er seine Kriegskeule und rannte den Angreifern entgegen. Innerhalb eines Augenaufschlags verwandelte sich die schlammige Straße in ein blutiges Schlachtfeld, als inzwischen ein gutes Dutzend dieser Gestalten angriff.
      „Junger Herr!“ einer der Ritter und packte ihn mit seinen schweren Panzerhandschuhen unsanft an der Schulter und zog ihn von Bulldoz Männern weg „Wir müssen hier weg!“
      „Aber Bulldoz...“ begehrte Kyon auf.
      „Der kommt schon zurecht. Meine Herrin hat mir befohlen auf Euch aufzupassen. Bitte folgt mir, im Kampf gegen die Gilde seid Ihr nur im Weg.“
      Kyon schluckte eine Erwiderung herunter, das war vielleicht nicht der perfekte Zeitpunkt für falschen Heldenmut. Die Männer der Gilde waren kaltherzige Schlächter, wenn jemand eine Chance gegen sie hatte dann anderer Abschaum und man konnte über Bulldoz und seine Männer sicher viel schlechtes sagen, aber darin Abschaum zu sein waren sie wirklich gut. Kyon folgte dem Ritter durch die verschlammten Straßen und hatte schon nach kurzer Zeit die Orientierung verloren. Endlich hielten sie vor einem einfachen Lagerhaus nahe des Hafenviertels. „Schnell, wir wissen nicht ob sie uns noch immer verfolgen, hier sind wir denke ich sicher bis der Aufruhr sich wieder gelegt hat.“ Der Ritter öffnete ihm die Tür zu dem Lagerhaus. Kaum war Kyon eingetreten, als auch schon die Tür hinter ihm zufiel. Er versuchte sie wieder öffnen, aber als er merkte dass der Ritter sie irgendwie verriegelt haben musste begann er wutentbrannt dagegen zu hämmern.
      „Hey! Was soll der Unsinn?“
      „Er war mir noch einen Gefallen schuldig.“ Kyon fuhr erschrocken herum. Zwischen den gestapelten Kisten, nicht weit von ihm entfernt, stand ein junger Mann mit silbernen Haaren. Durch die Fenster nahe der Decke fiel gerade genug Licht herein um ihn halbwegs zu sehen. Er hatte ein breites Schwert geschultert und rote Augen funkelten Kyon bedrohlich an. „Wir haben zusammen in den Sümpfen Nordmars gekämpft.“
      „Was...?“ Kyon zog sein eigenes Schwert, welches ihm plötzlich lächerlich klein vorkam. War das ein Silberblatt? Er sah nicht so aus wie die Vanidaren die Kyon bisher gesehen hatte. Das Rot seiner Augen leuchtete kraftvoller und sein Haar wirkte heller. Er sah genauso aus wie man sich die geisterhaften Krieger aus dem Norden vorstellen würde.
      „Hier haben wir alle Zeit der Welt, um uns einmal in Ruhe über dein Verhalten zu unterhalten, Kyon. Kyon...was für ein hässlicher Name, ihr habt in den Republiken wirklich keinerlei Sinn für Ästhetik und wahre Perfektion, vor allem du.“ langsam kam er ein paar Schritte näher, ohne sich von Kyons Waffe im geringsten beeindrucken zu lassen.
      „Wer um alles in der Welt bist du?“ fragte Kyon, verwirrt wanderte sein Blick zu einer Kiste, dort hockte ein Küken und zwitscherte fröhlich vor sich hin, vollkommen unpassend zur eigentlichen Dramatik der Situation „Und warum sitzt dort ein Vogel?“
      „Erkennst du wenigstens mich wieder?“ erklang eine Mädchenstimme von rechts. Als hätte er diese Stimme jemals vergessen können, so voller übertriebener Freundlichkeit und doch lief es ihm kalt den Rücken herunter als er sie hörte. Hinter einem Kistenstapel trat das verrückte Mädchen mit den langen, blauen Haaren hervor das versucht hatte ihn in Guerilla umzubringen. „Oh gut, die Furcht in deinen Augen zeigt dass du dich erinnerst. Ich hoffe diesesmal unterbricht niemand unsere gemeinsame Zeit. Ich habe vor das hier zu genießen, niemand entkommt mir, das kann ich einfach nicht auf mir sitzen lassen.“
      „Hat der Vizekönig euch angeheuert um bei der Vernichtung von Haruhis Leibwache zu helfen?“ Ein anderer Grund für diesen seltsamen Angriff fiel ihm spontan nicht ein. Sie mussten hinter Haruhi her sein, aber warum hatten sie dann ausgerechnet ihn in eine Falle gelockt? Fragen die er sich vielleicht nicht gerade jetzt stellen musste, wichtiger war diese Situation zu überleben. Er konnte zwar nicht sagen wie gut dieser Weißhaarige kämpfen konnte, aber die Mörderin war stärker und schneller als sie aussah, so viel wusste er noch von ihrem kurzen Kampf in Guerilla.
      „Haruhi? Ich könnte ihr niemals etwas antun, wie sollte ich auch?“ plötzlich wurde sein eben noch harter Gesichtsausdruck ganz verträumt „Wir sind hier um sie zu beschützen, meine Göttin, meine einzige Lichtgestalt, mein einsamer Stern am weit entfernten Nachthim...“
      „Aber warum greift ihr dann ihre Leibwache an?“ das ganze ergab keinerlei Sinn.
      „Unterbrich mich nicht!“ fuhr ihn Roger unwirsch an „Und es ist natürlich wegen dir. Du bist schuldig eine Göttin beleidigt zu haben, du hast die Ehre der Silberblätter und der Matriarchinnen beschmutzt mit deinem unangemessenen Verhalten. Abschaum wie dir sollte es nicht einmal erlaubt sein eine Göttin anzusehen, geschweige denn mit ihr zu reden.“
      „Mir ist einfach nur langweilig.“ fügte Asakura schulterzuckend hinzu. Als sie sah dass der Silberblatt sich bereit machte anzugreifen wurde sie plötzlich unruhig „Warte, was soll das werden Roger?“
      „Ich töte ihn? Das war immerhin unser Plan, oder hast du das vergessen? Vielleicht solltest du weniger oft deinen seltsamen Stimmen zuhören, dann bekommst du mehr mit.“
      „Wenn ihn jemand tötet dann bin ich das. Du kannst zusehen, aber es wird mein Dolch sein der sein Leben beendet.“
      „Warum? Es war mein Ritter der ihn hierhergebracht hat. Misch dich da nicht ein Asakura“
      „Und es sind meine Kollegen von der Gilde welche die Leibwache beschäftigen.“
      „Mag sein, aber im Gegensatz zu dir habe ich einen Grund ihn umzubringen. Er hat Haruhi beleidigt, schlecht behandelt und geht mir mit seiner Arroganz gewaltig auf den Geist.“ warum diskutierte er überhaupt mit ihr? Er war der einzige der das Recht hatte diesen Kyon zu vernichten.
      „Ich habe auch einen Grund ihn zu töten!“
      „Ach und welchen?“
      „Mir ist langweilig.“
      „Das ist kein guter Grund!“ begehrte Roger entnervt auf.
      „Muss ich dich erst umbringen?“ fragte sie freundlich nach „Du weißt das ich stärker und schneller bin als du.“
      „Träum weiter, du bist ziemlich arrogant nur weil ich dich bei unserem ersten Kampf freundlicherweise am Leben gelassen habe.
      „Du hast mich verschont? Ich bin sicher es war andersrum.“ erwiderte sie nachdenklich.
      „Das musst du dir eingebildet haben, frag doch deine Stimmen wenn du mir nicht glaubst.“
      „Ich warne dich, das ist meine Beute, misch dich da nicht ein Rotauge.“
      „Wer hat dir den Kampf mit dem Schwert beigebracht?“ wandte Roger sich plötzlich wieder an Kyon und beschloss das Mädchen vorerst zu ignorieren. Erst würde er diesen Kyon töten, mit Asakuras Rache würde er schon irgendwie fertig.
      „Aratarn von Benjii, aus dem Haus der Mimir.“ antwortete Kyon, auch wenn er noch immer vollkommen verwirrt war von dem Verhalten der Beiden. Vielleicht konnte er sie ja gegeneinander ausspielen? Sie schienen sich nicht besonders zu mögen und gaben keine guten Verbündeten ab.
      „Aratarn Silberblatt.“ er nickte zustimmend „Ein Verräter, aber ein großartiger Kämpfer. Zumindest habe ich das gehört, jetzt sitzt er ja nur noch herum und schwafelt in eurem Rat über sinnlosen Müll.“ er hatte kaum ausgeredet, als er auch schon ohne Vorwarnung vorwärts stürmte. Kyon hob gerade noch rechtzeitig sein Schwert und der schwere Zweihänder krachte dagegen. Sein ganzer Körper erzitterte unter dem Schlag und er taumelte benommen zurück. Reflexartig duckte Kyon sich unter einem seitwärts geführten Schlag weg und schwor sich im Stillen niemals wieder so dumm zu sein und einen Schlag dieses Monsters zu parieren. Leider konnte er seinen Schwur nicht halten, die Lagerhalle war mit Kisten vollgestopft und zu beengt um dem großen Schwert auf Dauer zu entgehen. Es dauerte nicht lange bis seine Waffe unter den wuchtigen Schlägen einfach zerbrach. Schnell zog er sich vor dem grinsenden Silberblatt zurück. Asakura war in der Zwischenzeit immer nähergekommen, sie wartete nur noch auf den richtigen Moment um zuzuschlagen und den tödlichen Streich selber zu landen. Als Kyon sich panisch nach einer Fluchtmöglichkeit oder wenigstens einer Ersatzwaffe umsah, erklang hinter ihm ein lautes Krachen. Die Tür flog aus den Angeln und raste an ihm vorbei durch die ganze Lagerhalle um dann an der gegenüberliegenden Wand zu zersplittern. Im Türrahmen stand Yuki, mit ausgestreckter Hand und ausdruckslosem Gesicht. Wie immer wirkte sie nur wie eine Puppe, eine unglaublich mächtige Puppe. Langsam, ohne ein erkennbares Zeichen von Eile, betrat sie die Lagerhalle und stellte sich schützend vor Kyon. Ihr folgte ein lächelnder Koizumi mit gezücktem Schwert und baute sich neben Yuki auf.
      „Was macht ihr denn hier?“
      „Magie.“ war alles was Yuki sagte, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Gegner konzentrierte.
      „Yuki hat mich mitgeschleift.“ Koizumis Lächeln verblasste als er den anderen Silberblatt sah „Wer bist du? Du siehst aus wie einer von uns, aber ich kenne dich nicht.“
      „Natürlich erkennst du mich nicht, Sohn des Herzogs.“ Roger schnaubte verächtlich „Du hast schließlich noch niemals in einer Schlacht gekämpft oder deine sichere Festung verlassen. In dir fließt nichts weiter als schwaches Blut, das Blut dieser Narren aus dem Süden. Deine Haare und Augen verraten jedem dass du niemals ein wahrer, reiner Silberblatt sein wirst, erbärmlicher Mischling.“
      „Wie ist dein Name? Sag ihn mir, damit ich deine Seele nach deinem Tod von der Matriarchin verfluchen lassen kann, Verräter.“
      „Roger Talien Silberblatt.“
      „Ich habe von dir gehört, und auch dass du es wagst den Namen meines heldenhaften Großvaters zu tragen. Damit entehrst du mich und meine ganze Familie.“ Koizumi umfasste sein Schwert fester und machte sich bereit jederzeit einen überraschenden Angriff abzuwehren „Dieser Republikaner hinter mir ist ein Freund der Silberblätter und ein Vertrauter Haruhis, unserer...“
      „Sieh dich nur an! Du siehst aus wie ein Jüngling aus dem Süden, du redest sogar wie sie. Du hast kein Recht dich ein Silberblatt zu nennen.“ Roger musste einfach anfangen zu lachen „Es wird kein Verlust für die Silberblätter sein dich auszuradieren.“



      „Beantworte mir nur eine Frage. Stimmen die Gerüchte? Bist du der Sohn des wahren Roger Talien Silberblatt, der Sohn meines Großvaters und der damaligen Matriarchin?“
      „Ja, in mir fließt das Blut der Silberblätter und der göttlichen Matriarchinnen. Nur ich bin auserwählt Haruhi vor den Dämonen dieser und jeder anderen Welt zu schützen.“ Wahnsinn leuchtete in den rubinroten Augen auf, er schien von seinen Worten voll und ganz überzeugt zu sein.
      „Ich verstehe.“ Koizumi hob sein Schwert und reckte die Spitze Roger entgegen „Ein Grund mehr dich zu vernichten und die Silberblätter von der Schande deiner Existenz zu befreien.“
      Die seltsamen Familienfehden der Silberblätter interessierten Kyon recht wenig, er verstand sowieso kein Wort davon. Aber es sah immerhin so aus als würde er doch nicht sterben. Der Dialog zwischen den anderen beiden Kontrahenten war dagegen ein klein wenig kürzer und lief deutlich weniger hitzig ab.
      „Kämpfen?“ fragte Yuki ausdruckslos.
      „Natürlich und diesmal wird es nicht so leicht für dich.“ Asakura zog einen unscheinbaren Dolch hervor. Aber Kyon hätte schwören können dass Yuki kurz blinzelte als sie sah wie kurz Blitze um die Schneide zuckten. Bei einem Mädchen das normalerweise die Mimik eines Steines besaß könnte man das fast schon als so etwas wie Furcht ansehen, aber nur fast, vielleicht freute sie sich auch auf den Kampf.
      „Moment!“ rief Kyon, auch wenn es ihm leidtat allen den Spaß zu verderben „Stopp! Niemand rührt sich von der Stelle!“
      „Was ist los republikanischer Abschaum? Angst dass deine niedliche, kleine Rettungstruppe verletzt wird?“ knurrte Roger ungeduldig, er wollte endlich kämpfen.
      „Nein, aber wenn ihr hier seid um mich zu töten und Yuki und Koizumi hier sind um mich zu retten...“ Kyon machte eine bedeutungsschwere Pause, die vermutlich nur dazu diente seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen und ansonsten keinerlei sinnvollen Zweck erfüllte „wer beschützt dann gerade Haruhi?“
      Roger blinzelte verwirrt und ließ tatsächlich langsam sein Schwert sinken „Wenn wir alle hier sind und Asakuras Attentäter die restliche Leibwache beschäftigt, dann bleiben nur noch...“
      „Die Soldaten des Königs.“ beendete Koizumi den Satz des anderen Silberblattes.
      ...
    • Asahina Mimir hatte sich noch nie so unwohl gefühlt, na gut das stimmte nicht ganz, im Grunde fühlte sie sich so seit ihrer ersten Begegnung mit Haruhi. Erst gestern hatte die seltsame Silberblatt sie benutzt um an irgendeine Karte zu kommen. Aber sie ertrug die aufdringliche und sprunghafte Art Haruhis, auch wenn sie selber nicht genau wusste wie. Im Moment befanden sie sich im wie ausgestorbenen Schankraum des Gasthauses und Haruhi versuchte sie gerade wieder zu irgendeinem Unsinn zu überreden. Koizumi hatte Asahina hier abgesetzt und sich dann so schnell er konnte mit Yuki auf den Weg gemacht, die Magie des ausdruckslosen und schweigsamen Mädchens musste etwas aufgeschnappt haben. Asahina machte sich Sorgen um Kyon, er schien sich noch immer zu weigern so vorsichtig wie möglich mit Haruhi umzugehen. Wenn er so weitermachte würde er in etwas hineingeraten das er nicht mehr kontrollieren konnte.
      „Glaub mir Mikuru, das funktioniert wirklich.“ redete Haruhi begeistert auf sie ein.
      „A-aber wie soll das gehen? Ich bin doch keine Magierin oder so.“
      „Ganz einfach. Also, du nimmst deine linke Hand und spreizt Zeigefinger und Mittelfinger voneinander ab.“ Haruhi hielt sich die Hand genauso vor das linke Auge „Dann musst du nur noch dein anderes Auge schließen und ganz laut `Mikuru Beam!` rufen. Das ist alles.“
      „Ich weiß nicht, das klingt so...gefährlich und vielleicht verletzt sich jemand.“
      „Ach Unsinn, du musst einfach nur aufpassen wohin du zielst.“
      „Ich glaube nicht dass ich über so eine Fähigkeit verfüge.“
      „Das macht nichts, ich glaube für dich daran.“ erwiderte Haruhi vollkommen von sich und ihren eigenen Worten überzeugt.
      Asahina lief es eiskalt den Rücken runter, im Gegensatz zu Kyon wusste sie das man jedes Wort von Haruhi fürchten musste, vor allem wenn es um solche Dinge ging. Auch wenn es seltsam und vollkommen absurd klang, aber sie selbst hatte sich vor Haruhi gewarnt. Kurz vor Haruhis Ankunft in Benjii hatten sie sich zum erstenmal getroffen, ihr älteres Ich aus der Zukunft. Seit diesem Zeitpunkt glaubte sie bereitwillig an Magie und auch daran dass Haruhi gefährlich war, oder zumindest ihre Fähigkeiten. Diese Sache mit dem Feuerstrahl würde sie lieber nicht ausprobieren, wenn Haruhi wirklich daran glaubte würde es am Ende sogar noch funktionieren „Ich weiß nicht...das klingt noch immer so...was ist?“
      Sie schrumpfte unter Haruhis prüfendem Blick zusammen, plötzlich begann Haruhi zu grinsen „Du hast recht. Für so eine tolle Fähigkeit brauchst du sowieso erstmal bessere Kleidung, oder um genau zu sein, ein Kostüm.“ Asahina traute sich gar nicht nachzufragen und die Antwort wollte sie erst recht nicht hören. „Ja genau das ist es was du brauchst, ich weiß nur noch nicht was, wir sollten uns morgen mal auf dem Markt umsehen. Ich bin sicher es gibt irgendwo einen Stand mit deadlischer Mode.“
      „Ich...“
      „Da bist du ja endlich.“ unterbrach sie die Stimme von Garon, dem Hauptmann der königlichen Soldaten in Haruhis Wache, die rund zwei Dutzend Männer strömten hinter ihm in den Schankraum „Wir haben schon auf deine Rückkehr gewartet, wo sind denn deine neuen Leibwachen?“
      „Durchkämmen die Stadt.“ antwortete Haruhi knapp und wollte an den Soldaten vorbei nach oben auf ihre Zimmer verschwinden.
      „Gut, das macht die Sache deutlich leichter.“ er nickte einem seiner Männer zu und der packte Haruhi am Arm und hielt sie fest.
      „Was soll das? Lass mich sofort los.“ sie funkelte den Soldaten wütend an.
      „Im Namen des Königs, werden die Matriarchin von Vanidarien und ihre Erbin des Verrates angeklagt, für schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt.“ sagte Garon grinsend und der Soldat verstärkte daraufhin seinen Griff noch „Wir lange habe ich auf diesen Augenblick gewartet, es ist an der Zeit die Hexen von Vanidos endgültig auszulöschen und dieses arme Reich von eurem verfluchten Geschlecht zu befreien.“
      „Was? Was redest du da? Sieh zu das du Land gewinnst du Absch...“ weiter kam sie nicht, denn der Soldat rammte ihr die Faust in den Magen. Sie krümmte sich vor Schmerzen, aber nur kurz, dann blickte sie mit Hass in den Augen wieder auf. Während der Königliche noch lachte, raste Haruhis anderer Arm nach vorne und ihre Finger bohrten sich mit voller Wucht direkt in die Augen des Soldaten, gleichzeitig biss sie mit aller Kraft in die Hand die sie festhielt. Schreiend vor Zorn und Schmerz ließ er sie los und taumelte zurück. In Haruhis Händen tauchte irgendwoher ein langer, gefährlich gebogener Dolch auf und mit einer schnellen und fast schon beiläufigen Bewegung schnitt sie dem Mann die Kehle durch. Ein anderer Soldat hatte in der Zwischenzeit sein Schwert gezogen und versuchte seinen Kameraden zu rächen. Haruhi unterlief den eilig geführten Schwertreich. Plötzlich stand sie direkt vor dem überraschten Soldaten. Der ungewöhnlich scharfe Dolch durchschnitt den roten Wappenrock und sogar das Kettenhemd darunter ohne Probleme und schlitzte ihm letztendlich den Bauch auf. Noch bevor der Königliche sich von seiner Überraschung und dem Schmerz erholen konnte, bohrte sich die Spitze in seine Kehle. Rasch sprang Haruhi wieder zurück und brachte so viel Abstand wie möglich zwischen sich und die restlichen Soldaten, welche sie langsam einkreisten.
      „Seid vorsichtig ihr Idioten! Versucht nicht sie alleine anzugreifen!“ rief Garon seinen Männern zu, er hatte in den Kriegen gegen Vanidarien gekämpft und wusste wie seltsam die Kampfweise der Matriarchinnen war. Die Silberblätter kleideten sich normalerweise in schwere Rüstungen und zogen auf dem Rücken eines Pferdes in die Schlacht, doch die Matriarchinnen hatten ihre eigene Art zu kämpfen. Sie überließen sich ganz ihren Instinkten, sie dachten nicht nach und scherten sich kein bisschen um ihre Verteidigung. Sie kämpften als wären sie unverwundbar. Die Vanidaren behauptet ihr göttliches Blut würde ihre Bewegungen leiten und sie zu nahezu unüberwindbaren Kriegerinnen machen, aber zumindest letzteres stimmte nicht. Solange man vorsichtig und in der Gruppe vorging war die Gefahr relativ gering. Asahina konnte nichts anderes machen als von der Seite aus zuzusehen. Sie wusste nicht wovor sie gerade mehr Angst hatte, vor den Männern des Königs oder vor Haruhi. Ihrer Haltung haftete etwas fast schon animalisches an. Sie stand unbeweglich da, den Rücken leicht gekrümmt und den blutüberströmten Dolch weit von sich gestreckt. Unbeeindruckt vom schnellen Tod ihrer zwei Kameraden schlossen die Soldaten den Kreis um Haruhi immer enger. Ohne Vorwarnung schnellte sie vor und sprang auf einen der Männer zu. Aber bevor sie Gelegenheit erhielt ihn genauso schnell wie die anderen zu töten, schrammte eine Schwertklinge von der Seite über ihren Arm und sie musste weiteren Angriffen ausweichen. Die Königlichen ließen ihr keine weitere Gelegenheit mehr zum Angriff. Schläge hagelten auf sie nieder und immer öfter konnte sie kaum noch ausweichen. Schon nach kurzer Zeit gelang es einem der Männer sie von hinten niederzuschlagen während sie mit dem Rest beschäftigt war.
      „Ich hätte nicht gedacht das wir sie lebend kriegen. Wir nehmen sie erstmal so mit, falls sie Ärger macht reicht dem König sicher auch ihr Kopf.“ schwer atmend steckte Garon sein Schwert weg, er deutete auf einen seiner Männer „Kümmer dich um das andere Mädchen. Schneid ihr die Kehle durch und dann zünden wir dieses Gasthaus an. Ihr Tod sollte nach einem Unfall aussehen, wir können keinen Ärger mit den Republiken gebrauchen.“
      Asahina drückte sich ängstlich an die Wand. Aus irgendeinem Grund hob sie ihre linke Hand an und hielt sie sich vor ihr Auge, genauso wie Haruhi es ihr vorhin gezeigt hatte „M-m-m...“ stotterte sie.
      „M-m-m-m“ äffte der Soldat sie grinsend nach, während er näherkam „Was soll das werden?“
      „Mikuru Beam!“ sie legte ihre ganze Angst in diesen Schrei und tatsächlich passierte etwas. Sie spürte wie ihr Kopf heißer wurde, es fühlte sich an als hätte man sie mit Öl übergossen und angezündet. Der Soldat ließ sich davon nicht beeindrucken und stand jetzt direkt vor ihr. Aber noch bevor er irgendetwas tun konnte, schoss ein Feuerstrahl aus dem linken Auge der schreienden Asahina. Alleine die Wucht des Strahls reichte aus um dem Mann den Kopf wegzureißen und ließ nichts zurück als einen rauchenden Stumpf. Ein weiterer Flammenstrahl fraß sich durch die Brust eines weiteren Soldaten. Entsetzt wichen die Männer zurück. Asahina wand sich unter Schmerzen hin und her. Unaufhörlich schoss weiter Feuer aus ihrem Auge, verbrannte die Königlichen und schmolz sie teilweise sogar zu unförmigen Klumpen zusammen. Das Feuer verfolgte die panisch fliehenden Soldaten, jagte sie durch den Schankraum und selbst als einigen die Flucht nach draußen gelang wurden sie von den Flammen noch eingeholt. Endlich hörte es auf. Schluchzend und mit den Händen auf ihr Auge gepresst brach Asahina in sich zusammen. Rauch quoll zwischen ihren Fingern hervor und langsam wurde ihr selbst vor ihrem anderen Auge schwarz. Um sie herum fraß sich das seltsame Feuer durch das Holz des Gasthauses. Nachdem die Soldaten vernichtet waren verhielt es sich wie ganz gewöhnliches Feuer und machte sich jetzt unkontrolliert daran das ganze Haus zu verschlingen. Schwankend versuchte sie wieder aufzustehen, aber es gelang ihr nicht, die aufflammenden Schmerzen in ihrem Auge rissen sie sofort wieder nach unten. Sie spürte schwach wie jemand sie am Arm packte, aber davon wie sie aus dem Haus herauskam, bekam sie kaum noch etwas mit.



      Als Koizumi, Yuki und Kyon das Gasthaus erreichten brannte es bereits lichterloh. Zum Glück regnete es noch immer, aber selbst dieser starke Regen konnte das Feuer kaum eindämmen, geschweige denn löschen. Und dort auf der regenüberströmten Straße lagen sie, vollkommen regungslos. Neben ihnen hockte der vollkommen unbeeindruckte, kleine Bergbär von Haruhi und knabberte sorglos an einem Apfel. Koizumi und Yuki rannten sofort zu Haruhi. Nur Kyon ging neben Asahina auf die Knie, sie hielt ihr linkes Auge bedeckt und oberflächliche Brandwunden bedeckten ihre Arme. Er atmete erleichtert auf, sie schien nicht schwer verletzt zu sein.
      „Kyon...“ mehr als dieses schwache Flüstern, begleitet von schmerzerfülltem Wimmern, brachte die junge Mimir nicht über die Lippen bevor sie endgültig das Bewusstsein verlor. Sanft umfasste er ihre Hand und hob sie vorsichtig an. Beißender Gestank schlug ihm entgegen und Kyon wandte das Gesicht rasch ab. Von ihrem Auge war nichts weiter als eine geschmolzene, undefinierbare Masse übrig.
      „Haruhi hat Rauch eingeatmet und einige Schläge und Schnitte abbekommen, aber ich denke es geht ihr gut, die Verletzungen sind alle nur oberflächlich. Was ist mit Asahina?“ Koizumis Stimme drang nur schwach zu ihm durch, das Toben der Flammen und die Angst um Asahina übertönten alles um ihn herum „Yuki kann ihr vielleicht helfen, aber wir müssen hier weg. Wir wissen nicht ob noch Feinde in der Nähe sind, oder was genau passiert ist. Ich weiß nicht wo wir hin können, haben die Mimir irgendwelche Gebäude oder Freunde in Nurc? Kyon. Kyon!“
      Endlich rissen Koizumis Worte ihn aus seiner angsterfüllten Starre, der Silberblatt hatte sich Haruhi auf den Rücken gepackt und wartete nur noch auf ihn. „Ja...ja ich denke schon.“ Vorsichtig hob er Asahinas zerbrechlich wirkenden Körper an und sie rannten an den Schaulustigen und eintreffenden Löschhelfern vorbei.

      In einer Seitengasse standen Asakura und Roger und betrachteten die Szene mit gemischten Gefühlen „Ich hasse Unterbrechungen, wir hätten sie alle töten sollen anstatt panisch hieher zu rennen. Haruhi hätten wir danach selber retten können, warum hast du mich zurückgehalten?“ sie blickte zu Roger, dessen Hände schon die ganze Zeit den Griff seines Schwertes umklammerten. Erst als sie Haruhi gesehen hatten war er wieder in der Lage gewesen sich etwas zu entspannen, doch sein Gesicht blieb weiterhin eine ausdruckslose, bleiche Maske „Hey, ich rede mit dir Rotauge.“
      „Sie ist am Leben.“ flüsterte Roger und atmete endlich erleichtert auf, beinahe hätte seine kleine persönliche Fehde mit diesem Kyon das einzige vernichtet was ihn noch am Leben erhielt, was ihn antrieb und sein ganzes Sein erfüllte „Das Risiko war zu groß, was wenn ihr etwas passiert wäre?“
      Asakura wollte zu einer Erwiderung ansetzen, aber die stechenden Schmerzen in ihrem Kopf erinnerten sie daran dass die Stimmen genauso dachten wie das Rotauge. Wenn Haruhi starb, würden die Stimmen Asakura zermalmen und restlos vernichten. Also entschied sie sich lieber seine leise gemurmelten Worte zu ignorieren „Na schön, meinetwegen. Aber was machen wir jetzt? Wir können nicht zuschlagen solange er bei Haruhi ist und wir haben gerade erlebt was passiert wenn wir versuchen ihn wegzulocken, dann tauchen diese Beiden auf und Haruhi ist wieder ungeschützt.“
      „Es wird sich schon noch eine Gelegenheit ergeben, spätestens wenn sie aus der Stadt heraus sind. Am wichtigsten ist es Haruhi nicht weiter zu gefährden. Der Arm des Vizekönigs ist lang, es gibt nur wenige Orte im Reich an denen sie sicher ist und er wird weitere Männer schicken, vielleicht beauftragt er sogar die Gilde.“
      „Also dasselbe wie die letzten Wochen, verfolgen und beobachten.“
      „Ja, aber am besten getrennt voneinander, du bist mir nämlich noch immer verdammt unheimlich und ich will nicht dass du mich freundlich lächelnd abstichst nur weil deine seltsamen Stimmen verrückt spielen.“ mit diesen Worten verschwand er einfach in dieselbe Richtung in die Kyons Gruppe gelaufen war.
      „Ich bin unheimlich? Ich!?“ fragte sie verwundert, sie sollte unheimlich sein? Vielleicht sollte sie bei Gelegenheit mal eines ihrer nächsten Opfer fragen, die würden ihr sicher recht geben dass sie viel zu freundlich lächelte um unheimlich zu sein „Unheimlich...wer redet denn die ganze Zeit davon Haruhi zu entführen und führt sich auf wie ein liebeskranker Irrer?“[/i]

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      Neues Kapitel von Vani

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